Von Joachim Herr
20. Juni 2006 Die kostspielige Trennung vom Mobiltelefongeschäft vor einem Jahr war nur der Anfang. Die ganze Kommunikationstechnik, die größte Sparte von Siemens, erlebt einen gewaltigen Umbruch. Mehr noch: Siemens ist dabei, sich von diesem Geschäft, der Wurzel des 159 Jahre alten Elektrounternehmens, zu verabschieden. Motor dieser Entwicklung sind die Umwälzungen im Markt und Klaus Kleinfeld, der Vorstandsvorsitzende von Siemens.
Der nächste große Schritt auf dem Weg, die von Kleinfeld als unumstößlich vorgegebenen Renditeziele im Frühjahr 2007 zu erreichen, ist das Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia. Darin bündeln der deutsche und der finnische Konzern ihr Infrastrukturgeschäft für Fest- und Mobilfunknetze. Auf dem Papier sind beide mit einem Gesellschafteranteil von jeweils 50 Prozent gleichberechtigt. Doch an der Dominanz der Finnen gibt es keinen Zweifel, obwohl Siemens etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes und erheblich mehr Mitarbeiter beisteuert: Vorstandsvorsitzender des neuen Unternehmens wird ein Nokia-Manager, die Aufsicht leitet Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo, und Hauptsitz ist Helsinki.
Vorwurf des Ausverkaufs
Auch wenn die Forschung und Entwicklung von Siemens auf dem Gebiet der Fest- und Mobilfunknetze in Deutschland bleiben, hat künftig allem Anschein nach ein ausländischer Konzern das Sagen. Ohne Umschweife stellt Kleinfeld mittlerweile auch das Geschäft mit Firmenkunden - Kommunikationsanlagen für Unternehmen - zur Disposition. Ein Favorit könnte der amerikanische Konzern Avaya sein. Nach erfolgreicher Partnersuche strebt Siemens in diesem Segment von Anfang an nur eine Minderheitsbeteiligung an. Das lange Kapitel der Telekommunikationstechnik in dem Unternehmen wäre dann so gut wie beendet.
Werner von Siemens hatte die Gesellschaft 1847 nach seiner Erfindung des Zeigertelegraphen mit Johann Georg Halske gegründet und ein Jahr später die erste Telegraphenverbindung Europas über weite Strecken zwischen Berlin und Frankfurt am Main gebaut. Doch die starke Tradition in diesem Geschäft wiegt für Kleinfeld die schwache Rendite nicht auf. Patrioten in der deutschen Informationstechnik-Industrie werfen ihm hinter vorgehaltener Hand einen Ausverkauf vor und sprechen von einer Katastrophe für die deutsche Kommunikationsindustrie. Sie trösten sich damit, daß ein europäischer Partner wie Nokia aber allemal besser sei als ein weiterer asiatischer Käufer, der sich Wissen und Technik von Siemens schnappe. Die Mobiltelefonsparte ist im vergangenen Jahr bei Benq in Taiwan gelandet.
Börse feiert beide Unternehmen
Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens und Kleinfelds Vorgänger, dürfte die neue Strategie mit wenig Begeisterung begleiten. Er hatte die Struktur des Konzerns - abgesehen vom stark schwankenden Halbleitergeschäft - bewahrt und zum Beispiel mit der Energie- und Medizintechnik tiefe Krisen ausgestanden. Ganz Diplomat, verkneift sich Pierer jedoch einen öffentlichen Kommentar über die Arbeit Kleinfelds.
Freilich war es auch ihm in seiner Zeit als Konzernchef bis Anfang 2005 nicht gelungen, daß sich die Siemens-Kommunikationstechnik von dem drastischen Schrumpfen des Marktes zu Beginn dieses Jahrzehnts erholt hätte. Tausende Stellen zu streichen genügte nicht. Rückstände auf manchen Gebieten der Technik konnte Siemens nicht aufholen. Auch die mit großen Hoffnungen und starken Worten begleitete Zusammenlegung des Festnetzgeschäfts ICN und der Mobilfunksparte ICM zu Com, der größten Siemens-Sparte, im Oktober 2004 brachte nicht die Wende. Die Größe sollte nach dem Plan des ersten Com-Vorstandschefs Lothar Pauly in Stärke umgewandelt werden. Doch es war für Siemens schon zu spät: Die Ertragsschwäche blieb, Pauly wechselte zu T-Systems der Deutschen Telekom.
Das Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia feierte die Börse am Montag als Befreiungsschlag für die Schwierigkeiten, die Siemens in der Kommunikationstechnik plagen. Aus dem fulminanten Anstieg der Siemens-Aktie läßt sich auch schließen, daß die Aktionäre dem Management von Nokia mehr zutrauen als den Vorständen von Com. Den seit Jahren um ihren Arbeitsplatz zitternden Beschäftigten verspricht die Kooperation mit den Finnen auf lange Sicht mehr Sicherheit. Doch zunächst werden weitere Stellen gestrichen, und einige Analysten bezweifeln schon, daß der geplante Abbau von 6000 bis 9000 Plätzen in dem Gemeinschaftsunternehmen ausreichen wird.
Chancen in der Medizin- und Energietechnik
Mit einer Lösung für Com ist Klaus Kleinfeld noch nicht alle Sorgen los. Die Informationstechnik-Dienstleistungen SBS sind auch wegen der Kosten für die Neuordnung tief in der Verlustzone. Einzelne Segmente von SBS hat Siemens schon abgegeben, weitere werden wohl folgen. Kleinfeld ist also auf gutem Weg, die mit seiner Glaubwürdigkeit engverbundenen Margenziele im Frühjahr 2007 zu erreichen - auch wenn es dann die Krisensparten gar nicht mehr als eigenständige Geschäftsgebiete geben sollte. Dann ließe sich allerdings darüber streiten, ob die Renditevorgaben für Com und SBS überhaupt sinnvoll und realistisch waren.
Profitables Wachstum schreibt Kleinfeld ganz groß. Deshalb trennt er sich von margenschwachen Geschäften, für die er im Siemens-Konzern allein keine Chancen mehr sieht. Seine Schlagworte für Wachstum sind Megatrends: immer mehr Menschen und immer mehr ältere auf der Welt sowie die rasch fortschreitende Verstädterung. Kleinfeld sieht deshalb große Chancen für Siemens in der Medizin- und Energietechnik sowie im Industriegeschäft. Für die Kommunikationstechnik ist kein Platz mehr.
Text: F.A.Z., 20.06.2006, Nr. 140 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
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