Chemie/Pharma

Rätselraten nach dem Führungswechsel bei Merck

23. November 2005 Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA hat sich am Dienstag abend mit sofortiger Wirkung von seinem Vorsitzenden der Geschäftsleitung getrennt. Gründe für den Abschied von Bernhard Scheuble werden vom Unternehmen nicht genannt; Scheuble gehe aber „im gegenseitigen Einvernehmen“.

„Die Strategie und das Ergebnis stehen nicht zur Debatte“, betonte ein Merck-Sprecher, ohne nähere Angaben zu den Hintergründen zu machen. Er wies darauf hin, daß Abweichungen in der Geschäftsentwicklung meldepflichtig seien, schloß damit also solche Zielabweichungen aus. Der Hinweis läßt Spekulationen darüber zu, daß es um strategische Differenzen mit den Mehrheitsgesellschaften der Familie Merck geht. Wie aus sicherer Quelle zu erfahren ist, handelt es sich nicht um persönliche Verfehlungen des 52 Jahre alten Scheuble. „Damit hat es nichts zu tun“, hieß es aus dem Umfeld des Unternehmens. „Aber Familiengesellschaften ticken anders.“

Jon Baumhauer, der Sprecher der Familie Merck wird mit den Worten zitiert, man wünsche Scheuble alles Gute. Er habe in den 24 Jahren, die er dem Unternehmen angehörte, einen eindrucksvollen Wertzuwachs erwirtschaftet und Arbeitsplätze geschaffen. Tatsächlich ist der Aktienkurs von Merck in den vergangenen drei Jahren um mehr als 200 Prozent gestiegen. Allein für die zurückliegenden zwölf Monate steht ein Kursplus von knapp 70 Prozent zu Buche.

Trotz hervorragender Zahlen

Nachfolger von Scheuble wird sein bisheriger Stellvertreter Michael Römer, 59 Jahre. Die Leitung des Unternehmensbereichs Pharma, den Scheuble zuvor in Personalunion geführt hatte, übernimmt Elmar Schnee. Römer behält unverändert die Zuständigkeit für die Bereiche Produktion, Technik, Einkauf und Logistik. „Mit Römer steht ein Mann an der Spitze des Unternehmens, der sich in den 27 Jahren seiner Betriebszugehörigkeit eine breite Vertrauensbasis geschaffen hat“, wird Frank Stangenberg-Haverkamp, der Vorsitzende des Gesellschafterrats der E. Merck OHG zitiert, die die wirtschaftlichen Interessen der Familie Merck bündelt und die mit einer Beteiligung von 73 Prozent Komplementär der börsennotierten Merck KGaA ist.

Der Abgang Scheubles, der seit Juli 2000 an der Spitze von Merck gestanden hatte, kommt besonders deshalb völlig überraschend, weil das Unternehmen seit einiger Zeit hervorragende Zahlen präsentiert.

Spekulationen zurückgewiesen

Einige Beobachter schließen aus dem überraschenden Führungswechsel, dass es persönliche Differenzen mit den Mehrheitsgesellschaftern des Familienunternehmens gegeben haben könnte. Merck ist zu rund 73 Prozent in Familienbesitz. Die Familie habe Scheubles Strategie mitgetragen, die Chemie zwischen den beiden Parteien hätte jedoch nicht mehr gestimmt, hieß es. „Es gibt Situationen wie in einer Ehe, wo man sich auseinander lebt“, sagte ein Branchenkenner. Spekulationen, dass es zu einem Streit über einen möglichen Einstieg beim Bad Homburger Pharmakonzern Altana gekommen sei, wies ein Sprecher von Merck als „pure Spekulation“ zurück.

Erst Ende Oktober hatte Merck wegen der guten Geschäftsentwicklung in den ersten neun Monaten die Jahresprognose angehoben. Für das operative Ergebnis, das im vergangenen Jahr 755 Millionen Euro erreicht hatte, stellte Scheuble ein Plus in zweistelliger Prozenthöhe in Aussicht. Der Grund für diese positive Entwicklung ist vor allem das boomende Geschäft mit Flüssigkristallen, die in Flachbildschirme eingebaut werden.

Zudem hatte es Scheuble geschafft, mit dem Darmkrebsmedikament Erbitux einen neuen Hoffnungsträger in das Pharmageschäft zu holen. Nach Verkäufen von Teilen des Unternehmens ist Merck nahezu schuldenfrei und hält seit geraumer Zeit nach Übernahmekandidaten Ausschau. Bei dieser Suche konnte Scheuble bisher allerdings keinen großen Erfolg verbuchen. Der Austausch vollzieht sich noch unter der Kontrolle des Aufsichtsratsvorsitzenden Peter Zühlsdorff, der zugleich Vorstandsvorsitzender der Duales System Deutschland AG ist. Im kommenden Jahr wird Zühlsdorff den Aufsichtsratsvorsitz an Wilhelm Simson übergeben, der von Mitte 2000 bis 2003 als Co-Vorstandsvorsitzender die Geschicke des Düsseldorfer Energiekonzerns Eon leitete.



Text: FAZ.NET mit Material von Kno./F.A.Z. und dpa
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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