Von Martin Hock
05. Mai 2008 Ziemlich genau drei Monate ist es her, dass Microsoft mit einem Übernahmeangebot für den Internet-Konzern Yahoo eine neue Attacke auf den Suchmaschinen-Konzern Google im Kampf um die Lufthoheit über das Internet eröffnete. Jetzt ist der Angriff erst einmal gestoppt und das Übernahmeangebot im Mülleimer gelandet. Trotz unserer Bemühungen, was auch eine Erhöhung des Gebots um rund 5 Milliarden Dollar beinhaltete, hat Yahoo unser Gebot nicht angenommen, heißt es in einem Schreiben von Microsoft an Yahoo, in dem der Softwarekonzern das Kaufangebot zurückzieht.
An der Börse kam schon am Morgen die Quittung: Im deutschen Handel bricht der Kurs der Yahoo-Aktie um mehr als 18 Prozent ein. Auch wenn Microsoft möglicherweise Pläne in Bezug auf Yahoo doch weiterverfolgen könnte, sehen mit der Transaktion vertraute Personen beider Seiten in dem Rückzug des Gebots keinen taktischen Schritt, um Yahoo zu einer Annahme des Gebots zu drängen.
Ein Management gegen seine Hauptaktionäre
Immerhin hatten die Hauptaktionäre von Yahoo zuvor ihre Zustimmung zu einer Übernahme für einen Preis von 34 bis 35 Dollar je Aktie signalisiert. Doch da die drei größten Aktionäre des Konzerns lediglich rund 21 Prozent des Kapitals halten, kam es sehr auf die Haltung des Yahoo-Managements an - und das zierte sich, um es milde zu formulieren.
Auf allen möglichen Ebenen mühte man sich um Gegenentwürfe. Da wurde eine Werbepartnerschaft mit Google angekündigt sowie die Absicht, das eigene Angebot mit dem der darbenden Time-Warner-Tochter AOL zu kombinieren. Microsoft versuchte Rupert Murdochs Medienkonzern News Corp. mit ins Boot zu holen, doch der verlor zusehends das Interesse.
Yahoo wies die Offerte stets zurück: der gebotene Preis stelle eine substantielle Unterbewertung dar. Mutig wurde der Konzern, dessen Ertragslage in den vergangenen Quartalen eher mäßig war, wohl auch dadurch, dass das Unternehmen im ersten Quartal mehr verdiente als erwartet. Allerdings fiel das Ergebnis nicht allzu überzeugend aus, zudem änderte Yahoo seine im Januar ausgegebene Umsatzprognose nicht. Yahoo-Vorstandschef Jerry Yang sagte Ende April dennoch, Microsofts Angebot werde nicht weiter geprüft, solange der Preis nicht erhöht werde. Unsere Fähigkeit, an mehreren Fronten erfolgreich zu sein, verbessert sich deutlich, erklärte der Mitbegründer von Yahoo.
70 Prozent Aufschlag - das wäre drin gewesen
Jetzt sehen Experten in Yang und Yahoo die großen Verlierer. Das emotionale Festhalten an seinem Baby Yahoo könnte Yangs rationalen Blick aufs Geld etwas getrübt haben. Am Ende hätten Yahoo-Aktionäre 70 Prozent Aufschlag auf den Kurs bekommen, zu dem die Aktie vor dem Übernahmeangebot gehandelt worden war.
Dem würden manche vielleicht noch nachweinen - oder auch gegen Yang auf die Barrikaden gehen, meinen Analysten. Für die Yahoo-Aktionäre war das Angebot ein Geschenk des Himmels, nachdem Yangs Rückkehr nicht die spektakuläre Wende brachte, die sich viele erhofft hatten. Vor allem sahen Analysten in Yangs angestrebten Verbesserungen eher kleine Schritte als eine Radikalkur. Nun rechnen sie mit Kursverlusten von bis zu 30 Prozent.
Microsofts Rückzug wird zwar als Sieg der Vernunft angesehen. Die Frage ist aber, welche Alternativen der Konzern für seine Internet-Strategie hat. Experten erwarten rasch andere, kleinere Zukäufe Microsofts. Denn mit etwas anderem als dem Spitzenplatz bei Suche, Werbung und Netzwerken im Internet gibt sich ein Gigant wie Microsoft nicht zufrieden: Unser klares Ziel ist es, auf jedem dieser Felder führend zu sein, kündigte der Vorstandsvorsitzende Steve Ballmer in einer internen E-Mail an die Mitarbeiter an.
Microsoft hinkt fast überall hinterher
Derzeit aber hinkt der Onlinedienst MSN weit auch hinter Yahoo hinterher. Die Microsoft-Suche Live Search kann nicht mit Google mithalten. Und auch die im adCenter vereinten Bemühungen um den Online-Werbemarkt können Google samt DoubleClick nicht wirklich in Verlegenheit bringen. Auch hier liegt Microsoft abgeschlagen auf Platz drei noch hinter Yahoo.
AOL könnte zwar ein Objekt sein, doch ist ein Gutteil von dessen jüngsten Erfolgen der Zusammenarbeit mit Google geschuldet. Der Rivale hält zudem fünf Prozent an AOL. Zahlreiche Namen kleiner Unternehmen wie der Mikro-Bloggingdienst Twitter werden zudem genannt. Ob aber diese Microsoft nach vorne bringen werden, ist nicht klar.
Positiv ist die geplatzte Übernahme in jedem Fall für Google. Nachdem das Unternehmen im vierten Quartal zu schwächeln schien, verdiente es im ersten Quartal des laufenden Jahres wieder deutlich mehr als der Markt erwartet hatte. Und so erholte sich auch der Aktienkurs, der zum Jahreswechsel deutlich konsolidiert hatte.
Die Kurschancen für Microsoft und Google sind begrenzt
Wie reagieren die Börsianer auf all diese Überlegungen? Die Aktienkurse von Google und Microsoft verzeichneten am Montag deutliche Aufschläge von 2,5 beziehungsweise vier Prozent. Bei Microsoft dürfte eine gewisse Erleichterung eine Rolle spielen. Gab es doch viele, die in dem Angebot eine Verzweiflungstat sahen - so etwa Thomas Radinger, Fondsmanager bei Pioneer Investments. Er hatte erwartet, dass es Jahre braucht, bis der riesige Zukauf Yahoo integriert ist.
Nichtsdestoweniger erscheinen die längerfristigen Chancen für alle Aktien begrenzt. Für Microsoft ist es nicht einfacher geworden, eine bedeutendere Rolle im Internet-Geschäft einzunehmen. Mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 13,6 für das laufende und 12 für das kommende Lager sind die Bewertungsspielräume begrenzt, so dass eine Erholung vor der Marke von 32 Dollar scheitern dürfte.
In der Google-Aktie sind mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 32,4 für das laufende und 25,8 für das kommende Jahr weiter hohe Erwartungen eingepreist. Doch noch ist nicht klar, ob und inwieweit sich eine Rezession in den Vereinigten Staaten auch auf das Online-Werbegeschäft auswirken wird. Solange sich diese aber nicht zeigt, könnte der Aktienkurs wieder Kurs auf die alten Höchststände nehmen, zumindest aber bis zu den Widerstandsmarken zwischen 625 und 650 Dollar.
Geht es mit Yahoo weiter abwärts?
Hinsichtlich der Yahoo-Aktie, mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von mehr als 40 für das laufende und kommende Jahr ohnehin am höchsten bewertet, wird sich zeigen müssen, ob sie Kurse oberhalb des Vier-Jahres-Tiefs vom Januar bei 19,05 Dollar behaupten kann. Falls nicht, fehlen Unterstützungen bis in den Bereich von zehn Dollar.
Aber noch ist das Übernahmeangebot nicht endgültig gelaufen. Denn angesichts eines Kurssturzes könnte eine Revolte enttäuschter Aktionäre die Yahoo-Spitze zu einem Kurswechsel zwingen und das Unternehmen doch noch in Microsofts Arme treiben. Just diese Spekulation aber könnte einen weiteren Absturz kurzfristig verhindern, etwa wenn angesichts früherer Kursverluste wieder Käufe einsetzen. Vollzieht sich dieses Szenario, wäre dies für die Yahoo-Aktionäre die schlechteste Alternative. Denn bis sich dann ein entsprechender Abschlag in der Notiz zeigt, könnte Microsoft endgültig umdisponiert haben.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: AP, F.A.Z., reuters
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