Von Carsten Germis und Winand von Petersdorff
09. Februar 2008 Die Prospekte und Plakate sind gedruckt und lagern in den Filialen. Die Verkäuferinnen sind eingewiesen. Noch in diesem Monat will Schlecker groß in das Geschäft mit Medikamenten einsteigen.
Damit wird wahr, was Deutschlands Apotheker lange gefürchtet haben: der Großangriff der Drogeriemärkte im Arzneimittelhandel. Schlecker steht für Aggression“, heißt es bei den Apothekern. Schlecker will expandieren und den Markt für Medikamente aufrollen. Das Unternehmen lenkt 11.000 Filialen allein in Deutschland, lockt jede Woche 16 Millionen Kunden an, ist so bekannt wie Franz Beckenbauer und pflegt sein Image als Billigheimer. Rezeptfreie Medikamente wie Aspirin sind im Schnitt um 20 Prozent billiger. Apothekenpreise – nein danke“ heißt es im Verkaufsprospekt.
In aller Stille hat Schlecker einen Versandhandel für Medikamente im holländischen Heerlen aufgebaut. Damit die deutschen Drogerie-Besucher dort bestellen, bekommen sie in den Schlecker-Filialen 48 Seiten dicke Kataloge mit 600 Medikamenten, die es nur in der Apotheke gibt. Wer die Arzneien ordert, bekommt sie nach Hause geliefert.
Nicht nur rezeptfreie Medikamente
Dabei beschränkt sich Schlecker nicht auf rezeptfreie Medikamente wie Dolormin, Voltaren oder Wobenzym. Die Kunden erhalten mit dem Katalog auch ein frankiertes und adressiertes Kuvert, in das sie Rezepte stecken und an die Versandapotheke schicken. Binnen 48 Stunden kommt die Arznei zurück – dazu gibt es einen Schlecker-Gutschein im Wert von drei Euro.
Das ist nur der erste Schritt. In Phase zwei könnten Patienten ihre georderten Medikamente im Schlecker-Markt abholen und die Rezepte dort aufgeben. Eine Anlieferung in die Schlecker-Märkte ist derzeit nicht möglich“, heißt es zwar in internen Informationen an die Schlecker-Verkaufsstellen. Das Unternehmen spekuliert darauf, dass sich das spätestens ändern wird, wenn die EU die Bundesrepublik 2009 zur Öffnung der Arzneimittelmärkte zwingt. Dann wird es auch in Deutschland zu einem Nebeneinander von Einzelapotheken, Apothekenketten und Versandhandel kommen. Und dann kommt die Präsenz von Schlecker richtig zum Tragen: Die Filialen sind einfach überall; selbst dort, wo sich der klassische Einzelhandel längst verabschiedet hat.
Der Vorstoß von Schlecker ist sehr ernst zu nehmen
Der Vorstoß von Schlecker ist sehr ernst zu nehmen“, meint Ursula Lindl, Chefin der Zur Rose Pharma GmbH. Ihr Unternehmen gehört 1500 Schweizer Ärzten, wickelt mit seinem Logistikzentrum in Halle an der Saale das Versandgeschäft für Apotheken ab und sucht in Deutschland nach strategischen Partnern. Alle Drogerie-Ketten beschäftigen sich mit diesem Thema, die meisten Großhändler und die Lebensmittelriesen“, berichtet Lindl.
Weiter als Schlecker, aber deutlich kleiner ist die Drogeriekette dm. Sie hat in 80 Filialen in Nordrhein-Westfalen Terminals der holländischen Europa Apotheke Venlo aufgestellt. Der Kunde füllt den im dm-Markt ausliegenden Bestellschein der Versandapotheke aus, steckt ihn – bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln gemeinsam mit dem Rezept – in eine Bestelltasche und wirft diese in eine Bestellbox am sogenannten Pharma-Punkt. Spätestens 72 Stunden später kann der Kunde, wenn er den Abholschein und den Personalausweis vorlegt, das Paket mit den Medikamenten im dm-Markt abholen.
Medikamente gehören nicht zwischen Putzmittel und Schuhcreme
Das Oberverwaltungsgericht Münster hat diese Praxis in einem Urteil abgesegnet. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet im März, ob eine Revision dagegen zulässig ist. Wenn dm recht bekommt, dann prüft Geschäftsführerin Petra Schäfer die Ausdehnung zunächst auf alle 300 Filialen in Nordrhein-Westfalen. Den bundesweiten Auftritt aber überlässt Schäfer erst einmal anderen.
Die Apotheker prüfen rechtliche Schritte. Medikamente gehören nicht zwischen Putzmittel und Schuhcreme“, schimpft Heinz-Günter Wolf, der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apotheker. Verbraucherschutz, Gesundheitsversorgung und Schlecker – das passt nicht zusammen.“ Noch hat der Versandhandel bei Medikamenten, die auf Rezept ausgegeben werden, nur einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. Bei frei verkäuflichen Arzneimitteln schwanken die Zahlen zwischen zwei und vier Prozent. Auf mindestens acht Prozent schätzen Berater das Potential. Wenn Schlecker jetzt groß einsteigt, sind aber auch deutlich mehr möglich, glaubt Pharma-Managerin Lindl.
Auch im klassischen Geschäft bekommen die Apotheker Konkurrenz
Versandhandel ist vor allem für chronisch Kranke und Patienten mit kalkulierbarem Krankheitsverlauf praktisch. Und diese Gruppe wächst beständig. Die deutlich wachsenden Kundenzahlen zeigen, dass Versandhandel auch im Apothekenbereich ein akzeptierter Vertriebsweg ist. Hinzu kommen die Kunden, die schon grundsätzlich gerne über das Internet bestellen“, sagt Lindl.
Doch auch im klassischen Geschäft bekommen die Apotheker Konkurrenz. Schon jetzt hat die Celesio-Tochter DocMorris mehr als 100 Apotheker als sogenannte Markenpartner gewonnen. Sie haben das rote Apotheken-A abmontiert und durch ein grünes Kreuz ersetzt. Das ist die Vorstufe zu einem Franchise-System und nicht mehr weit von einer Apothekenkette entfernt. In drei bis fünf Jahren sollen es 500 Markenpartnerschaften sein“, sagt Stefan Meister, Celesio-Vorstand für das Apothekengeschäft. Auch Schlecker hält sich diesen Weg offen. Die Luft für die Apotheken wird dünner. In der Schweiz haben Apothekenketten heute schon 20 Prozent Marktanteil, in England sind es 55 Prozent.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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