Von Christian von Hiller
15. August 2007 Die deutsche Politik feiert manche Erfolge leise. Diese Woche gab auch der Spirituosenkonzern Bacardi bekannt, dass er seine Alkopop-Marken Bacardi Rigo und Bacardi Breezer vom Markt zurück zieht. Damit ist der internationale Konzern einer der letzten Anbieter, der die umstrittenen Mixgetränke für die Jugend aus dem Sortiment nimmt.
Alkopops - das sind jene Getränke auf Basis von Rum oder Wodka mit meistens 5,5 Volumenprozent Alkohol, die so stark aufgezuckert sind, dass Penäler landauf landab zwischen Sylt und Sonthofen sich ungehemmt daran berauschen wollten. Von 2004 an belegte die damalige Bundesregierung diese Spirituosen-Mischgetränke mit einer Sondersteuer von 83 Cent je 275-Milliliter-Flasche. Der Erfolg stellte sich umgehend ein: Schon im ersten Jahr danach sank der Absatz von Alkopops um 80 Prozent. Der deutsche Verbraucher, auch der pubertierende, ist eben preissensibel.
Die letzten Alkopops werden abverkauft
Der Markt spielt keine Rolle mehr, sagt Christian Cordes, Sprecher der Bacardi GmbH in Hamburg. Mit dem Jahr 2007 wird auch die Erfolgsgeschichte von Rigo und Breezer zu Ende gehen. Die Produkte werden jetzt im Lebensmitteleinzelhandel abverkauft, sagt Cordes. Und das dauere noch eine gewisse Zeit.
Es überrascht nicht, dass die Politiker heute ihren erfolgreichen Kreuzzug gegen ein Teufelszeug namens Alkopop nicht feiern wollen. Denn die zuckersüßen Schnaps-Cocktails konnten sie vom Markt verdrängen. Doch die deutsche Jugend trinkt so viel wie zuvor - wenn nicht sogar mehr. Heute ist nicht mehr von süßen Party-Verführungen die Rede. Komasaufen ist jetzt angesagt.
Jugendliche trinken wieder mehr Alkohol
In den Jahren 2004 und 2005 ging der Alkoholkonsum der Jugendlichen unter 17 Jahren zurück. Dabei beginnt die Statistik schon bei Kindern im Alter von 12 Jahren. Doch nun steigt der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Alkohol trinken, schlägt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln Alarm. Seit 2005 steigt die pro Kopf konsumierte Alkoholmenge bei den 12- bis 17-jährigen Jugendlichen wieder, heißt es im jüngsten Alkohol-Bericht der Behörde, der im Juni erschien. Der Konsum alkoholischer Getränke ist sogar bei Teilgruppen der Jugendlichen über den Wert von 2004 angestiegen.
Nicht mehr fertig gemischte Cocktails auf Basis von Rum oder Wodka sind gefragt. Die Jugend trinkt jetzt Mischgetränke, die mittels Wein oder Bier auf die gewünscht hohe Zahl an Umdrehungen Alkohol kommt.
Wein und Bier erlaub' ich mir
Die neue Alkoholwelle fließt unbemerkt von der politischen Öffentlichkeit. Spirituosenkonzerne stehen seit jeher in der Kritik. Selbst für den Konsum einer Internet-Seite muss der Verbraucher sein Geburtsdatum angeben und versichern, dass er mindestens 18 Jahre alt ist - als mache schon ein hoher Verbrauch von Klick-Raten alkoholabhängig.
Anders die deutschen Brauer und Winzer: Diese genießen sogar die Aufmerksamkeit und Wertschätzung eines großen Teils der deutschen Politik. Wein wird gerne zum Kulturgut hoch stilisiert, Bier zum deutschen Nationalgetränk. Und das gilt offenbar auch für die entsprechenden Cocktails.
Korea-Schorle und Diesel
Dabei sind es gerade die Biermischgetränke und die Weinmischgetränke, die heute die viel größere Gefahr für Jugendliche darstellen, die sich an einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol noch herantasten müssen.
Mit den früheren Mischgetränken haben die heutigen Bier- und Weincocktails nichts gemein. Korea-Schorle heißt in Württemberg ein berüchtigter Mix aus Trollinger und Cola, der aus gutem Grund an Beliebtheit eingebüßt hat. Radler dagegen - Bier mit Limo - ist heute noch so populär wie eh und je. Wird Bier mit Cola versetzt, heißt das Ergebnis, wohl der Farbe wegen, Diesel. Manche nennen es auch Moorwasser, ebenfalls der Farbe wegen. Und auch der erste Alkopop vor Erfindung des Begriffs, Apfelkorn, kam in den siebziger Jahren noch relativ bieder daher.
Mit den Werbemitteln der Alkopops
Heute werden Cocktails auf Basis von Bier oder Wein mit den Erfahrungen aus der Alkopop-Welle präsentiert: Sie sind ausgesprochen süß, wobei diese durch Aromen (Lemon zum Beispiel) aufgefangen wird, und haben einen Alkoholgehalt von meistens um die 5 Volumenprozent. Allerdings merken die jungen Konsumenten - anders als bei Bier oder Wein - den Alkoholgehalt kaum.
Auch tritt die Industrie mit offener Direktheit auf: Die Bitburger Brauerei etwa bewirbt die Produkte Bit Passion, Bit Sun und Bit Copa im Internet mit lasziv tanzenden, knapp bekleideten Mädchen und der Werbeaussage A little less conversation, a Bit exciting - etwas weniger Konversation, etwas aufreizender. Die Internet-Seite www.bit-world.de ist auch ohne Altersbeschränkung zugänglich, und der Hinweis auf den Alkoholgehalt ist gut versteckt. Da ist Eichhof direkter: Barbara ist hell, intensiv goldgelb, samtweich und vollmundig, bewirbt beispielsweise die Schweizer Brauerei ihre Jugendmarke Eichhof Barbara, die auf immerhin 5,9 Volumenprozent Alkohol kommt.
Zahl der Besäufnis-Trinker steigt
Nicht Alkopops, Binge-Trinken ist laut Bundeszentrale das Problem: Immer mehr Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren trinken mindestens einmal im Monat fünf Gläser und mehr an einem Tag. Der Anteil der Binge-Trinker ist von 20 Prozent im Jahr 2005 auf 26 Prozent in diesem Jahr gestiegen. Das englische Wort binge bedeutet übrigens Besäufnis oder Gelage - der Name ist Programm.
Die Spirituosenindustrie scheint aus Alkopops gelernt zu haben. Bacardi plant keine neuen Produkte, die sich gezielt an die Jugend richten. Wir schaffen keinen Ausgleich für Rigo und Breezer, sagt Cordes.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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