Rick Wagoner

Der Unbekümmerte

Rick Wagoner hält sich trotz aller Verluste

Rick Wagoner hält sich trotz aller Verluste

12. Februar 2008 Wenn ein Unternehmen in eine wirtschaftliche Schieflage gerät, wird oft mit einem Wechsel in der Führungsspitze reagiert. Die krisengeschüttelte amerikanische Autoindustrie hat dafür in den vergangenen Jahren einige Beispiele geliefert. Bei Ford gab Bill Ford aus der Gründerfamilie den Posten als Vorstandsvorsitzender auf, an seine Stelle rückte Alan Mulally, der vom Flugzeugbauer Boeing geholt wurde. Chrysler wechselte die Führung aus, kurz nachdem das Unternehmen im vergangenen Jahr von Daimler an den Finanzinvestor Cerberus verkauft wurde. Tom LaSorda wurde abgelöst und mit Bob Nardelli ersetzt, den ehemaligen Chef der Baumarktkette Home Depot.

Nur bei dem größten der drei amerikanischen Autohersteller ist alles beim Alten geblieben: Rick Wagoner steht noch immer an der Spitze von General Motors. Vielen Beobachtern ist das ein Rätsel, denn GM liefert nun schon seit Jahren ein wahres Trauerspiel ab. GM geriet bereits im Jahr 2005 als erster der einstmals „großen Drei“ in Not. Der Mutterkonzern von Opel nun drei Jahre hintereinander Verluste in Milliarden-Dollar-Höhe erwirtschaftet. Für 2007 wies GM den größten Verlust aus, den es jemals in der amerikanischen Autoindustrie gab. Und doch bezeichnete Wagoner mit fast schon verwunderlicher Unbekümmertheit 2007 als „ein weiteres Jahr wichtiger Fortschritte für GM“.

Bemerkenswertes Stehvermögen

Der gerade 55 Jahre alte gewordene Wagoner zeigt bei GM ein bemerkenswertes Stehvermögen. Immer wieder ist in den vergangenen Jahren über seine Ablösung spekuliert worden, und bislang hat er sich stets gehalten. Kritiker machen ihn für die Krise des Unternehmens verantwortlich. Die Krise von GM ist in erster Linie auf eine verfehlte Produktpolitik zurückzuführen: Amerikanische Verbraucher kaufen ihre Autos lieber bei der Konkurrenz, vor allem bei japanischen Herstellern wie Toyota. GM fehlt es an attraktiven Modellen, und das Unternehmen hat sich wie seine Wettbewerber Ford und Chrysler zu lange auf große Geländewagen und Transporter konzentriert. Diese Benzinschlucker verlieren aber im Zuge gestiegener Kraftstoffpreise an Popularität.

Die Schuld für eine uninspirierte Produktpalette wurde auch deswegen bei Wagoner gesucht, weil er nicht in erster Linie ein Auto-, sondern ein Zahlenmensch ist. Seine Karriere bei GM machte er als Finanzmann. Er arbeitete am Anfang seiner Laufbahn in diversen Finanzabteilungen, darunter in Auslandsgesellschaften in Europa und Südamerika. Ein entscheidender Schritt kam im Jahr 1992, als er gerade 39 Jahre alt war: In der legendären Palastrevolution wurde der damalige Vorstandschef Robert Stempel gestürzt, sein Nachfolger Jack Smith machte Wagoner zum Finanzvorstand. Auch zu diesem Zeitpunkt steckte GM in großen Nöten: Das Unternehmen wies Verluste aus und sah sich schrumpfenden Marktanteilen gegenüber. Im Jahr 2000 wurde Wagoner Vorstandsvorsitzender.

Ein gewiefter Taktiker

Seit Beginn Krise 2005 hat Wagoner bewiesen, dass er ein gewiefter Taktiker ist. So hat er eine Attacke des Investors Kirk Kerkorian überstanden, der zwischenzeitlich bei GM eingestiegen war. Kerkorian scheiterte mit seinem Versuch, GM in eine Allianz mit dem französisch-japanischen Autoverbund Renault Nissan zu drängen. Das Beharrungsvermögen von Wagoner war größer. Mitten in der Krise brachte Wagoner den GM-Verwaltungsrat dazu, ihm demonstrativ das Vertrauen auszusprechen. Wagoner kann kaum auf Erfolge in seinen Sanierungsbemühungen verweisen. Immerhin hat er mit einem massiven Restrukturierungsprogramm die Kosten gesenkt, hat sich von Unternehmensteilen wie der Finanzsparte GMAC getrennt, um die Liquidität zu stabilisieren. Und im vergangenen Jahr schloss GM einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft UAW ab, der es dem Unternehmen erlauben wird, die Kosten weiter zu reduzieren. Das alles reicht jedoch nicht. Unter dem Strich bleibt das Fazit: Auch nach Jahren der Sanierung hat es Wagoner nicht geschafft, GM wieder in die Gewinnzone zu bringen. Doch das scheint den einstigen Basketballer Wagoner nicht zu bekümmern. ROLAND LINDNER

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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