Von Boris Schmidt

Porsche zeigt als einziger deutscher Hersteller ein seriennahes Hybrid-Auto. Der Strom-Cayenne soll 2010 auf den Markt kommen
21. November 2007 Gouverneur Arnold Schwarzenegger hatte es sich nicht nehmen lassen, auf der Los Angeles Auto Show (noch bis zum Sonntag, 25. November) persönlich das Hohelied der alternativen Antriebe und der Hybrid-Autos anzustimmen. In keinem Land der Welt gilt das alternative Auto mehr als in Kalifornien, kein (Bundes-)Staat der Welt hat sich auf politischer Ebene so sehr dem Umweltschutz verschrieben. Schwarzenegger streitet sogar mit der Bundesregierung in Washington, um für seinen Sonnenstaat noch schärfere Abgasgesetze durchzusetzen.
Die amerikanischen Hersteller haben sich darauf eingestellt. Nicht zuletzt angetrieben durch den Verkaufserfolg des Toyota Prius, werfen sie ein Hybrid-Modell nach dem anderen auf den heimischen Markt. General Motors (GM) hat dabei offenbar besonderen Ehrgeiz entwickelt: Gleich vier neue Hybride sind in LA zu bewundern, 16 weitere sollen in den kommenden vier Jahren folgen. Der Chevrolet Tahoe, ein riesiger Geländewagen, wurde sogar zum Green Car of the year gewählt, unter anderem weil er um 30 Prozent (in der Stadt sogar 50) sparsamer sei als mit dem herkömmlichen 5,3-Liter-V8. Diese Auszeichnung zeigt die Schizophrenie der Situation: ein Geländewagenmonster als grünes Auto. Dabei wird schon bei der Produktion eines Tahoe wahrscheinlich so viel Energie verbraucht wie für zwei bis drei VW Polo.
VW denkt schon weiter
Es zeichnet die deutschen Hersteller aus, dass sie sich von dieser Euphorie nicht anstecken lassen. Den Hybrid-Markt überlässt man (noch) den Amerikanern und den Japanern. VW denkt schon weiter und zeigt den Space up blue. Mit dem Mini-Minivan zauberte man auf der dritten wichtigen Automesse innerhalb von zwei Monaten (nach Frankfurt und Tokio) das dritte bemerkenswerte Concept Car aus dem Hut.
Im Aussehen entspricht der Space up blue dem Space up. Er unterscheidet sich äußerlich durch die Dachfenster und das Solar-Panel auf dem Dach. Der Clou ist jedoch der Antrieb: An Bord ist die erste Hochtemperatur-Brennstoffzelle der Welt in einem Prototyp, die im Verbund mit zwölf Lithium-Ionen-Batterien arbeitet. Bedient sich der Elektromotor (45 kW/61 PS) allein aus den Batterien, beträgt die Reichweite 100 Kilometer. Speist dagegen die Brennstoffzelle die Batterien, steigt die Reichweite auf 350 Kilometer (danach muss Wasserstoff nachgetankt werden).
Das Solarpanel auf dem Dach liefert bei Sonnenschein bis zu 150 Watt, die ebenfalls in den Akku eingespeist werden. Der nur 3,68 Meter lange Wagen ist ein Vorbild an Raumausnutzung, maximal beträgt das Ladevolumen mehr als 1000 Liter, als Viersitzer sind es immerhin 220. Noch in diesem Jahrzehnt soll der Space up mit konventionellem Dieselmotor auf den Markt kommen. Ob er dann auch für Amerika vorgesehen ist, blieb noch offen, obwohl man in LA plakativ mit großen Video-Leinwänden an den Urvater VW Bus erinnert, das Auto der Hippie-Generation.
Einige setzen auf den sauberen Diesel
Im Übrigen setzt VW wie einige andere Hersteller (nicht nur deutsche) auf sauberen (clean) Diesel (ohne Schwefel). Der Jetta TDI hatte Premiere, auch der Tiguan, der von Mai 2008 an zum Spottpreis von 22.700 Dollar (aus europäischer Sicht) verkauft werden soll, ist neu für Amerika. Er ergänzt das Angebot aus Rabbit (Golf, GLI, GTI und der R 32 sind zudem eigenständige Modelle), Jetta, Eos, Passat Kombi, Passat, Touareg und New Beetle. Die niedrigen Preise, die den deutschen Käufer womöglich irritieren (in Deutschland ist der Tiguan mit einem kleineren Motor gut 11.000 Euro teurer), sind nicht nur deshalb ein Problem. Wegen des niedrigen Dollar-Kurses bleiben für die deutschen Hersteller die Renditen sehr mager. Höhere Preise sind aber wegen des Wettbewerbs nicht möglich. Bleibt der Kurs so, kommt Volkswagen wohl nicht umhin, außer dem ausgelasteten Werk Puebla (Mexiko) noch ein weiteres in Nordamerika zu bauen. Darüber denke man zur Zeit sehr konkret nach, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, heißt es. Kommt das Werk, wird dort eine Limousine in Passat-Übergröße gebaut, die nicht für den deutschen Markt vorgesehen ist, wohl aber für China. Sie soll dem Toyota Camry, der meistverkauften Limousine in den Staaten, Konkurrenz machen.
VW-Tochter Audi konnte mit dem Concept Car Q5 Cabriolet eine der wenigen Weltpremieren der Messe bieten. Der stämmige, 4,62 Meter lange Zweitürer, dessen Dreiliter-TDI schon die übernächste EU-Abgasnorm (EU 6) erfüllt, dürfe aber nicht missverstanden werden. Es sei keine Ankündigung eines Serienmodells. Kaum eine Studie war je weiter weg von der Serienproduktion als diese, sagte ein Audi-Sprecher. Wir sind aber sicher, dass das Stoffdach-Cabrio nicht nur in Kalifornien seine Käufer finden würde.
Mercedes und BMW kochen in LA auf Sparflamme
Die anderen deutschen Großserienhersteller kochen in LA eher auf Sparflamme. Mercedes-Benz hat einen relativ kleinen Stand in einer dunklen Ecke, bei BMW ist es etwas heller, Smart muss noch bekannt werden und hat sich gleich am Eingang positioniert, damit seine Stücke von niemandem übersehen werden. BMW hat den 1er ganz frisch dabei und wirbt für seine Produkte mit einer Vierjahresgarantie inklusive freier Wartung. Dem deutschen Kunden tränen mal wieder die Augen beim Blick auf das Preisschild für das 328 Cabriolet: 44.000 Dollar. Nebenan wirbt Mini für seinen neuen Clubman.
Porsche versteckt sich etwas in einer separaten Abteilung, tritt aber sonst sehr selbstbewusst auf und hat für den drittwichtigsten Markt (nach Rest-Amerika und Deutschland, allein im Großraum LA werden jährlich 4000 Porsche verkauft) den Cayenne Hybrid parat, der 2010 auf den Markt kommen soll, dann schon im Kleid der zweiten Generation. Uns hat am besten ein weißer Porsche Boxster gefallen, Grundpreis 41.000 Dollar.
Die meisten Autos kennt man aus Frankfurt und Tokio
Die meisten aus amerikanischer Sicht neuen Autos, die in LA ihre Amerika-Premiere hatten (zum Beispiel der Jaguar XF), kennt man schon seit Frankfurt oder spätestens seit Tokio. Weitere Premieren waren die Hyundai-Studie Concept Genesis Coupé und der neue Nissan Murano, der freilich kaum vom alten zu unterscheiden ist. Manche Neuen wie den Toyota Sequoia (ein großes SUV) wird es in Europa nicht geben.
An der Brennstoffzelle, die VW im Space up blue vorstellte, arbeiten die meisten wichtigen Hersteller (nicht alle zeigen aber entsprechende Autos). GM hat den Equinox fast serienreif und bereitet einen Flottenversuch mit 100 Fahrzeugen vor. Gleiches gilt für den Honda FCX Clarity. Toyota beweist mit dem Geländewagen Alcan, dass mit Brennstoffzellen-Technik Reichweiten von mehr als 300 Meilen (knapp 500 Kilometer) möglich sind. Vielleicht hat GM-Vize und Car-Guy Bob Lutz doch recht gehabt, als er bei der Präsentation der GM-Aktivitäten davon sprach, dass die Autoindustrie an einer Wegmarke stehe, die so einschneidend sei wie der Übergang von der Kutsche zum Auto.
Text: F.A.Z., 20.11.2007, Nr. 270 / Seite T3
Bildmaterial: AFP, AP, DPA, Reuss, REUTERS