Teures Menschenhaar

Preiskampf in der Toupet-Branche

Von David Meiländer

Eine haarige Angelegenheit

Eine haarige Angelegenheit

24. September 2007 Die Kunst, Stroh zu Gold zu spinnen, ist so kompliziert, dass sie wohl nur Rumpelstilzchen - die Figur aus den Märchen der Brüder Grimm - wirklich beherrscht. Wie man Haar zu Geld macht, ist einfacher. Man braucht zwei Dinge: eine Schere und einen Käufer. Von Letzteren gibt es immer mehr, denn die Nachfrage nach echtem Haar steigt. Die Hersteller von Perücken zahlen viel Geld für das, was beim Friseur unachtsam in die Mülltonne geworfen wird.

Der Import von Menschenhaaren hat sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Mehr als 30 Tonnen wurden 2006 nach Deutschland eingeführt, sorgfältig dokumentiert von den Zolldienststellen und übermittelt an die Wiesbadener Behörde. Da aber nicht jeder Warentransfer über die Grenze auch erfasst wird, ist die Einfuhrmenge vermutlich noch höher.

Die Profiteure sitzen größtenteils im Ausland

Vorarbeit in Deutschland...

Vorarbeit in Deutschland...

Der Grund für den starken Anstieg, da sind sich Branchenkenner einig, liegt vor allem bei der stetig steigenden Nachfrage nach Haarverlängerungen, auch „Extensions“ genannt. „Nachdem die Hollywoodstars vor einigen Jahren angefangen haben, sich offen dazu zu bekennen, will es auf einmal jeder haben“, sagt der Vorsitzende des Verbands der Zweithaarhändler, Peter Volk. Ein Segen für seine Zunft, die in den vergangenen Jahren angesichts wandelnder Modetrends in Deutschland immer weniger Perücken verkaufen konnte.

Die Profiteure sitzen größtenteils im Ausland. Der Marktführer in Deutschland, die italienische Firma Great Length, verdient hierzulande 11 Millionen Euro, was 22 Prozent seines Gesamtumsatzes ausmacht. „Die Haarverlängerungen bringen Bewegung in den Markt“, sagt auch Rudolf Bauer, der bei der Firma Kerling den Vertrieb leitet. Sie stellt Perücken, Toupets und Testfrisuren für Kosmetik-Firmen her - gefertigt aus echtem Haar. „Mit synthetischen Stoffen kann man nicht so viel anfangen“, sagt er. „Die sind viel weniger haltbar und können deshalb nur über kurze Zeiträume eingesetzt werden.“

Ein Kilo indisches Haar kostet 650 Euro

... und dann gehen die Haare zur Produktion ins Ausland

... und dann gehen die Haare zur Produktion ins Ausland

Hier beginnt das Problem, denn immer weniger Menschen auf der Welt sind bereit, ihr Haar zu verkaufen. Nur in den ärmeren Regionen Spaniens, Chinas, Osteuropas und Indiens finden die Haarhändler noch Spender, die sich für umgerechnet etwa 20 Euro eine Glatze schneiden lassen. Manchmal nutzen die Händler auch regionale Gepflogenheiten. „In Indien gibt es regelmäßig Tempelfeste, bei denen die Menschen ihr Haar opfern“, sagt Rudolf Bauer. 50.000 Menschen würden dort zusammen fünf bis sechs Tonnen Haar abwerfen. „Ein Händler schließt mit den Mönchen einen Vertrag, dass er - so hört man das öfters - für 100.000 Euro das Haar mitnehmen darf.“

Ein Schnäppchen, denn auf dem Markt werden deutlich höhere Preise erzielt. Ein Kilo indisches Haar von einer Länge von 40 Zentimetern aufwärts kostet durchschnittlich 650 Euro. Das sehr feine und weiche europäische Haar ist mehr als doppelt so viel wert, das sehr grobe chinesische bringt je Kilo ungefähr 500 Euro. Es ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als das Vierfache gestiegen. „Weil die Nachfrage durch Haarverlängerung vielerorts stark gestiegen ist, finden Sie immer mehr Käufer, aber immer weniger Ware“, sagt Rainer Seegräf, Geschäftsführer der Firma Bergmann, die ebenfalls Perücken und Teile für Haarverlängerungen herstellt. „Demnächst werden die Preise noch mal um etwa 30 Prozent steigen.“

Hohe Material- und Personalkosten

Die Nachfrage nach echtem Haar steigt

Die Nachfrage nach echtem Haar steigt

Vor allem die in Deutschland ansässigen Haarveredler Bergmann und Kerling bringen diese Preissprünge in Bedrängnis, denn sie arbeiten aufgrund der hohen Material- und Personalkosten mit relativ engen Margen. Die ausländischen Firmen, die vor allem in der chinesischen Chiang-Mai-Provinz produzieren, haben es leichter, doch auch sie werden einen Teil auf ihre Kunden abwälzen. „Die Zwischenhändler haben schon angekündigt, dass die Preise ab Oktober steigen werden“, sagt Peter Volk vom Zweithaarhändlerverband. Inwieweit die Kunden das mittragen, wissen die Hersteller nicht. „Möglich, dass noch 100 Euro mehr gehen, aber irgendwann ist Schluss“, sagt Rudolf Bauer.

Schon heute kostet eine Perücke bis zu 2000 Euro, eine Haarverlängerung um 800 Euro. Great Lengths, der Marktführer für Haarverlängerungen, verzichtet deshalb auf die Zusammenarbeit mit Zwischenhändlern und kauft das Haar selbst in Indien. Aber nicht alle können das. Die Rezepte der Perückenindustrie liegen in der Produktion: Weniger voluminöse Perücken oder Mischungen aus echtem und synthetischem Haar sollen die Kosten senken. „Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt“, so Bauer. „Zu echtem Menschenhaar gibt es keine Alternative.“

Text: F.A.Z., 24.09.2007, Nr. 222 / Seite 21
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb

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