Von Christian von Hiller
12. September 2007 Auch der Industriekonzern RAG AG hat sich nun einen Kunstnamen zugelegt. Der ehemalige Bergbaukonzern firmiert künftig unter dem neuen Namen Evonik Industries AG und will mit dieser Firma im kommenden Jahr an die Börse gehen. Der RAG-Vorstandsvorsitzende Werner Müller enthüllte das neue Logo auf lilafarbenem Hintergrund am Mittwoch an der Hauptverwaltung des Unternehmens in Essen.
Damit setzt die RAG die Modewelle von Kunstnamen fort. So benannte sich der ebenfalls in Essen ansässige Warenhausbetreiber Karstadt-Quelle dieses Jahr in Arcandor um. Der Chemiekonzern Hoechst firmiert seit seiner Übernahme vor acht Jahren durch den französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc als Aventis.
Was hat neue Kunst mit Chemie zu tun?
Der Kunstname des schweizerischen Chemiekonzern Novartis leitet sich aus den beiden lateinischen Wörtern nove und artis ab, neue Künste, wobei unklar ist, wie der Bezug zur Chemie ist. Novartis ging 1996 aus den Unternehmen Ciba-Geigy und Sandoz hervor. Auch beim Stahlkonzern Arcelor ist immerhin ein Bezug zum Unternehmen zu erkennen. Ein Teil des Fusionsunternehmens war der luxemburgische Konzern Arbed. In der Silbe lor ist die Herkunft aus Lothringen, Lorraine auf französisch, zu erkennen.
Eingefallen ist die Bezeichung Evonik dem Namenserfinder Manfred Gotta, der seine Internetseite mit einem Zitat von Christian Friedrich Hebbel eröffnet: Es ist besser, ein eckiges Etwas als ein rundes Nichts zu sein. Gotta hat die Namen für Automodelle wie Twingo von Renault, Vectra von Opel, Cayenne von Porsche oder Smart von Daimler-Chrysler entworfen. Der Name des elektronischen Handelssystems der Deutschen Börse, Xetra, stammt ebenfalls von ihm. Er wollte sogar alle neuen Produkte der Börse mit einem X anfangen lassen. Das setzte sich aber nicht durch. Auch der Begriff Megaperls für modernes Waschpulver ist Gotta eingefallen. Sein Anspruch ist es, die Unternehmen in ihrem Namen als Unikat herauszustellen, sagt er.
Kunstnamen sind austauschbar
Allerdings kritisieren Kunden, Beschäftigten und der Öffentlichkeit häufig, dass in diesen Kunstnamen jeder Bezug zur Geschichte und gerade zur Einzigartigkeit des Unternehmens verloren geht und dass Unternehmensnamen wie Evotec, Evonik, Emvelco oder Encana völlig austauschbar sind. Viele Namen wie Arcandor für Karstadt-Quelle haben sich bisher auch nicht durchgesetzt.
Bei der RAG soll die Umbenennung den Börsengang vorbereiten, an dem die profitablen Sparten Degussa, Steag und Immobilien teilnehmen werden. Der angestrebte Milliarden-Erlös fließt in die neue Kohlestiftung, die den subventionierten Steinkohlen-Bergbau bis voraussichtlich 2018 weiterführen und anschließend die Ewigkeitslasten aus dem Stiftungsvermögen tragen soll. Ein Teil der Aktien könnte aber bereits vor dem Börsengang an einen Investor verkauft werden.
Ruhrkohle, RAG, Steag, Degussa, Evonik
Die RAG ging ursprünglich aus der Ruhrkohle AG hervor. In dieser wurden 1968 gut drei Viertel der deutschen Steinkohle-Aktivitäten zusammen gefasst. 1998 übernahm die Ruhrkohle auch die Saarbergwerke und die Preussag Anthrazit GmbH. Daraufhin wurde die RAG-Tochtergesellschaft Deutsche Steinkohle AG der Betreiber der Zechen, die in Deutschland noch fördern. Im Anschluss nannte sich die Ruhrkohle in RAG AG um, als das Unternehmen zusätzliche Aktivitäten wie den Kraftwerksbetreiber Steag oder das Chemieunternehmen Degussa übernahm.
Jetzt treten wir als neue Kraft an, sagte Müller am Mittwoch. Um den Namen Evonik bekannt zu machen, sollen die Fußball-Profis von Borussia Dortmund sollen künftig den neuen Namen des Unternehmens auf ihrem Trikots tragen. Die RAG ist Hauptsponsor des Vereins.
Kumpels in Latzhosen-Lila?
Die profitablen Sparten der RAG hatten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 14,8 Milliarden Euro erzielt und einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro erreicht. Im ersten Halbjahr
2007 erreichten die Sparten einen Umsatz von 7,6 Milliarden Euro und ein Ebit von 788 Millionen Euro.
Besonders seltsam mutet an, dass die RAG ihre neue Unternehmensidentität - Corporate Identity im Managerjargon - in einem satten Latzhosen-Lila finden will. Das erinnert stark an das Flair der siebziger Jahre. Vor allem dürfte das bei den Beschäftigten in den Kohlezechen, die gerne als harte Jungs einen eher rauhen Männerkult pflegen, seltsam aufgenommen werden. Sicher ist nur, dass Gotta wohl auch in diesem Fall erfolgreich war: Mit ihrem neuen Namen ist die RAG ganz bestimmt ein Unikat.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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