Von Daniel Schäfer und Christian Siedenbiedel
30. März 2008 Das Undenkbare wird denkbar. Deutschland könnte vor der größten Bankenfusion in seiner Geschichte stehen. Am Finanzplatz Frankfurt wird darüber spekuliert, dass Dresdner Bank, die Commerzbank und die Postbank sich zusammentun. Deutschland hätte damit ein zweites Finanzinstitut von europäischer Dimension: eine Privatkundenbank mit 26 Millionen Kunden, als Gegenpol zur Deutschen Bank, die sich immer stärker am internationalen Investmentbanking ausgerichtet hat.
Nur eines von vielen Szenarien, wie sie in einer spekulationsfreudigen Branche täglich entworfen werden? Die Finanzmärkte zumindest halten offenbar viel von der Idee. Nachdem darüber am Freitag erstmals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet wurde (siehe dazu auch: Gedankenspiele über Dreierallianz aus Dresdner Bank, Commerzbank und Postbank), legten die Kurse der Aktien von Commerzbank, Postbank und Allianz allesamt deutlich zu.
Allianz ist die treibende Kraft
Offiziell heißt es auf Anfrage zwar bei allen Beteiligten kein Kommentar. Doch zugleich räumt man in den Banken ein, das Modell der neuen Superbank habe Plausibilität.
Treibende Kraft für die Dreier-Fusion ist die Allianz, das Mutterunternehmen der Dresdner Bank. Sie sucht seit längerem nach einer Chance, etwas gegen die unbefriedigende Ertragslage ihrer Tochter zu tun. Seit die Dresdner auch noch Federn in der Finanzkrise lassen musste, ist klar: Es muss etwas passieren. Schon vor zwei Wochen hat sich die Allianz daher mit einer Aufspaltung der Bank in das Firmen- und Privatkundengeschäft (Dresdner Bank) sowie die besonders gebeutelte Investmentbank (Dresdner Kleinwort) vorbereitet. Brächte sie nun die Dresdner Bank in eine Dreier-Fusion ein, wäre sie zumindest einen Teil dieser Sorgen los - und würde sogar Großaktionär eines attraktiven Instituts, einer Perle, wie die Banker sagen.
Der Bundesregierung kommt eine zentrale Rolle zu
Die Weichen in der deutschen Finanzbranche werden neu gestellt, seit auch die Postbank zum Verkauf steht. Weil im Rennen um die Postbank die kapitalkräftigen Interessenten der Allianz die größeren Chancen haben, macht sich bei der Commerzbank nun Torschlusspanik breit. Das ist wie bei der Tanzstunde: Kein Junge will übrig bleiben, wenn alle Mädchen aufgefordert sind, sagte ein Frankfurter Banker. Kein Wunder, dass sich die Commerzbank nicht zieren würde, dem Dreier-Bund beizutreten.
Eine zentrale Rolle im Spiel kommt offenbar der Bundesregierung zu. Sie ist Großaktionärin der Deutschen Post, die ihrerseits die Postbank beherrscht, und müsste einem Verkauf der Postbank zustimmen. Bis Januar 2009 hat der Bund dafür sogar ein vertraglich garantiertes Vetorecht. In der Vergangenheit hatte Berlin gewisse Präferenzen für einen Verkauf der Postbank an die Deutsche Bank erkennen lassen. Das war allerdings 2004, noch unter der alten, rot-grünen Bundesregierung. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die Postbank damals auf einem Silbertablett präsentiert, behauptet ein Bankmanager. Aber die Investmentbanker der Deutschen Bank waren damals gegen den Kauf.
Auf einmal ist von zwei nationalen Champions die Rede
In der großen Koalition war bislang in der Frage, an wen die Postbank gehen soll, noch keine Linie zu erkennen. Von Angela Merkel hat man noch keine klare Äußerung gehört, klagt man in den Banken. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) - ganz in Schröderscher Tradition - favorisiert offenbar einen Verkauf an die Deutsche Bank. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hingegen tendiert zu einer Veräußerung an die Commerzbank, die als unionsnah gilt.
Offiziell sagte ein Sprecher in Berlin auf Anfrage: Die Bundesregierung begrüßt jede Stärkung des Finanzplatzes Deutschland. Wie sie zustande kommt, ob durch einen oder mehrere nationale Champions, müssen die Märkte entscheiden. Das klingt nach einer Öffnung. Sprach Berlin vormals von einer starken deutschen Bank, ist jetzt auf einmal von zwei nationalen Champions die Rede. Ein solcher Zusammenschluss würde Sinn machen. In keinem anderen europäischen Land ist die Bankenlandschaft so zersplittert wie bei uns, heißt es. In den meisten anderen Ländern gebe es zwei, drei große Banken, die das Geschehen bestimmen - Deutschland folgte also nur der europäischen Normalität.
Für den Bund klar von Vorteil
Die Dreier-Fusion hätte für den Bund einen klaren Vorteil: Würde die Postbank nur an die Commerzbank verkauft, könnte eine ausländische Bank beide zusammen übernehmen. Häuser wie die spanische Bank Santander, die an der Börse mittlerweile mehr wert ist als die amerikanische Citigroup, haben das nötige Kleingeld. Die Dreier-Fusion hingegen macht die Gefahr einer Übernahme aus dem Ausland kleiner. Denn die Allianz - als Eigentümerin der Dresdner Bank auch Großaktionärin der neuen Bank - könnte eine Übernahme blockieren. Die Strategen zehren eben immer noch von der Idee der guten alten Deutschland AG.
Leicht wird die Fusion aber keinesfalls. Die gescheiterten Fusionspläne von Deutscher Bank und Dresdner Bank im Jahr 2000 lassen grüßen. Mit drei Partnern wachsen die Probleme exponentiell, meint ein Frankfurter Banker. Die Zusammenführung der Computersysteme ist noch das kleinste Problem - auch wenn sie mit hohen Kosten verbunden ist.
Gelb, grün oder blau?
Als schwieriger gilt die Melange der unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Das fängt schon bei den Farben an. Wird die neue Bank eine gelbe Bank wie die Commerzbank oder eine grüne wie die Dresdner Bank? Oder setzt sich das Gelb-Blau der Postbank durch? Auch Stil und Auftreten der PostMitarbeiter unterscheiden sich stark vom selbstbewussten Habitus der Großbank-Beschäftigten. Wie werden sie sich verstehen?
Gerangel gibt es mit Sicherheit auch um die Führung der Bank. Welcher der Spitzenmanager wird Chef des neuen Hauses? Soll Wolfgang Klein von der Postbank etwa nur die Privatkundensparte leiten und Martin Blessing von der Commerzbank der Chef des Ganzen werden? Und wird Herbert Walter von der Dresdner Bank ausscheiden, wie in der Branche spekuliert wird? Allemal ist klar: Es wird um viel Macht und viel Eitelkeit gehen. Und um jede Menge Konflikte.
Und was heißt das alles für die Kunden?
Dass eine Dreier-Fusion für den durchschnittlichen Bankkunden Vorteile hat, ist nicht gesagt. Im Gegenteil: Je weniger Banken es in Deutschland gibt, desto schwächer ist der Wettbewerb. Je weniger Wettbewerb es aber gibt, desto schlechter sind die Konditionen für Sparer und Häuserbauer. Ob eine Bank in deutscher oder ausländischer Hand ist, ist für den Kunden einerlei. Gerade Auslandsbanken wie die ING-Diba oder die Citibank haben schließlich in den vergangenen Jahren den deutschen Markt mit günstigen Angeboten aufgemischt.
Trotzdem dürfte es die Menschen in Deutschland nicht kaltlassen, ob die großen Banken ihren Sitz im Land haben - oder von ausländischen Konzernen geschluckt werden. Große Unternehmen investieren dort, wo sie ihren Sitz haben, mehr - und sie schaffen dort auch mehr Arbeitsplätze als an der Peripherie ihres Geschäftsgebietes.
Doch das ist Zukunftsmusik. Erst einmal würde eine große Fusion viele Arbeitsplätze kosten. Warum sollte die neue Bank Filialen von Postbank, Commerzbank und Dresdner Bank, die zum Teil nur wenige Meter auseinanderliegen, dauerhaft weiter betreiben? Ein Gutteil dürfte geschlossen werden. Ein Blutbad in der Belegschaft über Jahre wäre wahrscheinlich. Ob deshalb die Dreier-Fusion letztlich doch nur Wunschbild von Bankern und Politikern bleibt?
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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