24. März 2008 Sony-BMG, der zweitgrößte Musikkonzern der Welt kündigt ein neues Abonnement-Angebot und Kooperationen mit Handyherstellern an. Im Interview mit der F.A.Z. spricht Rolf Schmidt-Holtz, wie er so die Talfahrt der Musikbranche stoppen will.
Herr Schmidt-Holtz, eine ganze Generation junger Menschen will für Ihre Musik nichts mehr bezahlen. Wie soll es weitergehen für Plattenkonzerne wie Sony-BMG?
Erstaunlich gut wird es weitergehen für uns. Weil wir mittelfristig durch attraktive digitale Angebote und neue Geschäftsmodelle wieder Wachstum sehen werden. Und weil wir fantastische Künstler haben - Etablierte wie Newcomer. Nehmen Sie nur Leona Lewis dieses Jahr. Deshalb geht es Sony-BMG sehr gut. Wir haben den Gewinn im vergangenen Jahr um 15 Prozent gesteigert, obwohl der Musikmarkt letztes Jahr weltweit um etwa 10 Prozent geschrumpft ist.
Wie hat dieses Jahr begonnen?
Für uns sehr gut. Aber der CD-Absatz im Markt fällt mindestens genau so stark wie im vergangenen Jahr.
Das Wachstum im Digitalgeschäft kann die Einbußen bei den CDs nicht ausgleichen. Wann bekommt die Musikindustrie wieder festen Boden unter die Füße?
Das ist die Hunderttausend-Dollar-Frage. Ich erwarte, dass die Branche noch zwei bis drei Jahre schrumpft, sich dann stabilisiert und danach wieder wächst.
Wie wollen Sie das schaffen?
Wir haben viele Ideen. Zum Beispiel ein Abonnement-Angebot im digitalen Musikvertrieb, an dem wir zur Zeit arbeiten. In der einfachsten und vielleicht attraktivsten Variante wäre das eine Art Musikflatrate für alle Mp3-Spieler inklusive den iPod: Für einen monatlichen Beitrag steht Ihnen die gesamte Musikwelt offen. Mit der Musikflatrate bekommen Sie alles von uns - vom brandneuen Charthit bis zu Beethoven.
Abonnement heißt: Wenn ich nicht mehr weiterbezahle, kann ich auch nichts mehr anhören. Richtig?
Wenn Sie das Abonnement nicht verlängern, wird natürlich auch der Musikzugang gesperrt. Es wäre aber sogar vorstellbar, dass die Kunden die Musik teilweise eben nicht nur anhören können, sondern auch einige Titel downloaden und damit besitzen. Sie können sich so eine digitale Musiksammlung aufbauen.
Wie viel würde das kosten?
Sechs bis acht Euro im Monat sind realistisch. Das ist halb so viel, wie eine CD kostet. Und bedenken Sie: Am Ende des Jahres würden Ihnen zusätzlich 40 oder 50 Lieder gehören.
Und rechnet sich das für Sie?
Wenn es genügend Interessenten gibt, ja. Unsere Marktforschung zeigt, dass eine große Zahl von Kunden ein solches Angebot attraktiv findet.
Kommt die Musikflatrate dieses Jahr?
Wenn alles glatt läuft, kann es klappen. Wir führen Gespräche.
Auch mit den anderen großen Musikkonzernen?
Das Angebot wird umso attraktiver, je größer die Musikauswahl ist. Ich sage nicht, dass es uninteressant wäre, wenn wir es allein machen. Aber es wäre sicher nicht so spannend.
Können Sie Ihre Musikflatrate ohne den Marktführer Apple durchsetzen?
Apple ist ein sehr starker Partner für uns. Wir reden mit Apple, so wie wir mit vielen anderen Unternehmen auch reden.
Ist Apples Macht zu groß?
Der Marktanteil ist riesig. Andererseits hat Apple ein tragfähiges digitales Geschäftsmodell für den Musikmarkt entwickelt, und davon profitieren wir beide.
Sie könnten Apple ja boykottieren und auf andere Vertriebspartner setzen?
Das wäre gegenwärtig nicht in unserem Interesse, und wenn wir es vorhätten, würde ich es Ihnen nicht sagen.
Können Sie denn von den 99 Cent, die Apple heute für den Download eines Lieds verlangt, leben?
Verglichen mit den Margen im CD-Geschäft, ist unsere digitale Gewinnspanne gut. Aber wir können trotzdem nicht glücklich mit den heutigen Preisen sein. Sie spiegeln den Wert der Musik nicht ausreichend wider. Unsere Marktforschung zeigt, dass die Kunden bereit sind, für die richtige Musik mehr zu zahlen. Und wir werden versuchen, dies durchzusetzen.
Wie denn?
Zum Beispiel gibt es die Kooperation Comes with Music, die Universal Music mit Nokia abgeschlossen hat. Wer ein bestimmtes Handy kauft, zahlt einen einmaligen Aufpreis und hat somit unbegrenzten Zugang zur Musik. Man bezahlt also für die Musik im Paket mit einem Mobiltelefon. Das ist eine große Wachstumschance für die Musikindustrie.
Sony-BMG kooperiert aber gar nicht mit Nokia.
Noch nicht. Wir haben ein Gesamtkonzept und reden nicht nur mit Nokia, sondern mit zahlreichen Handyherstellern und Netzbetreibern. Sie werden sehr bald von uns hören.
Auch in Bezug auf Apples iPhone?
Wir reden mit vielen Anbietern.
Welche Ideen haben Sie noch, um mit Musik weiter Geld zu verdienen?
Zunächst einmal: Der CD-Markt ist nicht tot. Er schrumpft, aber die Leute sind zum Beispiel noch immer bereit, für eine Premium-CD einen Premiumpreis zu bezahlen. Außerdem schließen wir immer mehr sogenannte 360-Grad-Verträge mit unseren Musikern ab. Das heißt, wir partizipieren auch an deren Konzert- und Merchandisingeinnahmen. Wir wollen zudem regional expandieren, vor allem in Indien und China. In Indien zum Beispiel ist das Geschäft mit Soundtracks vielversprechend.
Sind Ihre Künstler wirklich bereit, ihre Tourneeeinnahmen mit Ihnen zu teilen?
Das funktioniert besser als ursprünglich erwartet. Wir haben heute 252 dieser sogenannten 360-Grad-Verträge mit unseren Künstlern. Das hätte ich mir vor anderthalb Jahren, als wir damit anfingen, nicht träumen lassen.
Dazu sind doch aber nur Newcomer bereit, oder?
Ja, aber wir machen auch mit etablierten Künstlern neue Verträge, die etwa das Merchandising einschließen. Mit Il Divo zum Beispiel. Wir schließen jedes Jahr mehr solche Verträge und verdienen daran auch schon etwas Geld. In zwei bis drei Jahren werden wir etwa ein Viertel unseres Geschäfts auf diese Weise machen - also jenseits des reinen Tonträgergeschäfts.
Vergangenes Jahr haben Topkünstler wie Madonna und Radiohead damit begonnen, ihre Musik ohne Plattenfirma herauszubringen. Laufen Ihnen also nicht vielmehr die Stars davon?
Das bereitet mir wirklich keine schlaflosen Nächte. Ich bin mir sicher, dass die großen Musikkonzerne - und wir sind weltweit die Nummer zwei - weiter gebraucht werden. Ein Künstler ist eine Marke, und diese aufzubauen und zu pflegen ist nicht einfach. Die allermeisten erfolgreichen Musiker, die es ohne Majors versucht haben, sind gescheitert und zurückgekehrt.
Zum Beispiel?
Namen nenne ich nicht. Aber ich sage Ihnen: Es braucht harte Arbeit, einen Newcomer zum Star zu machen, und ebenso harte Arbeit, damit sich das neue Album eines Superstars so gut verkauft wie sein vorheriges. Deshalb bleiben 99 Prozent der großen Stars bei uns.
Gilt das auch für den Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski. Ist der Musikfan?
Definitiv. Er war immer begeistert, wenn bei Bertelsmann-Veranstaltungen Sony-BMG-Künstler aufgetreten sind.
Wer wird in Zukunft noch Interesse haben, Unternehmen in einer so schwierigen Branche zu besitzen?
Unternehmen, die an die Musik und ihre digitale Zukunft glauben.
Und wer tut das?
Zur Zeit glauben Vivendi, Sony, Bertelsmann daran und offensichtlich auch Finanzinvestoren.
Bertelsmann ist nicht mehr sehr am Musikgeschäft interessiert. Sonst hätten sie wohl kaum das krisenfeste Musikverlagsgeschäft verkauft.
Der Musikverlag von Bertelsmann war nie Teil von Sony-BMG; sein Verkauf betrifft uns nicht. Wir verdienen Geld mit Tonträgern, ein Musikverlag mit Autorenrechten, also zum Beispiel mit den Tantiemen für die Musik, die im Radio läuft.
Es gibt aber Verbundvorteile zwischen Verlag und Tonträgergeschäft.
Wir hätten gerne beides zusammen unter unserem Dach, denn das ermöglicht uns eine breitere und engere Zusammenarbeit mit unseren Künstlern und Produzenten. Unsere beiden Eigentümer Sony und Bertelsmann reden zur Zeit darüber. Wir sind optimistisch, dass wir im Verlagsgeschäft bald aktiv werden können.
Allerdings auf viel kleinerer Basis als mit dem früheren Bertelsmann-Verlag, oder?
Natürlich, wir müssen das Geschäft neu aufbauen.
Es heißt, Sony sei von der Idee nicht begeistert, weil Sie deren eigenem Verlag ATV Konkurrenz machen könnten?
Das Gerücht ist falsch. Im Gegenteil, Sony unterstützt uns.
Sie sind jetzt 59 Jahre alt und pendeln zwischen Ihrem Wohnort Hamburg und der Konzernzentrale in New York. Wie lange wollen Sie sich das noch antun?
Im Moment macht mir meine Arbeit großen Spaß.
Und was machen Sie danach? Ihr Vertrag läuft bis März 2009.
Das sage ich Ihnen heute noch nicht, aber es wird interessant bleiben.
Das Gespräch führte Marcus Theurer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein
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