Société Générale

Der Milliardenverlust: Vier Fragen, vier Antworten

Société-Générale-Filiale in Paris

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29. Januar 2008 Auch mehrere Tage nach dem Bekanntwerden bleibt es rätselhaft, wie sich die Société Générale von einem einzelnen Händler dermaßen hinters Licht führen lassen konnte. Allmählich lichten sich jedoch die Nebel: vier Fragen, vier Antworten.

Wie kann ein Händler einen Verlust von 5 Milliarden Euro verursachen?

Etliche Finanzfachleute bezweifeln, dass es ein einzelner Händler war. Wenn man aber der Bank glaubt, dann hat der Händler Jérôme Kerviel von Ende 2006 an heimlich "ein Unternehmen im Unternehmen aufgebaut". Er war für Arbitragehandel zuständig. Dort handeln Banken Finanzprodukte, die an unterschiedlichen Orten Kursunterschiede aufweisen. Weil die Kursunterschiede sehr gering sind, setzten die Banken sehr viel Geld ein, um einen Profit zu erzielen. Kerviel kaufte schrittweise von Februar 2007 an Terminkontrakte für europäische Aktienindizes auf, die bei ihrer Entdeckung am 20. Januar 2008 einen Wert von 50 Milliarden Euro aufwiesen (30 Milliarden Euro lauteten auf den Index EuroStoxx, 18 Milliarden Euro auf den Dax, 2 Milliarden Euro auf den britischen Index FTSE-100). Kerviel überschritt mit diesen Transaktionen sein persönliches Limit bei weitem, denn es lag nur bei einigen hunderttausend Euro. Vor allem aber hatte er dem Kauf der Kontrakte nur fiktive Verkäufe zur Absicherung gegenübergestellt.

Wo waren die Kontrolleure?

Nach Angaben der SG veränderte Kerviel seine fiktiven Transaktionen immer wieder, so dass sie die Kontrolleure für echt hielten. Dabei benutzte er auch Passwörter von Kollegen, unter deren Identität er sich in das Computersystem einloggen konnte, und er fälschte Dokumente, die ihm die Eingabe von fiktiven Transaktionen erlaubten. Normalerweise sind beim Kauf von Terminkontrakten Anzahlungen ("Initial Margins") erforderlich. Doch laut SG wählte Kerviel "sehr spezielle Operationen, die keine Bargeld-Bewegungen oder Margin Calls erforderten und keine sofortige Bestätigung brauchten". Wenn Terminkontrakte zur Absicherung eingesetzt werden, die vor ihrer Fälligkeit annulliert werden, muss keine Anzahlung geleistet werden.

Gelegentlich fielen Unregelmäßigkeiten auf, doch Kerviel überzeugte die Kontrolleure offenbar immer wieder, dass es sich um "banale Irrtümer" handelte, berichtete SG-Chef Daniel Bouton. Seinen Sommerurlaub hat der Händler nicht genommen, damit kein Kollege sein Portfolio übernimmt und Einblick erhält. Die hohe Summe von 50 Milliarden Euro fiel den Kontrolleuren offenbar nicht auf, weil sie Nominalbeträge nur selten kontrollieren. Sie betrachten im Wesentlichen das vermeintliche Risiko der eingegangenen Positionen: Ob Käufe durch Verkäufe gedeckt sind, wie weit sich die aktuellen Kurse von vereinbarten Kursen in der Zukunft entscheiden, die Marktentwicklung, Währungsbedingungen et cetera.

Wie flog der verdeckte Handel auf?

Eine E-Mail einer Bank, die Kerviel für fingierte Transaktionen benutzt hat, fiel im Januar auf. Dann setzte die interne Ermittlung ein. Seltsam ist, dass die Terminbörse Eurex die Bank schon im November wegen der Geschäfte Kerviels angesprochen haben soll.

Wie kam es konkret zu den Verlusten?

Die Transaktionen von Kerviel notierten am Abend des 18. Januar mit 1,4 Milliarden Euro im Minus. Der Verlust war freilich noch nicht realisiert, weil die Bank bis dahin noch keine Positionen verkauft hatte. Die SG beschloss in Absprache mit der Banque de France und der Aufsichtsbehörde AMF, so schnell wie möglich die Kontrakte im Wert von 50 Milliarden Euro zu verkaufen. Üblicherweise geht die SG keine derart hohen Positionen ein, wenn sie nicht abgesichert sind. Bankchef Bouton befürchtete auch, dass die Anleger gegen die Bank spekulieren würden, wenn sie von der Schieflage erfahren hätten. Sie hätten den Zwang der SG zum Verkauf zu ihren Gunsten ausgenutzt. In Augen von Kritikern war es jedoch falsch, die Positionen überstürzt zu verkaufen. Sie weisen etwa darauf hin, dass die amerikanische Börse am Montag geschlossen war.

Text: F.A.Z., 29.01.2008, Nr. 24 / Seite 16
Bildmaterial: AP

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