15. Juli 2008 Kupfer ist teuer, sehr teuer geworden. 8500 Dollar (umgerechnet 5360 Euro) müssen Industriebetriebe derzeit für eine Tonne des Rohstoffs bezahlen. Damit liegt der Preis um ein Viertel über dem Niveau von Anfang des Jahres. Vor fünf Jahren kostete die Tonne noch weniger als 2000 Dollar (damals 1740 Euro). Andere Metallrohstoffe haben seither ähnliche Preissteigerungsraten verzeichnet. Die deutsche Industrie wird davon empfindlich getroffen. Nach Erdöl und Erdgas, die mit 45 Prozent und 22 Prozent auf den ersten beiden Ränge der Rohstoffimporte stehen, machen die sechs Nicht-Eisenmetalle auf Rang 3 gut 11 Prozent der deutschen Rohstoffeinfuhr aus. Und dabei ist Stahl als Werkstoff noch gar nicht berücksichtigt.
Autohersteller verarbeiten beispielsweise 40 verschiedene Stoffe in ihren Produkten: Eisen und Zink in der Karosserie, Platin und Palladium im Katalysator, Kupfer in der Bordelektronik. Wenn wir kein Benzin haben, fahren unsere Autos nicht mehr. Wenn wir keine Metalle haben, bauen wir keine, sagt Stefan Beißwenger, Referent für Rohstoffpolitik in der Wirtschaftsvereinigung Metalle. Die Preise wurden durch die wachsende Nachfrage in China und Indien getrieben, aber auch durch fehlende Kapazitäten in den Bergwerken. Die Spekulation an der Londoner Metallbörse tut ein Übriges. Erst als der deutliche Nachfrageschub sichtbar wurde, haben die Minenbetreiber investiert, sagt Peter Buchholz von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.
Belastung für die Lieferantenkette
Für die Industrie kann in Zukunft die Verfügbarkeit zum Problem werden, sagt Thomas Hölandt, Einkaufschef der Norddeutschen Affinerie in Hamburg. Er kauft das Kupfererz direkt von den Minenbetreibern. Die Lieferungen sind durch langfristige Verträge gesichert. Aber der Weltmarktpreis frisst sich durch die gesamte Wertschöpfungskette, sagt Hölandt. Sein Unternehmen erhebt für die Verarbeitung des Rohstoffs zu Kupferkathoden, einem Vorprodukt für Spezialdrähte, einen Schmelzlohn und kann den hohen Preis an seine Kunden weitergeben. Das gelingt auf der zweiten Stufe der Wertschöpfungskette auch den Wieland-Werken. Sie stellen Halbfabrikate her, die in der Elektrotechnik oder von Autozulieferern verwendet werden. Weil wir börsennotierte Metalle verkaufen, ist für uns der Preis nicht das Problem, sagt Wieland-Vorstandschef Harald Kroener. Dennoch erhöhen sich seine Kosten. Unsere Kapitalbindung steigt enorm an, weil wir das Material vorfinanzieren müssen, erklärt Kroener.
Noch stärker bemerkbar macht sich der Preis auf der dritten Stufe der Kette: Der Ko-Vorsitzende des Zulieferers Magna, Siegfried Wolf, äußerte sich im Gespräch mit dieser Zeitung besorgt: Der hohe Margendruck zwinge die Branche dazu, darüber nachzudenken, wie die Verteuerungen der Metalle an die Kunden weitergegeben werden könnten. Wolf äußerte die Besorgnis, dass die Lieferantenkette unter dem Kostendruck zusammenbrechen könne.
Enorme Mehrkosten vor allem für Kupfer
Ob der hohe Preis sich auf den Hersteller des Endprodukts oder den Zulieferer stärker auswirkt, hängt nicht zuletzt von der Größe des Unternehmens ab. Einen Konzern wie Leoni, der 2,4 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, trifft der Kupferpreis weniger als den österreichischen Zulieferer I&T Siegendorf, der vor zwei Jahren Insolvenz anmeldete und den hohen Kupferpreis als einen der wichtigsten Gründe dafür angab. Selbst die großen Autokonzerne führen immer häufiger hohe Rohstoffkosten als Grund für niedrigere Ergebnisse oder neuen Spardruck an.
Der Daimler-Finanzchef Bodo Uebber veranschlagte die Mehrkosten für Rohstoffe in diesem Jahr mit 500 Millionen Euro. Alle Autohersteller bemühen sich darum, Substitutionsmöglichkeiten zu finden. Für aufwändige Elektrokabel lässt sich aber schwer Ersatz finden. Da hat es ein Dachrinnenhersteller sehr viel leichter, der Kupfer durch das billigere Zink ersetzen kann. Dass die Autohersteller die Rohstoffpreise an die Verbraucher weitergeben können, ist jedenfalls zweifelhaft. Studien zeigen, dass Kunden kaum bereit sind, mehr für Autos zu zahlen, wenn der höhere Preis keine Vorteile wie etwa Einsparungen im Verbrauch ermöglicht.
Ein strategisches Risiko
61 Prozent der Geschäftsführer deutscher Unternehmer, die das Institut der Deutschen Wirtschaft gerade befragt hat, gaben an, dass die Rohstoffverknappung ein strategisches Risiko für ihr Unternehmen bedeutet. In der Chemiebranche sowie in der Metall- und Elektroindustrie lag der Anteil sogar bei 80 Prozent der Befragten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie vermutet, dass die gestiegenen Rohstoffkosten zwischen 2002 und 2006 etwa 0,4 Prozent des Wachstums und 140.000 Arbeitsplätze gekostet haben.
Die Preisentwicklung hat die Industrie zuletzt laut Alarm schlagen lassen. Der Verband der Automobilindustrie und sechs andere Branchenvertreter haben mehr Aufmerksamkeit für das Thema gefordert. Auslöser war der Anstieg des Stahlpreises. Für die von September an laufenden Verträge hat etwa der Hersteller Arcelor den Preis für eine Tonne Flachstahl von 510 auf 770 Euro erhöht.
Gleiche Spielregeln für alle
Viele Marktbeobachter sehen die zunehmende Konzentration auch als eine Ursache für den Preisanstieg. Die Stahlverarbeiter verlangen daher von der Europäischen Kommission, gegen eine Fusion der beiden dominanten Erzlieferanten BHP Billiton und Rio Tinto vorzugehen, die sich mit dem brasilianischen Vale-Konzern drei Viertel des Marktes teilen. Der Zusammenschluss würde auch den Kupfermarkt betreffen, wo beide Unternehmen mit 12,5 Prozent der Erzproduktion die führende Stellung einnehmen würden.
Zudem verlangt die Industrie, entschlossen gegen Handelsverzerrungen vorzugehen. China etwa betreibe Handelspolitik als strategische Wettbewerbspolitik, beklagt Stefan Beißwenger von der Wirtschaftsvereinigung Metalle: China setzt gezielt Maßnahmen zu seinem eigenen Vorteil ein. Will das Land einen Rohstoff ausführen, senkt es die Zölle darauf; soll aber ein Export verhindert werden, wird das durch die Bürokratie verzögert. Wir verlangen von der Politik, dass gleiche Spielregeln für alle sichergestellt werden, sagt Beißwenger.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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