Autokrise

Eine Insolvenz müsste für GM nicht das Ende sein

Von Roland Lindner, New York

Detroit in Sorge: In der Autostadt haben die “großen Drei“ ihre Hauptquartiere

Detroit in Sorge: In der Autostadt haben die "großen Drei" ihre Hauptquartiere

24. November 2008 Für den krisengeschüttelten amerikanischen Autokonzern General Motors ist ein Insolvenzverfahren ein Horrorszenario, aber es würde nicht zwangsläufig das Verschwinden des hundert Jahre alten Unternehmens bedeuten. Viele Experten sehen eine Insolvenz sogar als den einzigen Weg, um General Motors und seine amerikanischen Wettbewerber Ford und Chrysler vor dem Untergang zu retten. Die drei amerikanischen Autokonzerne versuchen dagegen bislang mit allen Mitteln, eine Insolvenz zu vermeiden, und rufen deshalb verzweifelt nach einem staatlichen Kredit in Höhe von 25 Milliarden Dollar. Bei Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress in der vergangenen Woche haben die Vorstandschefs der Unternehmen vor den katastrophalen Folgen gewarnt, wenn sie in die Insolvenz stürzen würden. Nach Darstellung von Rick Wagoner, dem Vorstandsvorsitzenden von General Motors, wäre ein Insolvenzantrag das Todesurteil für sein Unternehmen - und würde Schockwellen in der ganzen Autobranche und weit darüber hinaus auslösen.

Im amerikanischen Konkursrecht gibt es mehrere Formen der Insolvenz, und nicht jede führt zum Untergang. Ein Insolvenzverfahren nach Kapitel 11 ("Chapter 11") hat vielmehr gerade den Fortbestand eines Unternehmens zum Ziel. Ihm soll damit erlaubt werden, sich zu restrukturieren und neu auszurichten, geschützt vor dem Zugriff von Gläubigern und mit mehr Möglichkeiten, Tarifvereinbarungen mit Mitarbeitern zu ändern.

Das Zauberwort heißt „Chapter 11“

Im Idealfall steht das Unternehmen nach überschaubarer Zeit wieder in gesunder und wettbewerbsfähiger Verfassung da und kann das Insolvenzverfahren beenden. Die Gläubiger bekommen dann oft einen Anteil an dem restrukturierten Unternehmen, die Altaktionäre gehen dagegen meistens leer aus. Anders ist der Fall bei einem Insolvenzantrag nach Kapitel 7 des Konkursrechts, der zu einer Liquidierung führt.

Viele Unternehmen haben sich mit Chapter 11 erfolgreich restrukturiert: Zu Beginn des Jahrzehnts machten amerikanische Stahlhersteller Insolvenzverfahren durch und konnten sich damit nach Jahren der Verluste wieder stabilisieren. Ein noch prominenteres Beispiel ist die Serie von Insolvenzen unter amerikanischen Fluggesellschaften: Unternehmen wie Delta Air Lines und UAL, die Muttergesellschaft von United Airlines, haben Insolvenzverfahren hinter sich gebracht, wenngleich sie bis heute mit Schwierigkeiten kämpfen.

Insolvenzverfahren erlaubt die notwendigen radikalen Einschnitte

Rick Wagoner argumentiert nun, bei einem Autohersteller würde dieser Prozess nicht funktionieren, und aus Chapter 11 würde sehr schnell Chapter 7 werden. Nach seiner Meinung würden Verbraucher keine Autos von einem insolventen Hersteller kaufen wollen, weil sie fürchten, dass Garantien nicht eingehalten werden können und keine Ersatzteile mehr produziert werden. Auch nach Ansicht einiger Experten lässt sich die Sanierung der Stahl- und der Flugindustrie nicht so leicht auf die heutige Lage der Autobranche übertragen. So sei es ungleich schwieriger, im derzeitigen Umfeld Kreditgeber für eine Zwischenfinanzierung zu finden, um den Betrieb während des Insolvenzverfahrens aufrechterhalten zu können.

Befürworter eines Insolvenzverfahrens meinen, diese Herausforderungen könnten gelöst werden. So könnte der Staat die Zwischenfinanzierung übernehmen. Dies sei besser, als wenn der Staat jetzt einen Kredit zur Vermeidung eines Insolvenzfalles gibt, der später womöglich doch eintritt. Für die Übernahme von Garantieleistungen könnte ein Fonds eingerichtet werden, vielleicht ebenfalls mit staatlicher Unterstützung. Nur ein Insolvenzverfahren erlaube es General Motors, die notwendigen radikalen Einschnitte durchzusetzen, meint diese Seite. Dazu gehören Änderungen der Tarifverträge mit den starken Gewerkschaften und eine Verkleinerung des Netzes an Autohändlern.

Sollte General Motors tatsächlich einen Insolvenzantrag stellen, muss dies nicht zwangsläufig auch die deutsche Tochtergesellschaft Opel treffen. So hat zum Beispiel der amerikanische Autozulieferer Delphi vor drei Jahren einen Insolvenzantrag gestellt, die ausländischen Tochtergesellschaften blieben davon aber unberührt. Nach den Worten eines Sprechers der deutschen Delphi-Niederlassung hatte die bis heute andauernde Insolvenz des amerikanischen Mutterkonzerns kaum Auswirkungen auf das eigene operative Geschäft.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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