Ein Jahr nach der Werksschließung

AEG – das war einmal

15. März 2008 Die Straßenschilder weisen noch immer den Weg zum Hausgerätewerk von AEG. Aber auf dem weitläufigen Areal rund um die Muggenhofer Straße 135 in Nürnberg wird schon lange nichts mehr produziert. Bahngleise enden vor geschlossenen Hallentoren, nur selten läuft jemand über das Gelände. Gelegentlich durchbrechen Baggergeräusche die Stille. Eines der alten AEG-Gebäude ist mit Bauplanen verhängt, die im Wind flattern. Darüber spannt sich ein Plakat: „Schon bald im neuen Glanz: das Electrolux-Haus“. AEG, das war einmal.

Vor einem Jahr schloss der schwedische Electrolux-Konzern das knapp 90 Jahre alte Stammwerk des Haushaltsgeräteherstellers und verlagerte die Produktion von Waschmaschinen nach Polen, die von Geschirrspülern nach Italien. 1750 Mitarbeiter verloren ihre Arbeit und mit ihr das Gefühl von Sicherheit, Ordnung, einem ganz normalen Leben. Wer nicht in den Vorruhestand ging, wechselte im Rahmen des Sozialplans in eine Beschäftigungsgesellschaft, die nur einen Steinwurf vom AEG-Gelände entfernt ihre Büros hat. Leicht hatte diese es nicht.

„Ingenieure hätten wir in zwei Tagen vermittelt“

„Wenn das lauter Ingenieure gewesen wären, hätten wir die in zwei Tagen vermittelt. Waren es aber nicht“, sagt Gunther Wesche, der sich in der Gesellschaft für Personalentwicklung und Qualifizierung (GPQ) um die Entlassenen kümmert. Es waren zum Großteil un- oder angelernte Kräfte, die nach der Schließung vor ihm saßen. Wesche ist ein ruhiger Mann, er raucht mehr, als er spricht, und wenn er spricht, klingen seine Worte nüchtern. Er ist ein Profi. Der 53 Jahre alte Wesche hat schon viele Kündigungswellen miterlebt: Grundig, Adtranz, Siemens, wie im Schlaf betet er eine lange Liste von Namen herunter. Seit rund zehn Jahren gibt es die Beschäftigungsgesellschaft, 10.000 Entlassene haben Wesche und seine Kollegen seitdem betreut. Die Arbeit hat tiefe Falten auf seiner Stirn hinterlassen. Ein Jahr lang hat er nun versucht, die AEGler fitzumachen für den Arbeitsmarkt, mit Computertrainings, Bewerbungstipps und Deutschkursen.

Einer von ihnen ist Mahmut Bayrak, 57 Jahre alt. 22 Jahre arbeitete er für AEG, zuletzt in der Montage von Geschirrspülmaschinen. Seit 1977 lebt der gebürtige Türke in Deutschland, trotzdem ist sein Deutsch kaum zu verstehen. Zwei Deutschkurse hat er schon in der Beschäftigungsgesellschaft absolviert, einen weiteren will er von April an in der Arbeitsagentur machen. Dorthin wird er dann „übertreten“, wie es im Behördendeutsch heißt. Bayrak nimmt an vielen Kursen teil, nicht nur in Deutsch. Auch in einer Theatergruppe macht der Mann mit dem schneeweißen Haar und der großen Brille mit. Das Nürnberger Staatstheater interessiert sich für die Geschichten der Mitarbeiter, „Arbeits Ende Gestern“ heißt das Theaterprojekt; in Anspielung auf den Firmennamen. Hoffnungen auf eine neue Stelle macht sich Bayrak keine. „Ich glaube nicht, dass ich etwas Neues finde.“ Die Zeit zwischen Arbeitslosengeld und Rente will er mit seiner Abfindung überbrücken, 82.000 Euro brutto, 54.000 Euro netto.

„Wir haben gedacht, wir bleiben bis zur Rente dort“

Es gibt Sätze, die wiederholen sich, gleichgültig mit welchem früheren AEG-Mitarbeiter man spricht. „Wir haben gedacht, wir bleiben bis zur Rente dort“ ist so einer. Das Leben hatte eine Struktur, die Zukunft schien planbar und sicher bis zu jenem Tag im Dezember 2005, als Electrolux das Aus für das Werk bekanntgab, woraufhin die Beschäftigten in einen mehr als fünfwöchigen Streik traten. Das Werk wurde in dieser Zeit zu einer Pilgerstätte für Gewerkschafter und Politiker, die gegen den Raubtierkapitalismus und die Globalisierung wetterten. Es gab heiße Suppe und einen Blitzbesuch des damaligen Vizekanzlers Franz Müntefering, auch Oskar Lafontaine schaute vorbei. Die Schließung konnte keiner verhindern. Insgesamt 230 Millionen Euro kostete Electrolux die Verlagerung, darin sind auch 23,5 Millionen Euro für die Qualifizierungsmaßnahmen in der Beschäftigungsgesellschaft enthalten.

Etwa die Hälfte der Mitarbeiter hat bislang eine neue Stelle gefunden, sagt Wesche, während er in seinen Akten nach Tabellen und Tortendiagrammen kramt, die das Schicksal der Belegschaft in Zahlen fassen. „Hier, 43,9 Prozent“, sagt er und zeigt auf eine Grafik. Er ist zufrieden. „Ich hatte nur mit einem Drittel gerechnet.“ Wenn Wesche von seinen Erfolgen spricht, gerät der stoische Mann regelrecht ins Erzählen. Ein ehemaliger Mitarbeiter sei inzwischen Produktionsleiter eines Mittelständlers und habe mehr als 30 alte Kollegen nachgeholt.

„Wie wenn eine langjährige Beziehung in die Brüche geht“

Auch Gerhard Nemmer zählt zu den Erfolgsgeschichten. Der 37 Jahre alte Industriemechaniker gehörte zu den wenigen AEG-Mitarbeitern mit einer abgeschlossenen Ausbildung, er hatte keine Schwierigkeiten, etwas Neues zu finden. Seit rund einem Jahr arbeitet er in einer mittelständischen Maschinenfabrik, für 1500 Euro netto. Gleichzeitig bildet er sich zum Industriemeister weiter. Nemmer will noch etwas erreichen, will ins mittlere Management. „Das ist die letzte große hirntechnische Herausforderung in meinem Leben“, sagt er sarkastisch und lacht.

Nemmer lacht ohnehin viel, aber glücklich hört er sich nicht an. Auf die Frage, ob er zufrieden ist, antwortet er „Leben ist Veränderung“, mehr nicht. Die Fortbildung hätte er bei AEG wahrscheinlich nicht gemacht. „Trotzdem wäre ich lieber dort geblieben.“ Das Kapitel AEG ist für Nemmer noch nicht abgeschlossen. „Es wird Jahre dauern, bis ich darüber hinweg bin. Das ist, wie wenn eine langjährige Beziehung in die Brüche geht.“ Seine Beziehung zu AEG dauerte 16 Jahre.

„Als ich das mit Nokia gehört habe, kamen alle Bilder wieder hoch“

Am anderen Ende von Nürnberg, weit weg vom AEG-Werk und von den Erinnerungen an alte Zeiten, arbeitet Ioannis Postoltsikis. Der ehemaliger Gabelstaplerfahrer hat sich mit der Sportgaststätte „Zabo Eintracht“ selbständig gemacht. Es ist Mittagszeit, trotzdem sind die meisten Plätze in dem Gastraum leer. Neben den Holzbänken welkt ein Ficus, an der Wand hängt ein Fernseher, es läuft Fußball. Im Januar hat Postoltsikis die Gaststätte übernommen. „Es dauert, bis sich herumspricht, dass hier jemand Neues drin ist“, entschuldigt sich der Grieche. Die Alternative sei Zeitarbeit gewesen. „Aber da hätte ich nur 900 Euro brutto verdient.“ Derzeit kommt er dank des Gründungszuschusses von der Arbeitsagentur auf rund 1400 Euro monatlich.

Bis Ende September läuft die Förderung, bis dahin muss sich zeigen, ob Postoltsikis genügend Stammgäste findet. Lieber würde er in einer Fabrik arbeiten, mit Wochenenden, Feier- und Urlaubstagen und ohne Zwölf-Stunden-Schichten hinter der Theke. „Wenn wir keine Wohnung hier gekauft hätten, wären meine Frau und ich nach Griechenland zurückgegangen“, sagt er. Auch er denkt noch oft an seinen früheren Arbeitgeber zurück. „Als ich im Januar das mit Nokia gehört habe, kamen alle Bilder wieder hoch.“

AEG verlagerte die Produktion nach Polen und Italien, Nokia nach Rumänien. Ist Fertigung hierzulande nicht mehr bezahlbar? Der ehemalige AEG-Personalchef Josef Klebl lässt sich lange Zeit mit einer Antwort. Es gebe sicherlich diesen Trend, sagt er schließlich. Zu groß sei der Kostendruck, zu klein die Gewinnspannen. „Mit jeder Waschmaschine, die in Nürnberg produziert und in Deutschland verkauft wurde, verlor das Unternehmen 60 Euro.“ Etwas anders sehe es mit hochwertigen Küchengeräten aus. In Rothenburg produziert Electrolux Einbauherde, die ausschließlich über den Fachhandel verkauft werden. „Da sind die Margen attraktiver.“

„Bald kommt die Rente“

Heute ist Klebl Geschäftsführer von Electrolux Deutschland. Rund 800 Mitarbeiter arbeiten noch für ihn, all jene, die nicht im Werk beschäftigt waren, sondern im Marketing, Vertrieb oder Kundendienst. Verkauft und repariert werden AEG-Geräte schließlich weiterhin. Mit den 800 Mitarbeitern plant Klebl langfristig, erst kürzlich habe das Unternehmen eine entsprechend große Fläche auf dem alten AEG-Gelände für zehn Jahre gemietet, betont er.

Das Areal gehört Electrolux nicht mehr, Besitzer der 160.000 Quadratmeter großen Fläche ist inzwischen der Berliner Immobilieninvestor MIB, der es zu einer Art Gewerbepark umbauen will. Wesche freut sich über jedes Unternehmen, das sich dort ansiedeln will, schließlich könnte es ja ehemalige AEGler einstellen. Der Name wirke auch heute noch, zu alten AEG-Konditionen würden jedoch die wenigsten weiterbeschäftigt. „Die meisten müssen erst mal mit 15 bis 20 Prozent weniger Lohn auskommen.“

So wie Angela Arne. Sie arbeitet jetzt über ein Leiharbeitsunternehmen für Continental, für 15 Prozent weniger Gehalt. 1995 kam Arne aus Kasachstan nach Deutschland und zu AEG. Die zierliche Frau redet schnell, fast im Stakkato-Stil, sie zählte mit zu den Ersten, die gehen mussten, das war im Sommer 2006. In ihrer Zeit in der Beschäftigungsgesellschaft ließ sich Arne zur Fertigungsmechanikerin ausbilden. Sie ist stolz darauf, als einzige Frau in ihrer Gruppe die Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer bestanden zu haben – und zugleich enttäuscht, weil es nur zu Leiharbeit, nur zu einem befristeten Vertrag, nur zu weniger Gehalt gereicht hat. Bis Ende August läuft ihr Vertrag noch. Sie hofft, dass Continental sie dann übernimmt. Was sie in ihrem Leben beruflich noch erreichen will? „Wir haben gute Zeiten gehabt“, sagt sie. „Bald kommt die Rente.“ Angela Arne ist 44 Jahre alt.


Von Julia Löhr



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 

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