Gefährliches Spielzeug

Chinas Gift auf dem Weg nach Deutschland

Von Christoph Hein, Nikolas Busse und Frank Pergande

Billige Produktion: Spielzeugfabrik in der Provinz Zhejiang

Billige Produktion: Spielzeugfabrik in der Provinz Zhejiang

17. August 2007 Wer aus der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong in die Volksrepublik China einreist, der landet mitten in der Fabrik der Welt. Tausende von grauen Produktionshallen, unterbrochen nur von ein paar Reisfeldern und staubigen Retortenstädten, reihen sich in der südchinesischen Provinz Guangdong aneinander. Schon früher ließen Ausländer hier fertigen. Heute werden in Südchinas Fabriken die meisten Turnschuhe, Bildschirme, Möbel, Kleidungsstücke und Plastikweihnachtsbäume der Welt hergestellt.

Fast 80 Prozent des Spielzeugs der Welt stammt aus Guangdong. Mehr als 5000 Spielzeugfabriken liegen hier vor den Toren der Handelsmetropole Hongkong, von wo sie auf Spielwarenmessen, über Handelsagenten und auf ungezählten Internetseiten verkauft werden.

Zu zwölft in Schlafsälen

Überhöhter Bleigehalt: Zurückgerufene “Sesamstraße“-Spielzeuge

Überhöhter Bleigehalt: Zurückgerufene "Sesamstraße"-Spielzeuge

In Oregon oder Oer-Erkenschwick sitzen dann am Computer die Kunden und fordern anhand von Fotos ein Preisangebot für die „Beach Car im Plastikbeutel“ oder den „Geländewagen mit Boot sortiert in sieben verschiedenen Farben“ an. Dieser Bestellweg ist für chinesische Unternehmen am unkompliziertesten. Denn niemand kümmert sich darum, wie die Waren hergestellt werden. Für ein paar hundert Yuan im Moment fertigen Millionen von Bauerntöchtern, die in die Küstenstädte gespült wurden, Spielzeuge für den Westen.

Sie schlafen zu zwölft in Schlafsälen der Fabriken, bekommen dort ihr Essen und einmal im Jahr ein paar Tage Heimaturlaub. Ihre Kinder werden sich kaum Barbie oder Batman kaufen können. Noch immer arbeiten auch Tochterfirmen von Herstellern aus Taiwan oder Südkorea unter Bedingungen, die in Europa nicht vorstellbar sind. Das große Rad drehen die Hersteller erst, wenn sie Lieferant einer internationalen Spielzeugkette geworden sind.

Löhne legen jährlich um mindestens zehn Prozent zu

Beispiel Dongguan: In dem einstigen Provinzstädtchen ist der Wohlstand mit Händen zu greifen. In den vergangenen Monaten schossen ein Krankenhaus unter taiwanesischer Führung, Bibliothek, Opernhaus, Konzerthalle, Technikmuseum, Jugendzentrum und ungezählte Einkaufspaläste aus dem Boden. Dongguan, inzwischen mit fast zehn Millionen Einwohnern, ist eines der Zentren im Produktionsgebiet am Perlflussdelta. Das Bruttoinlandsprodukt steigt Jahr für Jahr um 20 Prozent, in der Nachbarmetropole Shenzhen um gut 17 Prozent. Die Löhne legen jährlich um mindestens zehn Prozent zu. Wer Immobilien besaß, hat sich reich spekuliert.

Hier sitzt auch die Einkaufsorganisation für den Otto-Versand in Südchina. Die Hamburger lassen Güter für mehr als eine Milliarde Dollar jährlich in Asien fertigen. Fast 300 Leute bei Otto International Asia in Dongguan suchen die passenden Hersteller, überwachen die Produktion, prüfen die Qualität und sorgen für den Versand der Waren nach Europa oder nach Amerika.

„Macht liegt auf Seiten der ausländischen Einkäufer“

Die Einkäufer schauen sich Vorführstücke an, besuchen Fabriken und lassen Einzelteile in Labors testen. Das Problem fängt da an, wo Gier und Unwissenheit überhandnehmen. Die Hongkonger Unternehmen lagern ihre Produktion an viele kleine Subunternehmer aus oder kaufen bei ihnen ein. Die wiederum suchen sich gerade beim Saisongeschäft mit Spielzeug wieder eigene Sub-Subunternehmer - und können dann kaum alle Bestandteile eines Spielzeugs kontrollieren, so wie das die Großproduzenten in eigenen Prüfzentren tun. Allenfalls Stichproben sind noch möglich. In einer eigenen Untersuchung haben chinesische Behörden ermittelt, dass etwa ein Fünftel des in China verkauften Spielzeugs Mängel aufweist.

Der Preisdruck durch westliche Einkäufer wächst. Doch auch in China steigen Löhne und Mieten. Also reichen die chinesischen Unternehmer den Druck weiter nach unten. Der Subunternehmer fühlt sich dann gezwungen, etwa die billigste Farbe auf dem Markt zu kaufen - ob sie mit Blei vergiftet ist, wird er möglicherweise gar nicht erst fragen. „Natürlich liegt die Macht auf Seiten der ausländischen Einkäufer“, sagt Andy Xie, der frühere Chefvolkswirt für Asien der Investmentbank Morgan Stanley. „Sie lassen die Hersteller gegeneinander antreten. Also tun die alles Mögliche, um ihre Kosten zu senken.“

Bestechlichen Behördenleiter hingerichtet

Hinzu kommt Betrug, der die Mängel im chinesischen Kontrollsystem ausnutzt. In einem von Korruption geprägten Land kann man Bescheinigungen auf vielen Schleichwegen ergattern. Der Spielwarenhändler, der sich am vergangenen Wochenende erhängte, nachdem der amerikanische Hersteller Mattel ihn nach Produktionsfehlern ausgelistet hatte, fühlte sich augenscheinlich betrogen. Ein Farbenlieferant habe ihm eine Lackierung untergeschoben, die als bleifrei deklariert gewesen sei, hieß es nach seinem Tod.

Auch der andere Tod in der Affäre um die Qualität chinesischer Produkte weist in die Richtung: Zheng Xiaoyu, früherer Leiter der Arznei- und Nahrungsmittelaufsicht Chinas, wurde Mitte Juni hingerichtet. Er soll in seiner Amtszeit bis 2005 umgerechnet rund 60.000 Euro Bestechungsgelder angenommen haben, um sechs gefälschte Medikamente auf den Markt zu lassen.

Genehmigungen bald im Jahresrhythmus?

Natürlich verlangt China Exportgenehmigungen für einzelne Warengruppen und Fabriken. Ihr Entzug - wie im Fall des Herstellers, der sich selbst richtete - führt zum direkten Ende des Unternehmens. Auch auf der anderen Seite des Transportwegs, etwa in Amerika oder Europa, werden Genehmigungen verlangt. Den einschlägigen EU-Vorschriften zufolge müssen ausländische Hersteller für den Export in die EU Sicherheitsbescheinigungen vorweisen können.

Offiziell gelten diese Bescheinigungen so lange, bis an einer Produktlinie Veränderungen vorgenommen werden oder die Produktion an einen anderen Standort verlagert wird. Nun wollen die Behörden in Südchina verlangen, dass die Genehmigungen von sofort an im Jahresrhythmus neu zu beantragen sind - was die Branche natürlich ablehnt.

Mattel rief 83 Spielzeuge zurück

Auf dem Weg nach Europa haben die Spielzeuge auch noch einige Hürden zu überwinden. Am 6. August ging in Brüssel eine brisante Liste ein: Die britischen Gesundheitsbehörden übermittelten der EU-Kommission eine Aufstellung von 83 Spielsachen der Marke Fisher Price, die der Hersteller Mattel zurückgerufen haben wollte. Die Artikel stammten aus den Serien „Nickelodeon“ und „Sesamstraße“ und waren unter Verwendung eines bleihaltigen Farbsegments in China hergestellt worden.

In die elf Mitgliedstaaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, die Tschechische Republik und Großbritannien war das giftige Spielzeug geliefert worden; auch Kroatien und die Schweiz waren betroffen.

Europaweites Schnellwarnsystem

Zunächst sah es so aus, als sei die Gefahr für die Verbraucher gering. Der Hersteller versicherte, nur wenige Exemplare seien in den Handel gelangt, der Großteil des Spielzeugs befinde sich noch in Lagerhäusern. Aber am Dienstag kam es zu einer zweiten Rückrufaktion: Mattel hatte auch in seinem Spielzeugauto „Sarge“ einen hohen Bleigehalt festgestellt und nahm zudem Magnetspielzeuge vorsorglich vom Markt: Hunderttausende Produkte, ebenfalls hergestellt in China.

In Europa ist keine Schädigung eines Kindes durch eines dieser Spielzeuge bekanntgeworden. Trotzdem gab die EU-Kommission sofort eine Warnung an alle Mitgliedstaaten heraus. Rapex heißt ihre Einrichtung für solche Zwecke, das ist ein europaweites Schnellwarnsystem für alle Produkte außer Lebensmitteln, Arzneimitteln und medizinischen Geräten. Wenn in einem Mitgliedstaat ein gefährlicher Artikel auftaucht, informiert die Kommission nationale Kontaktstellen in den Mitgliedstaaten, damit die Verbreitung des Spielzeugs oder Elektrogeräts in ganz Europa unterbunden werden kann.

Von Wickelunterlagen bis Bräunungslotionen

In Deutschland etwa wird die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund unterrichtet. Die Bedeutung dieses Alarmverfahrens hat zugenommen: Im Jahr 2006 bekam die Kommission 1051 Meldungen, von denen sich 924 auf Produkte bezogen, die ein ernstes Risiko für den Verbraucher darstellten. Im Jahr 2003 waren es gerade einmal 139 Meldungen gewesen. Die EU schließt daraus, dass das Bewusstsein für mögliche Gefährdungen des Verbrauchers in Europa wächst. So umfasst die wöchentliche Übersicht der Kommission inzwischen Dutzende gefährlicher Produkte. Am vergangenen Freitag gehörten dazu Wickelunterlagen aus Polen, biologische Augenpflegecreme aus Deutschland, Bräunungslotionen aus der Elfenbeinküste, Verlängerungskabel aus den Niederlanden sowie Zahnpastas, Halogenlampen, Steckdosen und Spielzeug aus China.

Meist enthalten die Produkte Giftstoffe oder sind nicht zum sicheren Gebrauch geeignet. Verbieten kann die EU die Einfuhr eines Produkts aus China aber nur in Ausnahmefällen. In der Regel entscheiden die Mitgliedstaaten darüber, ob ein gefährlicher Artikel vom Markt genommen werden muss. Eine solche Ausnahme war das EU-Verbot von Feuerzeugen ohne Kindersicherung. Sie dürfen seit dem 11. März 2007 in Europa nicht mehr verkauft werden.

“Ananas aus Grönland“

Die EU-Verbraucherschutzkommissarin Meglena Kuneva hat vor zwei Wochen in China Gespräche mit den Behörden geführt. Unter anderem will die Kommission bei der Ausbildung von chinesischen Beamten helfen, damit EU-Vorschriften beachtet werden, wenn für den Export nach Europa produziert wird. Das scheint bitter nötig zu sein, denn im Rapex-Jahresbericht heißt es, dass mit 48 Prozent die mit Abstand meisten Beschwerden auf Produkte aus China entfallen. Schon jetzt teilt Rapex Beanstandungen automatisch den chinesischen Behörden mit. Ob den Fällen allerdings nachgegangen wird, bleibt offen. Ein Problem bleiben auch gefälschte Markenprodukte. Die Fälscher unterlaufen alle Kontrollinstanzen - da ihre Produkte sonst schon aus rechtlichen Gründen vom Markt genommen würden.

Irgendwann kommen die Container mit den Spielwaren im Hamburger Freihafen an, wie 25.000 Container an jedem Tag. Der Hafen gilt als Grenze der Europäischen Union. Daher kontrollieren 600 Mitarbeiter des Zolls die Ladungen. Sie haben einen geübten Blick dafür, wenn gegen Steuerrecht oder sonstige Verbote verstoßen wird. Sie prüfen auch, ob die Waren gesundheitsschädlich sein könnten und die Lebensmittelsicherheit eingehalten wird. Verboten sind Waffen, Rauschgift und Plagiate. Die Zollverwaltung prüft zunächst die Papiere, die Schiffsmanifeste. Gibt es Auffälligkeiten (“Ananas aus Grönland zum Beispiel“, wie ein Mitarbeiter der Zollverwaltung bemerkt), wird auch die Ladung in Augenschein genommen. Aber das können immer nur Stichproben sein.

Gase dringen in Waren ein

„Was die Lebensmittel anbelangt, etwa Steaks aus Argentinien, so gibt es da inzwischen rigorose Vorschriften.“ Da die Lebensmittelüberwachung allerdings den Bezirken obliegt, nimmt auch das Bezirksamt Mitte Proben und lässt sie untersuchen. Bei Spielzeug achten die Zollbeamten auch auf die Produktsicherheit. „Wenn dem Teddy der Arm abfällt oder ein Auge aus dem Gesicht kullert, lassen wir das natürlich nicht durchgehen.“ Auffälliges Spielzeug wird in einem Labor in Schleswig-Holstein untersucht.

Ein großes Problem der jüngsten Zeit ist die Begasung der Container, die dem Schutz der Holzböden dienen soll, aber auch in die Ware eindringt. Die meisten der acht genutzten Gase sind geruchlos, sodass per Messgerät geprüft werden muss, ob etwa eine Schaumstoffmatratze, die im Container transportiert wurde, solche schädlichen Gase enthält. Auffällige Ware wird in jedem Fall zurückgehalten. Verstößt sie gegen die Bestimmungen, wird sie ein Fall für die Zollfahndung. Die Zollfahnder haben außerdem eine eigene Ermittlungsgruppe im Hafen, die schon unterwegs ist, bevor die Schiffe abgefertigt werden.

Rauschgift und gefälschte Sportschuhe

Zigaretten als Schmuggelwaren sind noch immer das größte Problem. Vor wenigen Tagen erst beschlagnahmten Beamte der Zollfahndung Hamburg die hundertmillionste Schmuggelzigarette in diesem Jahr. Sie gehörte zu zehn Millionen weiteren unversteuerten Zigaretten in einem Container aus China und wurde beim Durchleuchten in der Röntgenanlage beim Zollamt Hamburg-Waltershof entdeckt. Zumeist sind solche Zigaretten Markenfälschungen, die aus Asien oder den ehemaligen GUS-Staaten stammen.

Ein ähnlich großes Problem waren im vergangenen Jahr gefälschte Sportschuhe. Rauschgift wird geschmuggelt oder Alkohol für Skandinavien. Riecht die Ware ungewöhnlich oder hat sie eine merkwürdige Farbe, dann leitet der Zoll sie weiter an die Hamburger Gesundheitsbehörde, die sie prüft. Nicht immer geht es dabei nur nach dem Zufall. Manchmal macht schon der Hersteller auf Probleme mit der Ware aufmerksam, während sie oft noch wochenlang auf der See unterwegs ist. Manchmal melden sich die Reedereien. Aber meistens meldet sich niemand.

Text: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 8
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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