Interview Edeka-Chef Frenk

„Wir heizen Aldi und Lidl ganz gewaltig ein“

“Wir wollen jedes Jahr 300 neue Märkte eröffnen“

"Wir wollen jedes Jahr 300 neue Märkte eröffnen"

18. November 2007 Es war ein richtig großer Coup: Edeka hat sich gegen den Rivalen Rewe durchgesetzt und die Bieterschlacht um den Discounter Plus gewonnen. Edeka-Chef Alfons Frenk spricht im Interview über den neuen Großdiscounter, über Milchpreise, schizophrene Kunden.

Herr Frenk, wer kauft bei Ihnen ein? Sie oder Ihre Frau?
Beide gemeinsam, zweimal die Woche. Meine Frau führt das Kommando, ich schiebe den Wagen und checke den Laden – Preise, Neuheiten, Ordnung in den Regalen.

Bei was werden Sie schwach?
Bei den Konfitüren. Mein Favorit ist Frutissima von Schwartau: Extrem fruchtig, steht aber, das muss man wissen, im Kühlregal.

Was zählt beim gewöhnlichen Kunden: Preis oder Qualität?
Zu oft leider der Preis. Die Deutschen sind schizophren: Sie kaufen sich die teuersten Küchen der Welt, um dann eine Discountpizza in den Hightech-Ofen zu schieben. Das ist keine Esskultur.

Das sagen gerade Sie?
Bei Edeka haben wir die simple Schweinebauch-Masche nie mitgemacht. Wir setzen auf Genuss, Einkaufsfreude und die starke Qualität unseres Sortiments.

Hinter Edeka verbirgt sich künftig aber auch der drittgrößte Discounter des Landes: Netto gehört Ihnen schon, jetzt kaufen Sie Plus – damit wagen Sie einen frontalen Angriff auf Aldi und Lidl.
Wir werden dem Discount-Markt ganz gewaltig einheizen, da haben Sie recht. Die Kunden können sich freuen. Die neue Gesellschaft Netto Marken-Discount soll im Frühsommer mit mehr als 4100 Geschäften und elf Milliarden Euro Umsatz an den Start gehen. Das ist die größte Transaktion im Einzelhandel, die je getätigt wurde. Und es ist erst der Anfang einer großen Wachstumsgeschichte.

Sie werden keine Plus-Filialen schließen, keine Mitarbeiter entlassen?
Ganz im Gegenteil. Natürlich kann es hier oder dort Umstrukturierungen geben. Insgesamt aber werden wir zahlreiche neue Arbeitsplätze schaffen. Wir wollen jedes Jahr 300 neue Märkte eröffnen und den Umsatz schnellstmöglich ausbauen – in Milliardenhöhe.

Wollen Sie Aldi und Lidl mit Ihrer Kampfansage nervös machen?
Ich habe die beiden bisher nicht als nervöse Mitspieler kennengelernt.

Wie nervös sind Sie, da die Übernahme noch vom Kartellamt genehmigt werden muss: Fürchten Sie als eh schon größter Einzelhändler Auflagen?
Ich bin ein gelassener Mensch, das Kartellamt soll in Ruhe prüfen. Günstig aus unserer Sicht ist, dass Netto und Plus sich regional hervorragend ergänzen. Es gibt kaum Überschneidungen. Das Kartellamt hat eine Frist bis April, dann wissen wir mehr.

Dessen Segen vorausgesetzt, wird der Name Plus dann verschwinden?
Nein, das war Herrn Haub von Tengelmann sehr wichtig. Die Plus-Märkte übernehmen das Netto-Konzept, aber die kleinen Märkte in den Stadtzentren werden weiter Plus heißen.

Wie hoch war der Preis, den Sie Tengelmann bezahlen?
Natürlich hätten wir gerne ein paar Euro weniger bezahlt, aber es war ein fairer Preis.

Ihrem Mitbieter Rewe war er zu hoch. Haben Sie sich in dem Poker um Plus nach oben treiben lassen?
Wir tun nie etwas Unvernünftiges. Wir hatten ja einige Trümpfe in der Hand. Die Familie Haub behält nicht einfach 30 Prozent an Plus, sondern wird mit 30 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Zudem haben wir eine Einkaufskooperation für Edeka und die Kaiser’s Tengelmann-Geschäfte vereinbart.

Haben Sie keine Angst, das Edeka-Image durch die Verbindung mit dem Discounter zu schädigen?
Nein, wir grenzen Edeka ganz aktiv vom Discount-Geschäft ab, setzen noch mehr auf Frischwaren und Markenprodukte und werden bis 2010 weitere 500 Supermärkte an selbständige Unternehmer übertragen.

Wo verdienen Sie mehr: im Discounter oder im gutbestückten Supermarkt?
Bei uns sind beide Konzepte profitabel. Die Edeka-Gruppe erwirtschaftet eine Rendite von 3,5 Prozent vom Umsatz.

Ist das auch die Vorgabe für Plus? Der Filialist macht in diesem Jahr angeblich Verluste.
Das operative Ergebnis von Plus ist schwarz. Wir arbeiten natürlich auf die 3,5 Prozent hin, die wir bei Netto bereits haben. Und das soll nicht als Obergrenze verstanden werden. Wir wollen darüber hinaus. Das mag allerdings ein, zwei Jahre dauern.

Aldi schafft sieben Prozent Rendite.
Dazu gratulieren wir. Die meisten anderen sind bereits froh, wenn sie ein bis zwei Prozent Umsatzrendite erwirtschaften. Schließlich haben wir in Deutschland bei den Lebensmitteln seit Jahren die niedrigsten Preise Europas.

Das ändert sich gerade, wie jeder Einkäufer leidvoll bemerkt: Die Preise schnellen in die Höhe.
Das ist ein interessantes Phänomen. Viele Lieferanten rücken hier mit einem neuen Selbstbewusstsein und völlig überzogenen Forderungen an.

Schuld an den höheren Preisen haben allein die Hersteller? Wenn Milch, Brot, Butter flächendeckend teurer werden, riecht das nach Absprachen im Handel.
In einem so harten Wettbewerbsmarkt gibt es keine Absprachen. In diesem Frühjahr haben die Molkereien ihre Preise um ein Viertel erhöht aufgrund der Milchknappheit. Der Handel musste folglich darauf reagieren.

Der Wettbewerb beschränkt sich schon jetzt auf wenige Mitspieler. Die zehn größten Konzerne stehen für etwa 85 Prozent des Marktes. Und jetzt wollen Sie von der Metro-Gruppe auch noch die 250 Extra-Märkte übernehmen?
Prinzipiell ist Extra interessant. Aber wir machen eins nach dem anderen. Bisher haben wir kein Angebot abgegeben.

Edeka ist eine 100 Jahre alte Genossenschaft mit einer verwinkelten Struktur. Wer muss bei Deals wie mit Plus alles unterschreiben?

Ganz einfach: der Vorstand, nachdem der Aufsichtsrat zugestimmt hat.

In Ihren Gremien sitzen viele Regionalfürsten und wachen über ihre Pfründe. Die machen Ihnen bestimmt das Leben schwer.
Ganz im Gegenteil.

Sie haben allein Jahre gebraucht, um eine gemeinsame EDV durchzusetzen.
Inzwischen hat sich viel verändert. Wir haben die Zentrale gestärkt und die Entscheidungswege vereinfacht. Mit unserem Erfolg in den Geschäften beweisen wir, dass wir an einem Strang ziehen.

Ihr Expansionsdrang scheint grenzenlos. Sie sollen mit dem Finanzinvestor KKR im Sommer sogar einen Angriff auf Rewe, Ihren größten Konkurrenten, geplant haben.
Das stimmt nicht.

Sie bestreiten, dass es einen Pakt gab zwischen Ihnen und KKR?
Es gab und gibt keinen Pakt. Tatsächlich hat Herr Huth von KKR mal angefragt, ob wir, wenn es zu einem Deal käme, Interesse hätten an den Lebensmittelgeschäften von Rewe. Bei dieser Anfrage ist es geblieben. Ich hatte seither keinen Kontakt mehr mit Herrn Huth.

Jetzt sind Sie der Bösewicht, der gemeinsame Sache macht mit Heuschrecken.
Mit dem Feindbild des bösen Investors lassen sich hervorragend Ängste schüren.

Auf der Jahresversammlung soll die Rewe-Führung feierlich ein Edeka-Schiff versenkt haben.
Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe an dieser Tagung nicht teilgenommen.

Wie friedlich sieht es bei Ihnen in der Führungsetage aus? Es heißt, mit Ihnen kann niemand.
Wer behauptet denn so was?

Sie haben immerhin 20, 30 Manager entlassen.
Wir haben Edeka komplett neu ausgerichtet. Das hat natürlich auch zu personellen Konsequenzen geführt.

Stimmt es, dass Sie die Befehlsform bevorzugen?
Nein. Ich schlage vielleicht mal lebhaft auf den Tisch, wie Sie sicherlich gemerkt haben. Aber ich schätze die hohe Sachkompetenz von Kollegen und auch die Diskussionen, die sich daraus ergeben.

Ihre Lieferanten klagen, dass Sie Ihre neue Marktmacht ausnutzen und sie auspressen.
Wir verkaufen unsere Handelsleistung. Das Gejammer der Hersteller ist Schauspielerei. Sie haben noch nie so viel Geld an uns verdient wie 2007.

Sie sind gelernter Wirtschaftsprüfer. Haben Sie selbst mal einen Laden betrieben?
Nein. Ich bringe unternehmerischen Leistungen einen riesigen Respekt entgegen. Anfangs habe ich mir regelmäßig einen weißen Kittel übergestreift, verkauft, gefegt und Ware eingeräumt, um das Tagesgeschäft kennenzulernen. Vor drei Wochen erst habe ich bei einem Marktrundgang eine Kaffeemaschine für 150 Euro verkauft. Der Filialleiter war sehr zufrieden mit mir.

Das Gespräch führte Bettina Weiguny.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Holde Schneider - F.A.Z.

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