Banken

Lauer Gewerkschaftsprotest gegen die Deutsche Bank

18. Mai 2005 Der Himmel meinte es gut mit den Demonstranten an der Frankfurter Messe. Zum ersten Mal seit Tagen war es sonnig und trocken in Frankfurt. Trotzdem fanden sich am Morgen nur einige Dutzend Verdi-Gewerkschaftler vor der Festhalle ein, in der die Deutsche Bank ihre Hauptversammlung abhielt. Dafür waren die Fernsehreporter besonders zahlreich. Um diesen etwas zu bieten, griffen die Protestler tief in das Traditionsrepertoire der Gewerkschaften.

Mit Trillerpfeifen, Ratschen, Trommeln, Verdi-Mützen und Verdi-Leibchen überm Sweatshirt schufen sie die passende Klangkulisse für ihre Funktionärin Margret Mönig-Raane, die es eilig hatte, weil sie gleich noch als Aufsichtsratsmitglied drinnen in der Festhalle aufs Podium mußte. "Wir wollen als Mitarbeiter teilhaben an der Entwicklung des Unternehmens", rief die Gewerkschaftlerin - prompt setzten Trillerpfeifen und Trommeln ein. Einige schwenkten telegen handbemalte Bettlaken in den blauen Himmel über ihren Köpfen. Kameramänner schubsten sich, um die Stimmung an der Basis in der Belegschaft einzufangen. Am Eingang verteilte der Betriebsrat der Bank einen "Aktionärsbrief", in dem er zur Unterstützung "bei der nachhaltigen Sicherung der Arbeitsplätze in der Bank, auch in Deutschland" aufruft.

Drinnen in der Festhalle keine Spur von Klassenkampf. Der Abbau von 6400 Stellen spielte dort kaum eine Rolle mehr. Die Gewerkschaftlerin Mönig-Raane stellte sich auf dem Podium demonstrativ neben Vorstandssprecher Josef Ackermann und richtete lange freundliche Worte an ihn. Genauso höflich und charmant reagierte Ackermann. Angesichts der Aktionäre herrschte wieder Einigkeit zwischen Arbeitnehmervertretern und Vorstand, so wie sich die stellvertretende Verdi-Vorsitzende ja auch zuvor nicht im Aufsichtsrat gegen den Stellenabbau gestellt hatte.

Für den Rest des Tages drängten die Interessenvertreter des gestürzten Medienunternehmers Leo Kirch und ihre Auseinandersetzung mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank Rolf Breuer in den Vordergrund. Kurz nach 10 Uhr eröffnete Breuer die Versammlung. Gleich zu Beginn hatte Kirchs Rechtsanwalt Franz Enderle den Geschäftsordnungsantrag eingebracht, Breuer die Versammlungsleitung zu entziehen. "Ist Herr Enderle denn im Raum?" fragte Breuer ratlos. Nein, er wurde in den aufwendigen Sicherheitskontrollen aufgehalten. Ein Privatrechtsprofessor unterstützte derweil die Kirch-Fraktion und wies auf "schwere Interessenkonflikte" hin, in denen Breuer als Aufsichtsratsvorsitzender verstrickt sei. Doch Kleinaktionärsschützer Klaus Nieding sprang Breuer zur Seite und verteidigte diesen mit Herzblut.

Ein anderer Kleinaktionär, Hans-Martin Buhlmann, sah vielmehr die Gewerkschaftlerin Mönig-Raane in einem Interessenkonflikt. "Wenn ich ein Aufsichtsratsmitglied vor der Hauptversammlung stehen sehe, das das Nest beschmutzt, dann ist das ein Interessenkonflikt", rief Buhlmann. Getroffen schüttelte die Adressatin der Kritik den Kopf. Wegen dieser Verzögerung konnte Ackermann zu seiner Rede erst um 10.58 Uhr ansetzen. Um 11.30 Uhr war der erste Antrag der Kirch-Seite abgelehnt: Nur 0,5 Prozent des Kapitals hatte für die Absetzung Breuers als Versammlungsleiter gestimmt. Dann gab Breuer bekannt, daß ein Aktenordner mit Kirch-Unterlagen am Eingang gefunden worden sei. Herr Enderle könne ihn abholen. Großes Gelächter im Saal. Später beteuerte ein enger Vertrauter Kirchs, Dieter Hahn, Enderle habe den fraglichen Ordner immer neben seinem Tisch stehen gehabt.

Angeblich kritische Aktionäre machten überwiegend brave Einwendungen. Selbst Reizworte wie "Peanuts", die früher treffsichere Knaller der Heiterkeit waren, lösten angesichts des hohen Gewinns nur artigen Beifall unter den 5200 Aktionären aus. Alfred Herrling, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, lancierte den Appell an die Aktionäre, den Stellenabbau zu überdenken, und übergab 7000 Unterschriften, die der Betriebsrat in der vergangenen Woche gesammelt hatte. Um 14.07 Uhr strebte die Hauptversammlung ihrem zweiten Höhepunkt entgegen. Enderle trat vor, um seine Fragen zu stellen. Er verlas einen langen Katalog: Ob es richtig sei, daß die Staatsanwaltschaft zwei verschiedene Versionen des Protokolls einer Vorstandssitzung vom 29. Januar 2002 beschlagnahmt habe? Er sprach Breuer auf eine Gesellschaft dessen Sohnes an, fragte wegen der Transaktion zwischen Deutscher Bank und Axel Springer nach. Ackermann habe auf der Hauptversammlung 2003 eine andere Version gegeben als Friede Springer nun in ihrer Biographie.

Die mit dünner brüchiger Stimme abgelesenen Fragen erregten die Aktionäre offenbar mehr als der Verdi-Protest. Laute Pfiffe und "Aufhören"-Rufe begleiteten Enderles Vortrag. Breuer intervenierte: "Ich verstehe Ihren Unmut", verwies aber auf das Aktionärsrecht, Fragen zu stellen. Als Enderle um 14.26 Uhr endete, quittierten die Aktionäre seinen Abtritt mit neuen Pfiffen. Bis die Deutsche Bank dünne Antworten gefunden hatte, verging noch einmal mehr als eine Stunde. (hlr.)

Text: F.A.Z., 19.05.2005, Nr. 114 / Seite 19

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