Aufsichtsrat

VW-Sonderausschuß schaut Piech auf die Finger

Bernd Pischetsrieder: umstrittener Chef

Bernd Pischetsrieder: umstrittener Chef

02. Mai 2006 Dem Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech wird künftig genauer auf die Finger geschaut. An diesem Dienstag trifft sich der VW-Aufsichtsrat im Hotel Atlantic in Hamburg.

Nach Informationen der F.A.Z. wird sich das Gremium indirekt auch mit der Doppelrolle von Chefaufseher Piech beschäftigen, der zugleich im Aufsichtsrat des VW-Großaktionärs Porsche sitzt. Bei VW soll künftig ein Sonderausschuß im Aufsichtsrat darüber wachen, daß alle VW-Aktionäre gleich behandelt werden. Entsprechende Statuten dieses Ausschusses sollen verabschiedet werden.

Keine personelle Alternative zu Pischetsrieder

In der Aufsichtsratssitzung am Vorabend der Hauptversammlung soll zudem der Vertrag von VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder verlängert werden. Darüber sind sich die Anteilseigner, allen voran die Großaktionäre Porsche und das Land Niedersachsen, einig. Aus dem Arbeitnehmerlager kommen indes zwiespältige Signale.

IG-Metall-Chef Jürgen Peters, stellvertretender Aufsichtratsvorsitzender von VW, soll sich bis zuletzt gegen eine Vertragsverlängerung ausgesprochen haben. Möglicherweise ist dies aber nur eine Drohgebärde und Teil einer Strategie, die auf eine Schwächung des Vorstandsvorsitzenden in den Verhandlungen über den Restrukturierungskurs hinauslaufen soll.

Es könne sein, daß der eine oder andere Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gegen Pischetsrieder stimmen werde, verlautete am Montag aus dem Arbeitnehmerlager. Die Mehrheit werde aber wohl für die Verlängerung des Vertrages von Pischetsrieder votieren. Schließlich gebe es keine personelle Alternative. Daher sei damit zu rechnen, daß die Zweidrittel-mehrheit, die im ersten Wahlgang erforderlich ist, erreicht werde.

Porsche soll keine Vorteile haben

Nicht ausgeschlossen wurde in Arbeitnehmerkreisen, daß man noch über die Laufzeit des Vertrages diskutieren werde. Ein Vorschlag könnte lauten, Pischetsrieders Vertrag nur um drei und nicht, wie sonst üblich, um fünf Jahre zu verlängern. Dem Vernehmen nach wollen die Arbeitnehmervertreter in der Sitzung vom Vorstand mehr Informationen darüber, wie es mit den Komponentenwerken weitergehen soll. Wie berichtet, will sich VW von Teilen dieser konzerneigenen Zulieferbetriebe trennen.

Sollte Pischetsrieders Vertrag auf Druck von Peters nicht verlängert werden, müßte die Personalie in der nächsten Aufsichtsratssitzung im Juni entschieden werden. Dann reichte die einfache Mehrheit, wobei Chefkontrolleur Piech ein doppeltes Stimmrecht hätte.

Mit dem Sonderausschuß - in dieser Form höchst ungewöhnlich für ein börsennotiertes Unternehmen - soll verhindert werden, daß der neue VW-Aktionär Porsche einseitig und zu Lasten von Volkswagen Vorteile aus der Partnerschaft zieht. Im Sinne der Gleichbehandlung aller Aktionäre müsse die Porsche AG, die 21 Prozent der stimmberechtigten VW-Aktien besitzt, so behandelt werden wie jeder Dritte auch, lautet die Maßgabe. Porsche und VW bauen heute schon gemeinsam die Geländewagen Touareg und Cayenne und wollen die Zusammenarbeit auf weitere Gebiete und Modelle erweitern.

Sitzungssausschluß für Piech

Der vierköpfige Sonderausschuß, der von Hans Michael Gaul (Eon) geleitet wird, dürfte vor allem Piech auf die Finger schauen. Auf die Gefahr einer Interessenkollision aus seiner Doppelrolle haben insbesondere angelsächsische Finanzinvestoren wie Tweedy Brown oder der Fonds-Verwalter Hermes immer wieder hingewiesen.

Deutsche Aktionärsvertreter sorgen sich um die Einhaltung der Regeln einer guten Unternehmensführung (“Corporate Governance“). „Es muß eine professionelle Lösung her, die die Beziehungen der Großaktionäre regelt und systemimmanente Interessenkollisionen ausschließt“, sagte Ulrich Hocker dieser Zeitung. Dem Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist Piechs Doppelrolle ein Dorn im Auge.

In der VW-Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag soll nun über die Statuten des Sonderausschusses beraten werden. Als sicher gilt, daß sich Piech bei Porsche-Themen im Aufsichtsrat nicht nur enthalten muß. Fortan soll er sogar den Sitzungssaal verlassen, wenn über die Zusammenarbeit mit dem Sportwagenbauer gesprochen wird, heißt es in gutinformierten Kreisen.

Schwächung der Sanierungspolitik

Angeblich ist Piech äußerst verärgert über diese Restriktionen und über die Einrichtung des Sonderausschusses überhaupt. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch wird Piech viel Kritik einstecken müssen. „Wir werden bei der Hauptversammlung den Antrag stellen, Herrn Piech abzusetzen“, kündigte die amerikanische Investmentgesellschaft Tweedy Browne an.

Die Fondsgesellschaften der Sparkassen (Deka) und der Deutschen Bank (DWS) haben Gegenanträge eingereicht mit dem Ziel, einzeln über die Entlastung der Aufsichtsräte abzustimmen. Deka und DWS wollen Piech die Entlastung verweigern, weil dieser die Wahl von Horst Neumann zum VW-Personalvorstand gegen den Willen Pischetsrieders durchgeboxt und öffentlich Zweifel an einer Verlängerung von Pischetsrieders Vertrag geäußert hatte.

Diese Vorgänge stellten eine „beabsichtigte Schwächung des Vorstandsvorsitzenden und seiner Sanierungspolitik dar“, erklärte die Deka. Aus Sicht der VW-Anteilseigner sei dies kontraproduktiv und wertmindernd für die Aktie.

Text: rit.,hpe., F.A.Z., 02.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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