Von Winand von Petersdorff
27. November 2006 Hat ein Konzern das moralische Recht, ein radikales Stellenstreichungs-Programm zu starten, wenn er gleichzeitig sechs Millarden Euro Gewinn erzielt? Darf er sich von Tausenden zum Teil langjährigen Mitarbeitern trennen in einem der besten Geschäftsjahre der Geschichte? Das sind Fragen, mit denen sich die Allianz in den vergangenen Monaten auseinanderzusetzen hatte.
Volkes Stimme gibt eine eindeutige Antwort: Das macht man nicht. Und willfährige Politiker brachten sogar Vorschläge in die öffentliche Debatte, Unternehmen mit hohen Gewinnen Stellenstreichungen zu verbieten.
Volkes Stimme gibt die falsche Antwort
Das ist die falsche Antwort aus zwei schlichten Gründen. Betriebswirtschaftlich notwendige Restrukturierungen müssen nun einmal gemacht werden. Das ist nicht nur ein Recht, es ist sogar eine Pflicht gegenüber den Eigentümern des Unternehmens und nicht zuletzt zum Nutzen der Mitarbeiter.
Die Frage des Timings ist auch klar zu beantworten: Unternehmen, die in Geld schwimmen, können den Arbeitsplatzabbau finanziell großzügiger abfedern. Klamme Unternehmen feuern ihre Mitarbeiter ohne Handgeld.
Schwindsucht wie bei der Deutschen Telekom
Die Allianz verlor in der sogenannten Sachversicherung (alles außer Lebensversicherung) binnen kurzem die Hälfte ihres Marktanteils in Deutschland. Die Schwindsucht hat eine Dimension wie bei der Deutschen Telekom.
Die Produkte der Konkurrenz sind billiger, auf deren Angeboten lasten weniger hohe Verwaltungskosten als bei der Allianz. Damit ist nachvollziehbar, daß eine Sanierung der Sparte geboten ist. Die Arbeitnehmervertreter haben sich dagegen übrigens nie gewehrt.
Kapitalmärkte bevorzugen den großen Knall
Die zweite Frage ist, wie man eine Konzernsparte neu organisiert. Auf einen Schlag mit großem Knall oder mit einer längeren Übergangszeit? Kapitalmärkte und institutionelle Investoren lieben den großen Knall. Er steht für Entschlußkraft des Topmanagements und erleichtert den Neuanfang. Und ein großer Knall kann dabei helfen, eine müde Organisation aufzurütteln.
Die Allianz hat diese schnelle, radikale Lösung versucht mit der Ankündigung, traditionsreiche Niederlassungen zu schließen und die Stellen in einem Tempo abzubauen, die der gemächliche Assekuranzkonzern bisher nicht kannte. Womöglich war es ein Programm genau jener Radikalität, die die Allianz als Aktionär seinen schwächelnden Beteiligungsunternehmen abverlangt hätte. Insofern blieben die Münchner sogar konsistent. Und scheiterten trotzdem.
Wir haben gelernt - aber was?
Jetzt wird das Programm gestreckt; es schließt betriebsbedingte Kündigungen weitgehend aus. Am Stellenabbau ändert das nichts, nur an der Zeitspanne. Wir haben gelernt", sagt das Unternehmen schlicht.
Was genau, bleibt allerdings im Nebel. Die Arbeitnehmervertreter haben es verstanden, eindrucksvolle Proteste zu organisieren. Die Konzernführung war Objekt heftigster, zum Teil polemischer Kritik und beißenden Spotts. Das dürfte nicht ohne Eindruck geblieben sein. Schwerer wiegt womöglich, daß durch Personalabbaupläne verunsicherte Beschäftigte einfach schlechtere Mitarbeiter sind, die weniger Versicherungsverträge verkaufen und bearbeiten. Dazu kommt, daß die Aufgeweckteren unter diesen Beschäftigten mit fliegenden Fahnen zur Konkurrenz wechseln und gelegentlich als Begrüßungsgeschenk eine Kundenkartei mitbringen.
Vor diesem Hintergrund wäre eine langsame Umstrukturierung vermutlich die bessere Lösung gewesen. Man hätte sie leichter haben können.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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