Bahn-Streik

Vorsichtige Entwarnung

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09. November 2007 Die Pressesprecherin der Hamburger Hafenverwaltung, der „Hamburg Port Authority“, musste nicht lange überlegen. Auf die Frage, was ihr mehr Sorge bereitet habe, die angekündigte Sturmflut an der Nordseeküste oder der Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), sagte sie: „Eine Sturmflut kennen wir, ein Streik ist neu für uns.“ Deshalb habe man nach der Streikankündigung keine genaue Vorstellung davon gehabt, was auf den Hamburger Hafen zukommen würde.

Der Güterverkehr spielt hier - im größten europäischen Hafen für den Umschlag von Bahncontainern - eine entscheidende Rolle. 1,6 Millionen Standardcontainer, Container mit einer Länge von 20 Fuß (rund sechs Meter), werden hier im Jahr per Bahn an- oder weitertransportiert. Schon früh stellte sich am Freitag jedoch heraus, dass die Beeinträchtigungen viel geringer ausfallen würden, als von der Hafenverwaltung befürchtet. Endlose Reihen nichtabgefertigter Container gab es nicht zu besichtigen. Im Gegenteil. Viele Container hatten den Hafen gar nicht erst erreicht, weil die Güterzüge im Umland stehengeblieben waren. 25 bis 30 Prozent betrug die Ausfall- und Verspätungsquote im Hamburger Hafen. Insgesamt war die Zahl der Ausfälle und Verspätungen jedoch wesentlich geringer als die 75 Prozent, die die Hafenbehörde zunächst befürchtet hatte. Diese Zahl beruhte auf der Annahme, dass das bestreikte Unternehmen des Bahn-Konzerns, Railion, völlig lahmgelegt würde. Railion ist für etwa 80 Prozent des Güterverkehrs innerhalb des Hafens zuständig, die restlichen 20 Prozent teilen sich fast 50 weitere Bahn-Unternehmen.

In Ostdeutschland dreht sich kaum ein Rad

Nur der LKW fährt noch: Umschlagbahnhof in Leipzig

Nur der LKW fährt noch: Umschlagbahnhof in Leipzig

Auf dem Bahnhof „Alte Süderelbe“, dem angeblich größten Hafencontainerbahnhof Europas, fuhren am Freitag auch die roten Lokomotiven mit dem weißen Railion-Schriftzug. In der Dispositionszentrale, in einem 20 Meter hohen Turm neben den Gleisen, war von Hektik nichts zu spüren. Schichtleiter Horst Markowski koordinierte hier mit 12 Mitarbeitern die Strecken und Gleise, auf denen etwa 200 Güterzüge täglich ins Hafengelände ein- oder aus dem Hafengelände herausfahren. Etwas hektischer, befürchtet die Hafenverwaltung, könnte es in den nächsten Tagen werden, wenn der Streik beendet ist und die Züge, die sich im Umland gestaut haben, in kurzen Abständen eintreffen.

In Ostdeutschland aber drehte sich kaum noch ein Rad. „Fast 340 Lokführer haben sich hier am Streik beteiligt“, sagte Peter Korleck vom Bezirksvorstand der GDL in Halle. Entsprechend viele Güterzüge seien allein in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vom Ausstand betroffen gewesen. Den Personenverkehr tangierte die GDL mit ihren jüngsten Aktionen kaum. „Wir haben die Strecken mit Rücksicht auf Reisende nicht zugefahren“, sagte Korleck.

In Ostdeutschland hat die GDL besonders viele Mitglieder. Der Schaden des Streiks für die ostdeutsche Wirtschaft lasse sich noch nicht beziffern, hieß es aus den Wirtschaftsministerien in Magdeburg und Dresden. In den sächsischen Autowerken von Volkswagen, BMW und Porsche wurde am Freitag normal weiterproduziert. Auch die Chemieunternehmen gaben sich gelassen. Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer der Chemieverbände Nordost, teilte mit: „Der Streik trifft uns nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“ Viele Firmen hätten sich in den zurückliegenden Tagen auf den zuspitzenden Tarifkonflikt bei der Bahn eingestellt, ihre Lager gefüllt, Güterverkehr kurzfristig auf die Straße verlagert oder Transportleistungen bei Wettbewerbern der Bahn geordert. Von spürbaren Auswirkungen des Arbeitskampfes sprachen hingegen sowohl die Deutsche Bahn als auch die GDL. Die GDL teilte mit, mehr als 1000 der rund 5500 Güterzüge seien stehengeblieben, 1800 Lokführer hätten sich an dem Ausstand beteiligt. Bahn-Logistikvorstand Norbert Bensel sagte in Berlin, in Ostdeutschland sei der Schienengüterverkehr durch den Streik nahezu lahmgelegt worden. Auch im Westen seien zwei Drittel der Güterzüge betroffen. Beeinträchtigt sei mittlerweile auch der internationale Güterverkehr, vor allem Transporte in Richtung Osten liefen kaum noch. „Mehrere hundert Züge im Ausland warten darauf, nach Deutschland fahren zu können“, sagte Bensel. Allerdings sei es gelungen, besonders wichtige Versorgungszüge, etwa zur Belieferung von Kraftwerken, fahren zu lassen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, reuters

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