08. Juni 2008 Immobilien oder Bücher? Das war hier die Frage. Bernd Lunkewitz hat sich für beide entschieden: hat seine Immobilien behalten und einen Verlag gekauft. Einen Pleite-Verlag, aber einen mit Tradition. Aufbau war der Vorzeigeverlag der DDR: Ost-Autoren wie Christa Wolf, Christoph Hein und Erwin Strittmatter veröffentlichten hier, Aufbau verlegte auch Heinrich Mann oder Lion Feuchtwanger, außerdem Klassiker wie Fontane oder Hölderlin. Doch nach der deutschen Vereinigung stand der Verlag vor dem Aus.
Zwei Anrufe an einem Freitag im April 1991 haben das Blatt gewendet. Beim ersten Mal hat es beim früheren Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann geklingelt. Sie kennen doch viele Leute mit dicker Brieftasche, sagte Ulrich Wechsler, damals bei der Treuhand der Fachmann für Verlage, zuvor im Vorstand von Bertelsmann. Er suche jemanden, der den Aufbau-Verlag kaufen wolle: Vier Millionen Cash. Damals natürlich noch Mark. Beim zweiten Mal klingelte das Telefon bei Lunkewitz. Willst du ewig Häuser bauen, oder könnte es dich reizen, in den Verlegerberuf zu wechseln?, fragte Hoffmann. Es hat Lunkewitz auf der Stelle gereizt. Am nächsten Tag traf er sich mit Wechsler um 9 Uhr im Frankfurter Hof, um 12 Uhr war die Vereinbarung perfekt. Knall auf Fall war der Frankfurter Immobilienunternehmer Lunkewitz zum Verleger geworden. Rund eine Million Mark habe er für das Buch-Flaggschiff der DDR gezahlt, sagen die Archive.
Rätselhafte Motive
Der reine Zufall ist es nicht gewesen, der ihn zum Büchermachen gebracht hat. Es war die Sehnsucht nach Höherem. Das Immobiliengeschäft habe ihm nicht mehr genügt, sagt Lunkewitz. Mit etwas mehr als 40 Jahren habe er vor der Frage gestanden, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen solle. Die Frage stellt sich jetzt, da er 60 ist, noch einmal. Denn Lunkewitz ist nicht mehr Aufbau-Verleger. Er hat der Geschäftsführung des Verlags knapp mitgeteilt, dass er keine weiteren Mittel mehr aus seinem privaten Vermögen zur Verfügung stellen werde, woraufhin Aufbau Insolvenz angemeldet hat.
Die Branche rätselt seit Tagen über Lunkewitz' Motive. Hat er die Lust am Verlegerberuf verloren? Kann er es sich nicht mehr leisten, weiter Geld zu verlieren? Er habe schon in der Vergangenheit Gemälde seiner Gerhard-Richter-Sammlung verkauft, um Geld zur Stabilisierung von Aufbau zu bekommen, heißt es. Hat er sich mit dem Rückzug bessere Chancen eröffnet für seinen bevorstehenden Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland? Denn Lunkewitz fühlt sich von der Treuhand betrogen, der Verkauf von Aufbau an ihn war nicht rechtmäßig, weil der wahre Eigentümer der Kulturbund war. Von ihm hat er 1995 Aufbau ein zweites Mal erworben - rechtmäßig dieses Mal. Zurückgeblieben ist ein Rechtswirrwarr bei den Lizenzen. Angeblich will Lunkewitz vom Bundesfinanzministerium bis zu 50 Millionen Euro Schadensersatz erstreiten. Lunkewitz selbst hält sich bedeckt, Anfragen beantwortet er nicht. Die Lage ist unklar.
Schwer vorzustellen, dass Lunkewitz aus einer Laune heraus alles aufgibt, was er während der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte als Verleger aufgebaut hat. Man darf sich fast sicher sein, dass er noch einen Trumpf in der Hinterhand hält. Oder dass er sich aus der schwierigen Situation herausschlängelt. Wie damals aus der grünen Minna, wohin Polizisten Lunkewitz einmal in den wilden siebziger Jahren verbrachten, weil er in Frankfurt auf dem Gebäude eines amerikanischen Militärkaufhauses eine Vietcong-Fahne aufgepflanzt hatte. Der gertenschlanke Lunkewitz soll sich durch die beiden Gitterstäbe am Rückfenster in die Freiheit gequetscht haben, heißt es. Daraufhin sei in allen hessischen Polizeiwagen quer zu den Gitterstäben eine zusätzliche Stange eingezogen worden, in Polizeikreisen damals Lunkewitz-Spange genannt.
Als Kapitalist Marxist geblieben
Bei einer Demonstration gegen die NPD in seiner Heimatstadt Kassel soll Lunkewitz sich sogar eine Verwundung zugezogen haben. Ein Leibwächter des damaligen NPD-Führers Adolf von Thadden habe ihm mit einer Pistole in den Oberarm geschossen, was Lunkewitz zum Helden der linken Szene gemacht habe.
Solche Veteranen-Geschichten - manche sprechen von Legenden - werden gerne über Lunkewitz erzählt. Der Mann ist eine schillernde Figur, der man vieles bis alles zutraut. Lunkewitz hat es zum Beispiel geschafft, auch als Kapitalist Marxist zu bleiben. Mit verwegener Dialektik hat er kapitalistisches Sein und sozialistische Gesinnung für sich versöhnt: Indem ich an diesem System teilnehme, trage ich auch ein Stück weit zu seiner Überwindung bei. Mag sein, dass seine Behauptung, nie dem Marxismus abgeschworen zu haben, nur ein Trick ist, um andere zu verblüffen. Oder um als besonders interessante Persönlichkeit zu erscheinen. Auf jeden Fall ist er in seiner Studienzeit Marxist gewesen. Maoist, genauer gesagt, Mitglied einer Politsekte namens KPD/ML, Gründer der Roten Garde Bockenheim.
Das Große Los hat Lunkewitz 1973 bei der Jobvermittlung der Frankfurter Universität gezogen - eine Aushilfsbeschäftigung bei einer englischen Immobilienfirma. Aus zwei Wochen Job wurde eine feste Anstellung, Lunkewitz erlernte von der Pike auf das Geschäft mit Häusern und Grundstücken. In der Immobilienkrise 1977 machte er sich selbständig, sein erstes Geschäft auf eigene Faust brachte ihm zweieinhalb Millionen Mark Gewinn ein, das Grundkapital für den späteren Aufbau seines Immobilien-Reiches. Sein Geschäftsgeheimnis, während einer Flaute zu kaufen, hatte sich zum ersten Mal bewährt. Ich habe Mieter, ihr habt Geld, sagte er damals zu den Herren einer Bank, die auf einem leerstehenden Geschäftshaus im Frankfurter Osten saßen. Diese fanden Lunkewitz' Vorschlag, ihm einen Kredit zum Kauf des Hauses zu gewähren, vernünftig, das Geschäft ward gemacht. Als der Immobilienmarkt wieder anzog, stieg der Wert des Gebäudes rasant an. Von da an ging's nur noch bergauf, Lunkewitz errichtete neue Bürohäuser oder sanierte alte Geschäftsbauten. Seine antizyklische Strategie lautete: Ich kaufe nur, wenn die Preise unten sind. Lunkewitz hat viel Geld mit Immobilien verdient. Geld mache nicht glücklich, sagt er, aber auch nicht unglücklich. Vor allem aber ist Geld für Lunkewitz ein Vehikel gewesen, sich extravagante Wünsche zu erfüllen. Direkt neben dem Domizil der Bankiersfamilie von Metzler hat er sich in Frankfurt-Sachsenhausen nach den Plänen von Quinlan Terry, dem Lieblingsarchitekten des Prince of Wales, eine klassizistische Villa bauen lassen, nachempfunden den Bauten Schinkels und des Frankfurter Stadtbaumeisters Hess. Hier gab der Verleger Lunkewitz während der Frankfurter Buchmesse traditionell seine Buchmessen-Party mit vielen illustren Gästen - unter Kennern als best party in town bekannt.
Der Traum, ein wichtiger Verleger zu sein
Wäre Lunkewitz Immobilienkaufmann geblieben, würde sein Name vielleicht hin und wieder auf der Immobilienseite einer Zeitung auftauchen. Eine Berühmtheit wäre er aber wohl nicht geworden. Als Aufbau-Verleger dagegen war Lunkewitz ein Liebling der Kulturszene, ein Mann, über den man spricht und tratscht. Das ist ihm gewiss nicht unrecht gewesen, Lunkewitz steht gerne im Licht. Doch es war mehr als Ehrsucht, die ihn veranlasst hat, Geld in einen maroden Verlag zu stecken. Viel Geld übrigens: neun Millionen Mark im ersten Jahr, noch einmal so viel im zweiten, drei Millionen im dritten. 17 Millionen Mark hat Lunkewitz seinen damaligen Angaben zufolge allein bis 1995 aus seinem Privatvermögen aufgebracht. Es mag noch die eine oder andere Euro-Million hinzugekommen sein. Das zehrt an den Nerven, hat er damals gesagt.
Doch wie gesagt: Er hat den Verlag nicht aus ökonomischen Gründen gekauft. Er wollte sich vielmehr einen Traum erfüllen. Den Traum, ein wichtiger Verleger zu sein. Lunkewitz besitzt tatsächlich literarische Interessen und darüber hinaus den Ehrgeiz, mehr zu sein als nur eine Geldverdien-Maschine. Sein Traum, aus einem sanierungsbedürftigen Planwirtschaftsbetrieb einen unter kapitalistischen Bedingungen erfolgreich wirtschaftenden Verlag zu machen, der dennoch erstklassige Bücher herausgibt, hat ihn eine Stange Geld gekostet. Doch gleichgültig, ob Aufbau weiter existiert, ob Lunkewitz sich ganz aus dem Verlagsgeschäft zurückzieht, ob er womöglich einen zweiten AufbauVerlag gründet: Der Quereinsteiger Lunkewitz hat sich als Verleger unzweifelhaft Verdienste erworben. Allein schon dadurch, dass er 1995 die Tagebücher Victor Klemperers, die auch verfilmt worden sind, herausgebracht hat.
Vermutlich wird es Lunkewitz schnell langweilig werden, wenn er nur noch seine Immobilien verwalten kann. Wetten, dass er sich eine neue Bühne suchen wird? Vielleicht kauft er ja eine Zeitung. Als die Frankfurter Rundschau vor geraumer Zeit vor dem Konkurs stand, hat Lunkewitz sich jedenfalls ernsthaft überlegt, ob er einsteigen sollte. Zeitungsverleger ist vielleicht noch interessanter als Buchverleger.
Der Mensch
Bernd Lunkewitz kommt am 5. Oktober 1947 in Kassel zur Welt. Er stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, seine Eltern betreiben eine Reinigung und eine Wäscherei. Nach seinem Abitur 1968 studiert er in Frankfurt Philologie, Philosophie und Politikwissenschaften, macht aber nie einen akademischen Abschluss. Während dieser Zeit kämpf er als Mitglied der KPD/ML für die Weltrevolution. 1969 wird er bei einer Demonstration gegen die NPD von einem Ordner angeschossen. Durch Zufall erhält er einen Aushilfsjob beim Frankfurter Maklerunternehmen Jones Lang Wootton, wird danach fest eingestellt und lernt das Immobiliengeschäft und den Frankfurter Markt kennen. Als selbständiger Immobilienunternehmer wird er schnell reich, fällt immer wieder durch Extravaganzen auf und gilt schon vor seinem Wechsel in den Verlegerberuf als bunter Hund. Auch als Unternehmer ist er ein Linker geblieben.
Das Unternehmen
1979 macht Lunkewitz sich selbständig und gründet die BFL-Beteiligungsgesellschaft mit weltweiter Aktivität. Als ihm 1991 von der Treuhand der sanierungsbedürftige Berliner Aufbau-Verlag angeboten wird, greift er zu und wird Verleger. Seinen Immobilienbesitz behält Lunkewitz. 1994 kauft er zudem den Kiepenheuer Verlag Leipzig, den er 2003 in die Aufbau-Gruppe eingliedert, zu der auch der ebenfalls nach der Wende von ihm erworbene Verlag Rütten & Loening gehört. 1999 überschreitet die Aufbau-Gruppe nach sieben verlustreichen Jahren zum ersten Mal die Gewinnschwelle. Jetzt hat Lunkewitz den Geldhahn zugedreht, der Verlag musste Insolvenz anmelden.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa
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