Familie und Beruf

Ohne Kita-Platz kein Jobwechsel

Von Julia Löhr

18. Juli 2008 Eigentlich sprach für die Angestellte einer großen deutschen Bank in Frankfurt alles dafür, dem Lockruf der Konkurrenz zu folgen. Die Stellenbeschreibung klang interessant, das Gehalt stimmte, und auch das Vorstellungsgespräch lief perfekt – bis zu dem Punkt, als die umworbene Finanzexpertin die Vorstände ihr gegenüber auf das Thema Kinderbetreuung ansprach. „Ich habe eine acht Monate alte Tochter – bekomme ich für sie einen Platz in der firmeneigenen Kita?“

Mit dieser Frage brachte sie die Personalverantwortlichen ins Schwitzen. Für die wenigen freien Plätze führte der Betriebsrat schließlich eine lange Warteliste. Doch nach einer Woche kam, wie auch immer, die Zusage für den gewünschten Ganztagsplatz, und die Mitarbeiterin unterschrieb den Arbeitsvertrag. „Das war für mich ein wichtiger Punkt“, sagt sie. „Ohne Krippenplatz hätte ich nicht zugesagt.“ Im September geht es los, etwa 400 Euro im Monat zahlt sie dann für die Rundum-sorglos-Betreuung in der Kindertagesstätte inklusive Essen. Und das bei Öffnungszeiten von 7 bis 22 Uhr. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, erzählt die Elternzeit-Rückkehrerin. Selbst an den Adventssamstagen öffne der Hort und ermögliche den Eltern stressfreies Geschenke-Kaufen. Eine Tagesmutter kostet rund 10 Euro die Stunde, mit einer Vollzeitstelle ein teures Unterfangen.

Ansprüche an Mittelständler wachsen

Der Platz in der Kinderkrippe als Entscheidungskriterium für oder gegen einen Arbeitgeber – Jochen Pett von der Deutschen Employer Branding Akademie überraschen solche Schilderungen nicht. „Die Familienfreundlichkeit ist speziell für hochqualifizierte Frauen immer öfter das Zünglein an der Waage, wenn sie sich zwischen möglichen Arbeitgebern entscheiden.“ Betreuungsangebote setzten viele Bewerber inzwischen als selbstverständlich voraus, zumindest jene Kandidaten, die sich aufgrund ihrer Spezialisierung ihren Arbeitgeber aussuchen könnten. Die Akademie berät Unternehmen, wie sie sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren können, als Employer Brand, wie ein solcher im Personaldeutsch heißt. Besonders von Großunternehmen erwarteten die Bewerber Betreuungsangebote, sagt Pett. „Aber auch die Ansprüche an Mittelständler wachsen.“ Immer mehr zögen nach. Es gilt, aus dem viel beschworenen War for talents als Sieger herauszugehen.

Unmut im Hause Google

Entsprechend groß war der Unmut im Hause Google, als vergangene Woche bekannt wurde, dass das Internetunternehmen in seiner Zentrale im kalifornischen Mountain View die Preise für seine Kinderbetreuungsplätze drastisch erhöht, um die langen Wartelisten abzubauen (F.A.Z. vom 8. Juli). Die Meldungen variierten – mal war von einem Anstieg auf 1700 Dollar im Monat die Rede, mal sogar von 2500 Dollar. In der Belegschaft soll es brodeln.

Google will sich dazu nicht äußern, zu sensibel sei das Thema, sagt die Pressestelle; kein Wort mehr und erst recht keine genaue Zahl. Das beharrliche Schweigen hat seinen Grund. Google galt bislang als besonders mitarbeiterfreundlich, landete in der Vergangenheit in Ranglisten der beliebtesten Arbeitgeber stets weit oben. Dieses Image könnte durch Meldungen über unbezahlbare Kita-Plätze leiden.

Günstiger, wenn auch nicht gerade günstig, kommen die Mitarbeiter der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz in München weg. Anfang Juli haben die Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer das Programm „Nörr Family“ eingeführt, wozu unter anderem eine Kooperation mit dem Dienstleister Kunterbunt gehört. Der baut gerade in Kanzleinähe eine Kindertagesstätte, fünf Plätze hat die Kanzlei gemietet, fürs Erste, 700 Euro wird ein Platz die Mitarbeiter monatlich kosten. Zwei Anfragen aus der Belegschaft gebe es bereits. Außerdem verspricht die Kanzlei eine Notfall-Betreuung. Wenn die Tagesmutter oder das Kind krank ist, der Mitarbeiter aber unbedingt für ein wichtiges Projekt ins Büro muss, beschafft eine Agentur innerhalb von zwei Stunden eine Betreuung. Sowohl Vermittlung als auch Betreuung gehen auf Kosten der Kanzlei.

Daimlers „Sternchen“

„Das Programm ist in erster Linie für unsere bestehenden Mitarbeiter gedacht, aber soll natürlich auch Bewerber ansprechen“, sagt Nörr-Personalleiter Wolfgang Troll. „Es erhöht auf jeden Fall unseren Employer Brand.“ Die Wunsch-Kandidaten der Kanzleien, Absolventen mit Prädikatsexamen und Auslandserfahrung, sind rar. Und treten entsprechend anspruchsvoll auf, berichtet Troll. Sie erkundigten sich zunehmend nach den Möglichkeiten, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, freundlich, aber durchaus bestimmt. Die von der Leyensche Familienoffensive zeige Wirkung. „Je höher die Qualifikation, desto eher sprechen Bewerber das Thema an“, berichtet Troll.

Dass die Zahl der Fragen und die Ansprüche rund um die Kinderbetreuung wachsen, beobachtet auch der Stuttgarter Autobauer Daimler. Im vergangenen Sommer begann das Unternehmen deshalb mit einer Krippen-Offensive. Unter dem Namen „Sternchen“ sind seitdem in Untertürkheim, Bremen, Wörth und Sindelfingen Einrichtungen mit insgesamt 115 Plätzen entstanden. Als nächstes ist im September Berlin dran, im Oktober folgt der Standort Gaggenau und im November Mannheim. 350 Plätze sind das Ziel. Auch hier bewegen sich die Kosten weit unterhalb des Google-Niveaus, je nach Einkommen würden für 40 Stunden Betreuung in der Woche zwischen 151 und 416 Euro im Monat fällig, heißt es. Was so gut angenommen werde, dass es bestimmt nicht bei den 350 Plätzen bleiben werde. Ein weiterer Ausbau sei bereits beschlossene Sache.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, ZB

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