Von Christian Schubert, Paris
06. Mai 2008 Am heutigen Mittwoch wird der Alstom-Chef Patrick Kron in Paris vor die Presse treten, um die jüngsten Quartalsergebnisse zu verkünden. Eigentlich wollte er ausschließlich von seinem gefüllten Auftragsbuch voller Verträge für Kraftwerke und Hochgeschwindigkeitszüge berichten. Doch nach den Presseveröffentlichungen der Vortage dürften nun auch Fragen nach der Korruptionspraxis bei Alstom auf ihn zukommen.
Um fair zu bleiben: Die umstrittenen Vorgänge bei dem französischen Industriekonzern reichen weitgehend in die Epoche vor Kron zurück. Die Ermittler in der Schweiz und in Frankreich untersuchen Schmiergeldzahlungen bis ins Jahr 2003. Kron war zwar schon seit Juli 2001 Aufsichtsratsmitglied bei Alstom, doch operativ bekam er als Generaldirektor und zwei Monate später als Konzernchef (PDG) erst 2003 die Zügel in die Hand gedrückt.
Keine weiße Weste
Die Altlasten muss der 54 Jahre alte Kron jetzt aber wohl abarbeiten. Das kommt ihm höchst ungelegen. Der Franzose kämpft seit 2003 um einen vollständigen Neuanfang bei dem Industriekonzern, der damals kurz vor der Insolvenz stand. Auch ethisch galt es einen Einschnitt vorzunehmen. Heute besitzt Alstom so wie fast alle Konkurrenten einen Kodex für die saubere Unternehmensführung und ein Alarmsystem, das jeden Beschäftigten bei einem Verdacht auf Korruption eine Meldung an die Vorgesetzten oder an die Compliance-Abteilung machen lassen soll.
Beim Thema Korruption hat Alstom keine weiße Weste. Im März 2006 ist Krons Vorgänger Pierre Bilger wegen Bestechung zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 150.000 Euro verurteilt worden. Die Affäre geht auf das Jahr 1994 zurück, als der damalige Alstom-Chef das französische Innenministerium schmierte, um in Frankreich seinen Konzernsitz verlegen zu können. Der Sohn des einstigen Innenministers Charles Pasqua, Pierre-Philippe, hatte einen Teil der Schmiergelder erhalten. Auch er ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, jedoch nur teilweise auf Bewährung.
Gute Beziehungen zu Sarkozy
All das liegt nun Jahre zurück, und daher dürften auch die zuletzt aufgedeckten Verdachtsmomente Kron kaum in Verlegenheit bringen. Er gilt in Frankreich als der Retter von Alstom. Großzügig wird dabei häufig übersehen, dass der Staat mit einer Kapitalzufuhr von 800 Millionen Euro mitgeholfen hat. Doch der Manager mit der sportlichen Figur und fast asketisch wirkenden Gesichtszügen hat für Alstom wie ein Löwe gekämpft, zuerst mit den privaten Banken um die Refinanzierung und danach mit den Wettbewerbern um neue Aufträge. Heute hat sich der Staat mit einem schönen Gewinn aus dem Kapital längst verabschiedet, und Alstom steht sicher auf eigenen Füßen.
Ein Traum ist dem dynamischen Kron bisher aber versagt geblieben: Die Fusion mit dem Kernkraftwerksbauer Areva. Legendär ist in Paris sein Dauerzwist mit der Areva-Chefin Anne Lauvergeon, die von ihm und Alstom einfach nichts wissen will. Kron versucht seit Monaten Staatspräsident Nicolas Sarkozy vom Sinn einer solchen Fusion zu überzeugen, doch hat er bisher keinen Erfolg gehabt, auch wenn ihm gute Beziehungen zum Hausherrn des Elysée-Palastes nachgesagt werden.
Treuer Alstom-Diener
Kron ist Sohn von jüdischen Einwanderern aus Polen, die den Holocaust überlebt haben. Als Abgänger der Eliteschule Ecole Polytechnique schien eine Karriere in einem Industriekonzern voller Ingenieure wie Alstom für ihn immer vorgezeichnet. Nach fünf Jahren im Industrieministerium schloss er sich zuerst aber der Aluminiumgruppe Pechiney an.
Als Fabrikmanager in Griechenland und späterer Landeschef begann dort in den achtziger Jahren seine Liebe zu dem südeuropäischen Land, die er bis heute in einem Ferienhaus warmhält. Krons Name fällt heute häufig, wenn es um Spitzenposten bei den französischen Autokonzernen Renault und PSA oder dem Baustoffhersteller Saint Gobain geht. Doch bisher blieb er Alstom treu. Mit alten und neuen Lasten hat er dort ja auch mehr denn je zu tun.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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