Energiesparlampen

Glühbirnentausch in Vishakhapatnam

Von Nadine Bös

Selbstgebastelte Marktbeleuchtung in Delhi - Lichtsysteme in Indien sehen hin und wieder recht abenteuerlich aus

Selbstgebastelte Marktbeleuchtung in Delhi - Lichtsysteme in Indien sehen hin und wieder recht abenteuerlich aus

27. Februar 2008 Der Name der Stadt mutet unaussprechlich an: Vishakhapatnam. Auch Boris Bronger, Projektverantwortlicher bei der Siemens-Tochtergesellschaft Osram, hat Schwierigkeiten, das Wort über die Lippen zu bekommen. Er nutzt lieber den Spitznamen, den die Inder ihrer Stadt gegeben haben: Vizag. Für Brongers Geschäfte ist Vizag in diesen Tagen zentral. Denn dort findet ein Pilotprojekt statt, das er seit 2004 plant. Es soll Gewinn einfahren und Osram und dem Projektpartner RWE helfen, die deutschen Klimaschutzvorschriften zu erfüllen. Die beiden Unternehmen wollen dafür die indische Region mit energiesparenden Glühlampen versorgen - und im Gegenzug Kohlendioxid-Zertifikate einheimsen.

700.000 Glühbirnen will Osram aus Haushalten in Vizag einsammeln und dafür kostenlos oder stark verbilligt Energiesparlampen verteilen - vor allem an Menschen, die sich die teuren Birnen sonst nicht leisten könnten. Die alten Glühbirnen sollen nach Angaben der Unternehmen einem „umweltgerechten Recycling“ zugeführt werden. Weil die Energiesparlampen effizienter sind, soll sich der Kohlendioxid-Ausstoß in der Region verringern. Zur Belohnung bekommt Osram Emissionszertifikate. Die werden zur Hälfte an RWE weitergegeben und zur Hälfte selbst genutzt oder am Markt verkauft. RWE schießt dafür 50 Prozent zu den Projektkosten dazu. Die gehen nach Angaben von Osram in die Millionen.

Der „saubere Entwicklungsmechanismus“

Stolze Energiesparer aus Vizag

Stolze Energiesparer aus Vizag

Für das Vorhaben macht sich Osram den so genannten „Clean Development Mechanismus“, kurz CDM zunutze. Der ist im Kyoto-Protokoll vorgesehen und in das EU-Emissionshandelssystem eingebunden. Das System soll mit Hilfe eines künstlichen Marktes effizient Kohlendioxyd einsparen. Die Idee hinter CDM ist, dass europäische Unternehmen in Entwicklungsländern in Klimaschutzprojekte investieren. Dort ist oft das Potential groß, viel Klimagas mit relativ geringen Mitteln einzusparen. Während in Europa häufig effizientere Kraftwerke stehen, gibt es beispielsweise in Indien noch viele Dreckschleudern. Wenn sich ein Unternehmen dafür einsetzt, dass indische Kraftwerke weniger Kohlendioxyd ausstoßen, soll das ähnlich belohnt werden wie ein Einsatz für den Klimaschutz zu Hause - das sieht das Kyoto-Protokoll vor. Denn der Treibhauseffekt wirkt global - egal, wo die Emissionen gesenkt werden.

Glaubt man Bronger, wird auch die Region um Vizag in großem Stil mit Strom aus solchen Dreckschleuder-Kraftwerken versorgt. Die Großstadt liegt an der Ostküste Indiens. Ungefähr drei Millionen Menschen leben in der Region. Dank des Hafens und der Schwerindustrie wächst die Stadt stürmisch. Stromausfälle seien an der Tagesordnung, sagt Bronger, der Bedarf zu mehr Energieeffizienz riesig. Die Kraftwerke, die die Region versorgen, emittierten etwa 850 Gramm Kohlendioxid je Kilowattstunde Strom. Vergleichbare deutsche Kraftwerke pusteten nur etwa 500 Gramm in die Luft. „Jede Kilowattstunde, die eingespart wird, reduziert daher den Ausstoß von Treibhausgasen stärker als in den meisten anderen Ländern“, sagt Bronger.

RWE selbst ist kein Klimaschutz-Musterknabe

Die Unternehmen haben auch handfeste wirtschaftliche Interessen. 400.000 Tonnen Kohlendioxid sollen eingespart werden. Die Tonne Kohlendioxid ist momentan nach Angaben der Deutschen Emissionshandelsstelle zwischen 10 und 15 Euro wert. Die Zertifikate, die beide Unternehmen durch das CDM-Projekt erhalten, hätten also zu heutigen Konditionen einen Wert von 4 bis 6 Millionen Euro. Wie sich der Preis künftig entwickeln wird - darüber gehen die Meinungen in den einschlägigen Studien auseinander. Fachleute der Beratungsgesellschaft Futurecamp in München haben viele Studien ausgewertet und den Eindruck gewonnen, dass die Mehrheit steigende Preise voraussagt. Osram jedenfalls verspricht sich, mit einem Zertifikateverkauf Gewinne zu erzielen.

RWE hingegen will nicht verkaufen: Der Konzern ist verpflichtet, sich in großem Stil am EU-Emissionshandel zu beteiligen. RWE selbst ist kein Klimaschutz-Musterknabe: Der Konzern stößt unter den europäischen Versorgern mit Abstand das meiste Kohlendioxid aus, zeigt eine Studie von Pricewaterhouse Coopers (siehe dazu auch: FAZ.NET-Klimablog). Der Emissionshandel zwingt RWE innerhalb der einzelnen Handelsphasen, feste Mengen an Kohlendioxidzertifikaten anzusammeln, die den Ausstoß seiner Kraftwerke decken. Bis zu einem Höchstsatz von 22 Prozent können Zertifikate aus CDM-Projekten derzeit für diese Deckung genutzt werden. RWE plane, seine Unterausstattung mit Zertifikaten durch das Glühbirnen-Projekt und weitere CDM-Projekte auszugleichen, sagt ein Sprecher. Der Konzern hat bisher 150 Millionen Euro für die unterschiedlichsten Kyoto-Projekte bereitgestellt.

Bald vielleicht auch in China?

RWE und Osram sind mit ihrem Vorhaben nicht allein. Aus Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Emissionshandelsstelle bisher 54 CDM-Projekte bei den Vereinten Nationen registriert. Die meisten deutschen Vorhaben sind Wasserkraft- oder Biomasseprojekte. Die Glühbirnen-Aktion ist allerdings die erste ihrer Art. Die Vereinten Nationen haben eigens dafür eine neue CDM-Methodik genehmigt.

Posieren fürs Birnen-Projekt

Posieren fürs Birnen-Projekt

Osram und RWE haben vor, nach dem Pilotprojekt noch weiter zu gehen. Millionen Menschen wollen sie in den Tauschhandel einbeziehen - vielleicht auch in China oder Südafrika. „Ziel ist es, hieraus ein Geschäftsmodell zu etablieren“, sagt Projektleiter Bronger. Seine Visionen in Zahlen zu gießen, traut er sich nicht. Dass sich das Ganze für mittelfristig finanziell lohnen wird - daran glaubt er aber fest.

Text: F.A.Z. / FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, Osram

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