05. Dezember 2006 Soviel Adidas war nie. Wenn Mittwoch abend zur besten Sendezeit Sönke Wortmanns Fußballhelden-Epos "Deutschland. Ein Sommermärchen" in der ARD Fernsehpremiere feiert, mag sich mancher Zuschauer in eine zweistündige Dauerwerbesendung versetzt fühlen: Wohin das Kameraauge von Fußball-Filmer Wortmann auch blickt, überall leuchten die drei Adidas-Streifen.
Vier Wochen lang war der gesamte Weltmeisterschafts-Troß vom Busfahrer bis zum Kapitän von den Adiletten an den Füßen bis zur Schirmmütze auf dem Kopf in Adidas-Produkte gekleidet - der längste Werbespot der Welt. Möglich macht das ein seit über 50 Jahren bestehender, immer wieder verlängerter Ausrüstervertrag zwischen dem Sportartikelkonzern aus dem fränkischen Herzogenaurach und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB).
Ende einer Ehe
Die einst von Adidas-Gründer Adolf (Adi) Dassler eingefädelte, für beide Seiten lukrative Partnerschaft ist längst ein Teil deutscher Sportgeschichte. Die Legende von Dasslers Schraubstollenschuhen, die 1954 auf dem vom Regen durchweichten Rasen des Berner WM-Endspiels den deutschen Sieg erst ermöglicht haben sollen, sind Teil des kollektiven Fußballgedächtnisses.
Doch wenige Monate nach dem kommerziellen Adidas-Triumph bei der jüngsten WM in Deutschland ist die Zukunft des vermeintlich ewigen Bundes fraglich geworden. Mit einem "unmoralischen Angebot" (ein Adidas-Manager) will der amerikanische Adidas-Rivale Nike die Drei-Streifen-Ehe des DFB beenden.
Wie Ende vergangener Woche bekanntgeworden, will Nike den Fußballern rund 50 Millionen Euro im Jahr und damit etwa fünfmal soviel wie bisher Adidas zahlen, wenn die Nationalmannschaft in Zukunft seine Trikots trägt (F.A.Z. vom 2. Dezember).
Nicht einfach an Millionen vorbeigehen
Eigentlich schien Adidas als deutscher Trikotsponsor unbedrängt. Noch Ende August handelte Vorstandschef Herbert Hainer mit dem DFB eine Verlängerung des bis Ende 2010 laufenden aktuellen Ausrüstervertrages aus. Kurz und bündig hieß es damals in einer Pressemitteilung des Fußballverbandes: "Der DFB und sein langjähriger Partner Adidas haben beschlossen, den bestehenden Vertrag bis mindestens 2014 zu verlängern. Die Verhandlungen über die Details werden zügig abgeschlossen."
Hainer und seine Mannschaft pochen auf die Zusage, doch nach der schwindelerregenden Nike-Offerte gibt es wohl doch noch mehr zu bereden als Details. Umgehend meldete sich Werner Hackmann, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zu Wort: An den Nike-Millionen könne man "nicht einfach vorbeigehen", findet Hackmann, Sprachrohr der Proficlubs im DFB.
Dessen Präsident Theo Zwanziger hält sich bisher dagegen bedeckt. Wie das beinharte Duell zwischen Nike und Adidas ausgeht, ist offen. Am Montag hüllten sich Sprecher von Unternehmen und Fußballverband in Schweigen.
Revanche für Reebok
Der symbolträchtige Angriff der Amerikaner auf die wertvollste aller Adidas-Pfründen zeigt vor allem, daß der Wettbewerb zwischen den beiden Marktführern im globalen Sportartikelgeschäft wieder härter wird. Im vergangenen Jahr hat Adidas die Konkurrenz durch die 3 Milliarden Euro teure Übernahme von Reebok angeheizt. Die Geschäfte bei dem reichlich ramponierten Großeinkauf laufen zwar schleppend, doch immerhin holten die Franken dank Reebok vor allem in den Vereinigten Staaten, dem Heimatmarkt von Nike, beim Umsatz kräftig auf (siehe Grafik).
Besonders schmerzlich für Nike: Nach dem Reebok-Coup treten selbst in der uramerikanischen Basketball-Liga NBA alle Mannschaften in Adidas-Trikots an.
Prestige-Duell
Der Verlust des DFB-Vertrages würde dagegen das Adidas-Fußballgeschäft empfindlich schwächen. Mit viel Rückenwind durch die WM im eigenen Land haben die Franken dieses Jahr weltweit mehr als 1,2 Milliarden Euro mit Fußballartikeln umgesetzt - ein neuer Rekord. Im Sommer rüstete Nike zwar acht Teams, darunter Brasilien und die Niederlande, aus und damit zwei mehr als Adidas. Doch beim Marktanteil an den Ladenkassen liegen die Franken bisher vor Nike.
Für die Amerikaner freilich könnte sich das Prestige-Duell um Ballack und Kollegen auch dann lohnen, wenn Adidas beim DFB letztlich weiter im Spiel bleiben sollte. Die weiteren Verhandlungen mit den geschäftstüchtigen Fußball-Funktionären werden für den deutschen Konzern unerfreulich. Es wird nach der hohen Nike-Offerte wohl in jedem Fall teurer, die drei Streifen auf die Trikots der Nationalspieler nähen zu dürfen. Und was Adidas schadet, nützt Nike.
Text: F.A.Z., 05.12.2006, Nr. 283 / Seite 24
Bildmaterial: F.A.Z.
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