Von Carsten Knop und Johannes Ritter
15. Juli 2008 Das Familienunternehmen Schaeffler aus dem fränkischen Herzogenaurach hat sich mit der Hilfe von mindestens zwei befreundeten Banken - darunter die Royal Bank of Scotland und die Dresdner Bank - schon den Zugriff auf 36 Prozent des Aktienkapitals des Automobilzulieferers Continental in Hannover gesichert. Dabei handelt es sich dem Vernehmen nach um eine besondere Form einer Option, die juristisch offenbar keine Meldepflicht auslöst. Normalerweise liegt die Schwelle zur Bekanntgabe einer direkten Beteiligung an einem Unternehmen bei 3 Prozent. Damit bestätigt sich ein Bericht dieser Zeitung, dass die Schaeffler KG schon seit Wochen eine Übernahme von Continental vorbereitet.
Noch ist unklar, auf welche Art Schaeffler nach Continental greift: freundlich oder feindlich. Das fränkische Familienunternehmen hat weder nach außen noch gegenüber dem Conti-Vorstand dargelegt, wie und zu welchem Preis die Übernahme durchgezogen werden soll. Nach Angaben von Conti hat Ende vergangener Woche nur "ein erstes, kurzes Gespräch über ein mögliches Engagement" stattgefunden.
"Sobald die Schaeffler-Gruppe ihre Überlegungen substantiiert hat, wird der Vorstand der Continental AG diese prüfen und zu den Ergebnissen in angemessener Weise weiter informieren", teilte der hannoversche Konzern am Montag mit, ohne weitere Auskünfte geben zu wollen. Eine Unternehmenssprecherin bekräftigte lediglich, dass man grundsätzlich offen sei für Gespräche. Im Interesse der Aktionäre sei man bereit, alle Möglichkeiten zu prüfen. Dem Vernehmen nach ist im Moment aber kein weiterer Gesprächstermin mit Schaeffler vereinbart.
Hinter den Kulissen bereitet sich der Vorstand freilich schon auf einen Abwehrkampf vor. Dazu habe er sich die Investmentbank Goldman Sachs als Berater zur Seite geholt, heißt es in unternehmensnahen Kreisen. Dies ist in solchen Fällen üblich, in diesem konkreten Fall aber besonders opportun. Denn es spricht einiges dafür, dass der Conti-Vorstand unter Führung von Manfred Wennemer ein etwaiges Übernahmeangebot als feindlich einstuft.
Reifengeschäft derzeit unter Druck
Ein Schulterschluss mit der deutlich kleineren Schaeffler-Gruppe brächte Conti keinen erkennbaren strategischen Vorteil: In das Wälzlagergeschäft einzusteigen war und ist für Wennemer nicht attraktiv. Nach der im vergangenen Jahr erfolgten Übernahme von Siemens VDO ist Conti stärker denn je auf Hochtechnologie fokussiert: Der Konzern stellt unter anderem Bremssysteme, elektronische Stabilitätsprogramme (ESP), Lenksysteme, Airbags, Antriebs- und Sensortechnik her.
Nach unbestätigten Informationen aus Branchenkreisen will Schaeffler die Übernahme zum Teil durch den Verkauf des Conti-Reifengeschäfts finanzieren, das in diesem Jahr mehr als 6,5 Milliarden Euro zum erwarteten Konzernumsatz von gut 26 Milliarden Euro beitragen soll. Das vertrüge sich ebenfalls nicht mit der bisherigen Conti-Strategie.
Wennemer hat immer gesagt, dass die Reifensparte als integraler Bestandteil des Konzerns zu sehen sei. Denn zwischen Reifen und Fahrwerks- sowie Bremssystemen gebe es enge Verbindungen. Hinzu kommt, dass die Reifensparte einen hohen Mittelzufluss (Cash-flow) generiert, den Conti für das investitionsintensive Autoelektronikgeschäft benötigt, argumentiert Marc-René Tonn vom Bankhaus M.M. Warburg.
Auf der anderen Seite sind die Margen im Reifengeschäft derzeit unter Druck, weil die Rohstoffkosten deutlich gestiegen sind und die Nachfrage gefallen ist. Trotzdem schätzen Analysten den Wert des Reifengeschäfts auf 7 bis 8 Milliarden Euro, manche greifen sogar noch höher. Aus kartellrechtlichen Gründen kämen große Wettbewerber wie Michelin wohl nicht als Käufer in Frage. Aber für einen chinesischen oder koreanischen Reifenkonzern, der sich außerhalb des Heimatlandes verstärken will, könnten die Conti-Reifen sehr interessant sein.
Conti-Aktienkurs nach oben geschnellt
Die IG Metall warnt vor einer Zerschlagung des Konzerns: "Das jetzige Profil der Continental AG, sowohl Reifen, Automobilelektronik und Bremssysteme anzubieten, ist unternehmenspolitisch sinnvoll. Automobilhersteller wollen Komplettanbieter, die den aktuellen Herausforderungen gewachsen sind", sagte IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine, der auch im Conti-Aufsichtsrat sitzt. Meine lehnt eine Übernahme durch Schaeffler aber auch aus anderen Gründen strikt ab: "Maria-Elisabeth Schaeffler hat in der Vergangenheit Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsinteressen mit Füßen getreten. Ein Aufsichtsratsgremium wird durch die Unternehmensstruktur seit Jahren verhindert. Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass ein völlig intransparentes Unternehmen möglicherweise die Continental AG übernimmt und zerschlägt."
Für Schaeffler wäre der Kauf von Conti indes ein guter Schachzug, um die eigene Zukunft langfristig zu sichern. "Der Griff nach Conti folgt einer klaren industriellen Logik vor dem Hintergrund der Umwälzungen in der Automobilzulieferindustrie: Hybrid- und Elektroantriebe werden herkömmliche Antriebssysteme ergänzen und in einigen Bereichen schrittweise auch verdrängen. Darauf müssen sich die Lieferanten herkömmlicher Motorkomponenten einstellen", sagt Ralf Landmann, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger.
Für diesen Schachzug müsste Schaeffler inzwischen deutlich tiefer in die Tasche greifen: Der Conti-Aktienkurs ist am Montag um gut 24 Prozent auf 67 Euro nach oben geschnellt. Daraus errechnet sich ein Börsenwert von 10,8 Milliarden Euro. Einschließlich der auf Conti lastenden Schulden von rund 11 Milliarden Euro summiert sich das Transaktionsvolumen auf mehr als 20 Milliarden Euro. Hinzu käme die erforderliche Übernahmeprämie. Die Analysten von Credit Suisse meinen, dass Conti-Aktionäre ihre Anteilsscheine nicht für weniger als 100 Euro verkaufen sollten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.