Daimler

„Das Kursniveau provoziert Übernahmeversuche“

Von Susanne Preuß

04. Juli 2008 Fast 78 Euro zahlten Anleger Ende Oktober noch für eine Daimler-Aktie. Seither aber geht es kontinuierlich bergab mit den Kursen. Am Donnerstag kostete am Nachmittag eine Daimler-Aktie 37,46 Euro, noch einmal fast 2 Prozent weniger als am Tag zuvor. Der ganze Konzern, dessen 272.000 Mitarbeiter im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp 100 Milliarden Euro erwirtschafteten, hat damit noch einen Börsenwert von 35,7 Milliarden Euro.

„Wenn der Kurs auf dem Niveau bleibt, würde es mich wundern, wenn nicht bald jemand einstiege“, sagt deshalb Arndt Ellinghorst, Analyst von Credit Suisse, und er rechnet vor: „Man bekommt für gut 35 Milliarden Euro die wichtigste Premium-Marke der Welt sowie den größten Nutzfahrzeughersteller und dazu noch 10 Milliarden Euro liquide Mittel, die Daimler in der Kasse hat.“ Ein gutes Geschäft, meint er, und von den Investoren, mit denen er spricht, sehen das einige ebenso: „Die potentiellen Kandidaten haben ihre Hausaufgaben gemacht. Jetzt ist das nur noch eine Frage des Timings.“

„Das ist so verlockend, dass bald etwas passieren könnte“

Auch Jürgen Pieper, Analyst beim Frankfurter Bankhaus Metzler, ist überzeugt: „Das ist so verlockend, dass bald etwas passieren könnte.“ Und Georg Stürzer von der Hypovereinsbank ist derselben Ansicht: „Das Kursniveau von Daimler provoziert Übernahmeversuche.“ Einzig Christoph Stürmer, Autoanalyst beim Prognose-Institut Global Insight, sieht im Augenblick keine besonders hohe Wahrscheinlichkeit für eine Übernahme: „Investoren neigen doch sehr dazu, sich nach der Mode zu richten, und Autoaktien sind gerade nicht gefragt.“

Bei Daimler speziell könnte nach Stürmers Einschätzung auch die Beteiligung an Chrysler abschreckend wirken. Diese ist wieder zu einem etwas größeren Risiko für Daimler geworden, seit der Stuttgarter Konzern der amerikanischen Gesellschaft einen Kredit über 1,5 Milliarden Dollar gegeben hat - mit hohem Ausfallrisiko. Stürmer will beobachtet haben, dass man in Stuttgart gar nicht so unglücklich darüber ist, weil dieses Risiko wie eine Giftpille wirke und Aggressoren abhalte.

Analysten glauben: Zetsche spricht längst mit Finanzinvestoren

Bei Daimler jedenfalls steht das Thema Übernahmegefahr durchaus auf der Agenda. „Keine Frage, wir haben eine extrem niedrige Bewertung, erst recht, wenn man die Nettoliquidität betrachtet“, sagte der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche jüngst im Gespräch mit der F.A.Z. (siehe dazu auch: Daimler-Chef Zetsche im Interview: „Wir planen für 2010 einen Elektro-Mercedes“ und fügte hinzu: „Sie können sicher sein, dass wir unsere unternehmerische Verantwortung sehr ernst nehmen, zu jeder Zeit auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.“

Analysten rechnen damit, dass Zetsche längst Gespräche mit großen Finanzinvestoren geführt hat, die im Extremfall zu einem Gegenangebot bereit wären. Arndt Ellinghorst mutmaßt sogar, dass die Politik aktiv würde, wenn ein feindlicher Übernahmeversuch aus dem Ausland gestartet würde: „Ich glaube nicht, dass Berlin Daimler hängenlassen würde.“ In seinen Augen wäre es attraktiv, wenn die beiden deutschen Luxusmarken BMW und Daimler näher zusammenrückten, um - bei strikter Trennung der Marken - Synergien zu schöpfen, etwa für die Innovation. Von Fusion oder Übernahme will er dabei nicht reden, eher denkt er an ein Modell, wonach die Familie Quandt ihren Anteil bei BMW auf eine Sperrminorität verringert und stattdessen einen Anteil von beispielsweise 10 Prozent an Daimler übernähme.

Renault als möglicher Aggressor

Eine andere industrielle Variante hält Jürgen Pieper für denkbar: Er sieht Renault als möglichen Aggressor. „Das wäre doch ein Befreiungsschlag für Carlos Ghosn, dessen Glanz etwas ermattet ist in letzter Zeit“, urteilt Pieper. „Die Größe wäre gut für die Einkaufskonditionen - und die sind ein brennendes Thema, seit die Rohstoffe so teuer geworden sind. Außerdem sind die Entwicklungskapazitäten in den nächsten Jahren kriegsentscheidend, da könnte Renault von Daimler sehr profitieren.“ Selbst die Variante, dass Toyota sich an Daimler beteiligen könnte, wird am Markt offenbar nicht ausgeschlossen: „Das kursierte einen Tag auch mal als Gerücht.“ Unisono verweisen Analysten aber darauf, dass die japanischen Autohersteller in der Vergangenheit nie durch Akquisitionen gewachsen seien.

Die wahrscheinlichste Variante ist nach Einschätzung aller Analysten, dass ein reicher Privatinvestor sich an Daimler beteiligt, ein russischer Oligarch etwa oder Araber, die mit dem teuren Öl gutes Geld verdienen. Mit vier bis fünf Milliarden Euro könnte man bei den derzeitigen Kursen schon Hauptaktionär werden, weil der bisher größte Daimler-Aktionär, der Staat Kuweit, nur 7 Prozent der Aktien hält. „Das wäre dann negativ, wenn dieser Aktionär auf das Geschäft Einfluss nehmen wollte“, gibt Georg Stürzer von der Hypovereinsbank zu bedenken: „Denn das Management macht derzeit alles richtig.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 5.398,85 +0,22
TecDax 585,37 -3,11
DowJones 9.955,50 -3,58
Nasdaq 1.862,96 -4,34
STOXX 50 2.906,08 +1,17
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,74
Bund Future 117,16 +0,15
Gold 877,95 +1,89
Öl 86,68 -6,11
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche