Pischetsrieders Demontage

Einsam in Wolfsburg

Von Henning Peitsmeier

Zeit, Abschied zu nehmen für Pischetsrieder?

Zeit, Abschied zu nehmen für Pischetsrieder?

03. März 2006 Am Tag nach der Demontage ist es einsam um Bernd Pischetsrieder. Niemand stellt sich mit einer Ehrenerklärung hinter den Volkswagen-Chef. Keiner, der auch nur ansatzweise etwas Nettes in der Öffentlichkeit sagen möchte über den Vorstandsvorsitzenden von Europas größtem Automobilkonzern. Auch Christian Wulff, Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat, der immer zu ihm gestanden hat, will jetzt nicht reden.

Das Schweigen der anderen muß belastend sein für Pischetsrieder. Er hat zwar oft genug seine Leidensfähigkeit bewiesen. Schon vor Jahren als BMW-Chef hatte er geduldig das Debakel mit dem britischen Autohersteller Rover ertragen und ein Jahr später auch die Konsequenz dafür übernommen. Aber dieses Mal muß die Situation schlicht unerträglich für ihn sein.

Galgenhumor und Kampf

Die gezielte Indiskretion seines Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech über die unsichere Vertragsverlängerung hat fast schon Fakten geschaffen: Pischetsrieders Tage in Wolfsburg scheinen gezählt, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wäre ein Nachfolger ganz im Sinne von Piech. Ein einziger Satz in einem Zeitungsinterview hat Piech, dem Oligarchen aus Salzburg, genügt: „Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand an der Spitze mit zehn Gegenstimmen der Arbeitnehmerseite überleben könnte.“ Und was sagt Pischetsrieder? Der bärtige Topmanager, der gern Anekdoten erzählt, versucht es mit Humor: „Auch ich kenne keine Firma, bei der ein Vorstand gegen den Willen der zehn Arbeitnehmervertreter bleiben kann“, sagt Pischetsrieder einem britischen Journalisten auf dem Genfer Automobilsalon. Es klingt wie Galgenhumor.

In Genf hat Pischetsrieder noch einmal um seinen Job gekämpft. Zum Erstaunen vieler Gäste hielt er auf dem VW-Konzernabend eine Rede, in der er es vermied, die Arbeitnehmerbank mit seinen Sanierungsplänen weiter zu quälen. Statt dessen referierte der Ingenieur seelenruhig über Biokraftstoffe und Energiebilanzen, kündigte gar ein neues Drei-Liter-Auto an und sagte Sätze wie: „Eine ,Hire-and-fire-Politik' wird es in Wolfsburg nicht geben.“

Viel Applaus für Pischetsrieder und fragende Blicke

Nach 30 Minuten gab es viel Applaus, aber noch mehr fragende Blicke: Ist das der neue Kuschelkurs, um beim Betriebsrat für die eigene Vertragsverlängerung zu werben? Wohlwollend fiel das Urteil des Betriebsrats aus. Bernd Wehlauer, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, stimmte dem Mann von der Kapitalseite „in fast jedem Punkt“ zu. Daß solche Lippenbekenntnisse wenig wert sind, daß auch die Arbeitnehmer nicht glauben, ein Drei-Liter-Auto sichere 20.000 Arbeitsplätze, dürfte Pischetsrieder gewußt haben. Vielleicht ahnte er, daß Piech etwas im Schilde führt und wollte schon mal auf Tuchfühlung gehen zu den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat, wollte nicht erst warten, bis er von den Ereignissen überrollt wird.

Kritiker sagen dem jovialen Bayern nach, er sei ein Zögerer und Zauderer, einer, der zu lange für notwendige Entscheidungen braucht. Dann wird wieder die alte BMW-Geschichte vom Milliardendesaster bei Rover bemüht: „Da hat der Chef so lange im Büro gesessen und Zigarre geraucht, bis Feuer unterm Dach war“, lautet der Satz, der auf Zigarrenliebhaber Pischetsrieder gemünzt ist. Pischetsrieder mußte gehen, geschaßt von der BMW-Familie Quandt.

Spät, später, Pischetsrieder

Im April 2002 holte ihn Porsche-Enkel Piech nach Wolfsburg. Lange war nichts zu hören. Dann brach erst die schmutzige Affäre um Korruption und Lustreisen von VW-Betriebsräten über den Konzern herein, später folgte der überraschende Einstieg von Porsche. Noch später griff Pischetsrieder durch. Gemeinsam mit dem als „Kostenkiller“ berüchtigten Markenvorstand Wolfgang Bernhard erarbeitete er für den angeschlagenen Autohersteller ein Sanierungsprogramm, das jede fünfte der 100.000 Stellen in Deutschland überflüssig machen könnte. Spät tut Pischetsrieder das Notwendige - und vielleicht trotzdem das Falsche. „Mit der Sanierung hat er den Betriebsrat auch gegen sich aufgebracht, vorher war nur Bernhard das Feindbild“, sagt ein VW-Manager. „Er hat Piech in die Karten gespielt.“

Pischetsrieder war gewarnt. Piech hatte ihn schon einmal bloßgestellt, als er vor einigen Wochen den Audi-Manager Horst Neumann mit Hilfe der Arbeitnehmer als VW-Personalvorstand durchdrückte - gegen Pischetsrieders Willen. Nicht wenige hatten nach jener Aufsichtsratsitzung im vergangenen November mit Pischetsrieders Rücktritt gerechnet. Dazu kam es nicht. Jetzt braucht er nicht mehr zurückzutreten. Über seine Zukunft entscheiden die zehn Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat - und Ferdinand Piech.

Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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