13. Juli 2008 Bob Toney hat einen Sinn für boshaften Humor. Auf einem kleinen Schild in seinem Büro steht der Satz: Wenn du glaubst, niemand interessiert sich für dich, versuch's doch mal damit, ein paar Kreditraten nicht zu bezahlen. Das klingt nach einem harmlosen Scherz, aber bei Toney ist es als ernstgemeinte Drohung zu verstehen. Denn Toney jagt mit seinem Unternehmen National Liquidators aus Fort Lauderdale in Florida säumigen Schuldnern hinterher und nimmt ihnen Habseligkeiten weg; ohne jede Vorwarnung, ob nun mit oder ohne Einverständnis. Das ist in Amerika möglich - im Gegensatz zu Deutschland, wo bei einer Pfändung nichts ohne Gerichtsvollzieher geht. Toney spezialisiert sich auf Boote und Yachten, eines der Lieblingsspielzeuge und Statussymbole von Amerikanern. Kein anderes Unternehmen in der Welt liquidiert so viele Boote wie wir, sagt er stolz.
Toney gehört zu den Nutznießern der Immobilien- und Kreditkrise, und sein Geschäft floriert wie noch nie. Immer mehr Amerikaner bleiben Kreditzahlungen schuldig, und deshalb bekommt Toney immer öfter Aufträge von Banken, Boote zu pfänden. Das Gelände von National Liquidators, das an einem der vielen Kanäle in Fort Lauderdale liegt, platzt aus allen Nähten: Dicht an dicht liegen hier die Boote, kleine Motorflitzer ebenso wie stattliche Yachten. Rund 600 Stück sind es insgesamt, vor zwei Jahren waren es 200. Sein Geschäft macht der 53 Jahre alte Toney damit, die Boote im Auftrag der Banken über Auktionen zu verkaufen. 10 Prozent des Preises streicht er als Provision ein, dazu kommen 6 bis 8 Prozent als Gebühr für die Pfändungsaktion.
Achtköpfige Vollstreckertruppe
Damit der Nachschub an Booten nicht abreißt, braucht National Liquidators Leute wie Rudy Lamel, einen aus der achtköpfigen Vollstreckertruppe. Lamels Aufgabe ist es, die Boote von Schuldnern aufzuspüren, abzuschleppen und in den Heimathafen nach Fort Lauderdale zu bringen. Manchmal ist das reine Routine, oft aber auch Detektivarbeit oder sogar ein regelrechter Krimi. Es kommt darauf an, ob der Schuldner mit der Bank kooperiert und das Boot freiwillig herausrückt. Wenn nicht, dann muss Lamel versuchen, dem Besitzer das Boot gegen seinen Willen zu entreißen, und dann kann es knifflig werden: Manchmal leistet der Schuldner Widerstand, wenn Lamel sein Boot abschleppen will. Manchmal ist das Boot gar nicht aufzufinden, weil der Schuldner es versteckt hat.
Rudy Lamel hat äußerlich gar nichts von einem Vollstrecker an sich. Er ist immerhin 62 Jahre alt, und mit seiner kleinen und drahtigen Statur wirkt er alles andere als einschüchternd. Er kann manchmal etwas griesgrämig dreinblicken, aber wenn er lächelt, wirkt er wie ein freundlicher Onkel. Heute führt ihn ein Einsatz südlich von Fort Lauderdale nach Miami. Auf einem Auftragszettel findet Lamel Namen, Adresse und Telefonnummer des Schuldners - und die peinlichen Details über seine Finanzen: Er steht mit mehr als 86.000 Dollar für seinen Bootskredit bei der Bank in der Kreide. Seit April ist er mit seinen Zahlungen in Verzug und hat mittlerweile drei monatliche Raten von jeweils 2000 Dollar verpasst. Und dann steht da noch das Wort involuntary - der Schuldner gibt sein Boot also nicht freiwillig her. Lamel muss sich darauf einstellen, dass nicht alles reibungslos verläuft.
Ein Trip im Schlauchboot
Trotzdem freut er sich auf das Abenteuer. Die Pfändungsaktion ist mit einem Trip in seinem Schlauchboot verbunden, das er zum Abschleppen braucht, und bei der Gluthitze in Miami verschafft der Fahrtwind eine willkommene Abkühlung. Lamel will sich über den Wasserweg anpirschen: Die Adresse des Schuldners liegt nahe einem Kanal, und Lamel hofft, dass sich hier das gesuchte Boot aufspüren lässt. Kannst du dir vorstellen, dass ich dafür auch noch bezahlt werde?, fragt er, als er die Anlegestelle mit seinem Boot hinter sich lässt. Die Fahrt führt zum Stadtteil Coral Gables, einem Paradies der Superreichen direkt am Wasser. Hier steht eine prachtvolle Villa neben der anderen, mit Palmen, Swimmingpools und mindestens einem Boot vor jedem Haus. Man mag kaum glauben, dass inmitten dieses Prunks jemand leben soll, der den Kredit für sein Boot nicht bezahlen kann.
Lamel fährt einen Kanal nach dem anderen in Coral Gables ab, vorbei an Dutzenden von Booten, aber das gesuchte Objekt ist nicht dabei. Also geht er doch an Land und wandert durch das Villenviertel, bis er das pompöse gelbe Haus des Schuldners findet. Aber hier ist alles wie ausgestorben: Niemand öffnet die Tür auf sein Klingeln hin, und niemand hebt den Hörer ab, als er es mit einem Anruf versucht. Keine Überraschung für Lamel: Die Leute wissen meistens, dass sich was zusammenbraut, und sie stellen sich tot. Viele gehen nicht mehr ans Telefon, wenn sie die Nummer auf dem Display nicht kennen. Oder sie stellen ihren Anrufbeantworter ab.
Wir sind hartnäckig
Das seien aber nutzlose Taktiken, sagt Lamel: Am Ende kriegen wir jedes Boot. Wir sind hartnäckig. Fürs Erste begnügt er sich damit, an der Tür eine Visitenkarte mit einer handschriftlichen Nachricht zu hinterlassen, die dem Schuldner einen gewaltigen Schrecken einjagen dürfte, wenn er sie findet: War hier, um das Boot für die Bank abzuholen. Ruf mich an, steht auf dem Kärtchen. Lamel wird dem Schuldner jetzt ein paar Tage Zeit geben: Gut möglich, dass er sich von selbst meldet. Wenn nicht, dann wird eben weitergesucht. Aber es wurmt Lamel, dass er erst einmal ohne die erhoffte Trophäe zurückfahren muss: Es passiert vielleicht in einem von fünf Fällen, dass wir ein Boot nicht gleich am ersten Tag finden und mitnehmen.
Lamels Chef Jason Lessnau koordiniert in der Zentrale alle Pfändungsaktionen. Er wundert sich nicht darüber, wenn Boote aus Nobelgegenden abgeschleppt werden: Das kommt sogar immer häufiger vor. Und die Boote, die wir holen, werden im Schnitt immer größer. Lessnau führt das direkt auf die Immobilienkrise zurück: Amerikaner haben gedankenlos auf Pump eingekauft, als die Immobilienpreise noch gestiegen sind. Die immer wertvolleren Häuser wurden als Sicherheit für immer größere Kredite eingesetzt, um immer teurere Anschaffungen zu finanzieren. Diese Rechnung geht jetzt aber nach dem Absturz der Immobilienpreise auf einmal nicht mehr auf, und die Menschen geraten bei ihren Krediten in Zahlungsverzug. Lessnau hat beobachtet, dass es oft Berufsgruppen trifft, die beim Häuserboom aktiv mitgemacht und davon profitiert haben: Wir holen jetzt die Boote von Immobilienmaklern und Spekulanten.
Das klang alles so nach Cowboy und Abenteuer
Der 37 Jahre alte Lessnau war früher selbst ein Repo Man - das ist in Amerika die griffige Bezeichnung für die Vollstrecker (von Repossession für Wiederinbesitznahme). Der bullige Glatzkopf passt optisch viel mehr als Lamel zum Bild eines bedrohlichen Liquidierers, er könnte ebenso gut ein Türsteher in einem Club sein. Seit 13 Jahren ist Lessnau in der Firma, damals hat er einen Zeitungsartikel über den Beruf des Repo Man gelesen und war fasziniert: Das klang alles so nach Cowboy und Abenteuer. Den Artikel hat er bis heute aufgehoben.
In seiner langen Zeit bei National Liquidators hat Lessnau einige Grundregeln gelernt. Eine heißt: Es gibt für uns nichts Besseres als einen Schuldner mit einer rachsüchtigen Ex-Frau. Oft ist nämlich die Informationslage über den Schuldner und seine Vermögenswerte spärlich - und damit das Boot schwer zu lokalisieren. Dann ist Detektivarbeit im persönlichen Umfeld nötig, und besonders auskunftswillig sind eben nach Erfahrung von Lessnau diejenigen, die dem Schuldner nicht wohlgesinnt sind. Deshalb seien die wichtigsten Qualifikationen für einen Repo Man auch Kommunikationsgeschick und eine gute Spürnase - und nicht in erster Linie ein furchteinflößendes Äußeres.
Das Beste ist es, jeden Kontakt zu vermeiden
Lessnau hat noch eine andere und nicht eben feinfühlige Maxime: Verzug ist Verzug. Soll heißen, die Pfänder können unangemeldet auftauchen und ein Boot abschleppen, sobald der Schuldner seine Ratenzahlung bei der Bank auch nur um einen Tag verpasst. Die Leute haben manchmal völlig falsche Vorstellungen. Sie meinen, dass wir erst einmal eine richterliche Anordnung brauchen, um ein Grundstück zu betreten, oder dass sie eine Gnadenfrist von ein paar Monaten haben. Alles Blödsinn.
Freilich können sich die Liquidierer nicht alles erlauben: Die Bank und damit auch ihre Vollstrecker sind gesetzlich verpflichtet, bei der Pfändung jegliche Eskalation zu vermeiden. Wenn zum Beispiel der Schuldner Widerstand leistet oder mit Gewalt droht, muss die Aktion sofort abgebrochen werden. Deswegen ist es uns am liebsten, der Schuldner ist gar nicht da oder merkt es zumindest nicht, wenn wir kommen. Das Beste ist es, jeden Kontakt zu vermeiden, sagt Firmenchef Bob Toney. Oft rücken die Männer von National Liquidators deshalb mitten in der Nacht an.
Einmal hat er ein Boot mitsamt den schlafenden Besitzern abgeschleppt
Rudy Lamel wird immer wieder gefragt, ob schon einmal auf ihn geschossen worden ist. Ganz so weit ist es noch nicht gekommen, aber brenzlige Situationen hat er schon erlebt. Er erzählt, wie ihm einmal ein wild fluchender Schuldner hinterhergeschwommen ist, um sein abgeschlepptes Boot zurückzuholen. Der Schuldner warf einen Kollegen Lamels über Bord und schnitt die Leine zwischen den beiden Booten durch. Wir haben sofort die Polizei gerufen. Der Mann hatte ja ein Messer. Auch skurrile Dinge sind Lamel schon passiert. Einmal hat er ein Boot nachts inklusive seiner darauf schlafenden Besitzer abgeschleppt.
Am Tag nach der vorerst erfolglosen Suche in Miami hat Lamel einen weiteren unfreiwilligen Fall in Fort Lauderdale. Aber diesmal weiß er genau, wo das Boot ist: Er hat seine Kontakte zu einem nahe gelegenen Yachthafen spielen lassen, und dort hat man ihm verraten, dass der Schuldner das Boot in einem Kanal vor dem Haus von Freunden parkt. Es ist eine richtig große Yacht: Fast zwanzig Meter lang, 1,5 Millionen Dollar Schulden stehen dafür bei der Bank zu Buche. Lamel setzt diesmal auf ein Ablenkungsmanöver: Zwei Kollegen nähern sich dem Boot vom Wasser aus, er selbst klingelt derweil an der Haustür. Ein junger Mann macht auf, offenbar der Sohn des Hauses, er scheint allein zu sein. Lamel stellt sich vor, verwickelt ihn in ein Gespräch und erzählt ihm wahrheitsgemäß, dass er das Boot holen will. Er muss nicht lange reden, denn schon nach ein paar Sekunden sieht er durch ein Fenster, dass seine Kollegen das Boot losgemacht haben. Der junge Mann ist völlig überrumpelt und schaut nur entgeistert hinterher. Es war ein Kinderspiel für die Vollstrecker.
Mein Vater hat oft zu mir gesagt: Dein Beruf ist gemein
Rudy Lamel bekommt für jedes geholte Boot eine Erfolgsprämie von 20 Dollar. Nicht gerade berauschend, aber im Moment bringt er es auf fünf Boote in der Woche, und das macht immerhin 100 Dollar extra. Sein Grundgehalt liegt bei 50.000 Dollar im Jahr. Er weiß, dass es Leute gibt, die seinen Beruf für nicht gerade ehrenhaft halten, weil er vom Unglück anderer Menschen profitiert. Und manchmal gibt es auch Momente, in denen ihn sein Job selbst quält. Er erinnert sich an den Tag, als er einer Familie das Boot wegnahm und die kleine Tochter traurig und mit anklagender Stimme zu ihm sagte: Macht es dir eigentlich Freude, was zu tust? Seinem Chef Jason Lessnau ist Missbilligung auch nicht fremd: Mein Vater hat oft zu mir gesagt: Dein Beruf ist gemein. Du solltest dich was schämen.
Aber die Männer von National Liquidators verteidigen sich damit, dass der Job schließlich erledigt werden muss. Und gerade im Moment passiere es immer öfter, dass Schuldner ihre Boote bereitwillig und ohne jede Feindseligkeit abtreten. Die Leute stecken einfach finanziell total in der Klemme, und auf ihr Boot können sie am ehesten verzichten, sagt Lessnau. Außerdem sind Boote gierige Spritschlucker, was ihren Betrieb bei den hohen Kraftstoffpreisen zu einem immer teureren Vergnügen macht. Manchmal sind die Schuldner gar nicht so unglücklich, wenn wir kommen. Früher war die Hälfte meiner Aufträge unfreiwillig, heute ist es vielleicht noch ein Viertel, erzählt Lamel.
Für die Boote Abnehmer zu finden wird immer schwieriger
Die Kreditkrise hat für National Liquidators zwei Seiten: Das Unternehmen wird zwar von Banken mit Pfändungsaufträgen überschüttet und kann sich über Arbeit und mangelnde Bestände an Booten nicht beklagen. Andererseits wird es schwieriger, für die Boote Abnehmer zu finden, jedenfalls in Amerika. Was das Unternehmen im Moment rettet, sind die Europäer. Rund 60 Prozent aller Boote werden von europäischen Bietern ersteigert. Spitzenreiter sind die Schweden und die Dänen, dahinter kommen aber schon die Deutschen, die in diesem Jahr 100 Boote bei National Liquidators gekauft haben.
Die Europäer nutzen die Schwäche des Dollar, außerdem sind die Boote in den Auktionen meist 15 bis 20 Prozent unter Listenpreis zu haben. Freilich kommen Kosten für den Transport nach Europa dazu, für ein durchschnittliches 10-Meter-Boot sind nach Schätzung von Bob Toney rund 4000 Dollar fällig. Die meisten Boote im aktuellen Bestand von National Liquidators haben Mindestgebote im fünfstelligen Dollar-Bereich, es gibt aber auch viele Modelle, die mit hunderttausend Dollar und mehr angesetzt sind, ein paar liegen gar im Millionenbereich. Insgesamt hat das Unternehmen nach Angaben von Toney in diesem Jahr 725 Boote verkauft und damit 45 Millionen Dollar eingenommen, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 500 Boote. Und doch kommt National Liquidators bei den vielen Pfändungen mit dem Verkaufen nicht nach, und der Bestand an Booten in Fort Lauderdale wächst weiter.
Mittlerweile ist hier auch das Boot aus Miami angekommen. Die Vermutung von Rudy Lamel hat sich bestätigt: Der Schuldner hat seine Bank selbst angerufen und den Standort seines Bootes preisgegeben, sechs Tage nachdem Lamel seine Visitenkarte an der Tür gelassen hat. Das Boot war in einem Yachthafen knapp zehn Kilometer weg vom Haus des Schuldners, Lamel hat es dort ohne jegliche Widerstände abgeholt. Dass der Schuldner kapituliert hat, wundert ihn nicht: Er wusste, dass er in Verzug ist, und er wusste, dass wir bei ihm waren. Die Schlinge hat sich einfach zugezogen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Roland Lindner - F.A.Z.
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