Branchen (123): Sportartikel

Der Kampf der Leibchen

Von Joachim Herr

10. Dezember 2007 Es war das Tor eine Viertelstunde vor Ende des zwölften und letzten Qualifikationsspiels. Der Treffer von Mladen Petric in der 77. Spielminute stürzte die ganze englische Fußballnation in Trauer und Verzweiflung. Die 2:3-Niederlage in Wembley gegen Kroatien vor knapp drei Wochen bedeutete das Aus. Die Europameisterschaft im Juni 2008 in Österreich und der Schweiz wird ohne die Mannschaft des Fußball-Mutterlandes stattfinden.

Das Tor und das Ausscheiden bedauert vermutlich auch der Vorstand von Nike. Denn der amerikanische Sportartikelhersteller strebt für rund 400 Millionen Euro die Übernahme des englischen Konkurrenten Umbro an, der die besten Kicker von England mit Trikots ausrüstet.

Lukratives Zusatzgeschäft

Europa- und Weltmeisterschaften versprechen der Sportartikelindustrie ein stattliches Zusatzgeschäft - freilich nur, wenn sich die Stars mit ihren Mannschaften auch qualifizieren. So hatte Adidas zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dank der großen Begeisterung für die deutsche Mannschaft allein 1,5 Millionen Trikots mit dem Bundesadler auf der Brust verkauft.

Aber welcher Engländer will sich nach der Blamage noch ein Trikot mit dem Schriftzug von Beckham, Owen oder Lampard anziehen? Der Aktienkurs von Umbro gab am Tag nach der Niederlage gegen die Kroaten 4 Prozent nach. Noch härter traf es die ebenfalls an der Börse notierten englischen Sportartikelhändler Sports Direct und JJB Sports, die beide an Umbro beteiligt sind.

Nike schickt fünf Mannschaften zur EM

Immerhin schickt Nike selbst als Ausrüster fünf der 16 Mannschaften, die im nächsten Jahr um den EM-Titel spielen, ins Rennen. Neben Portugal und den Niederlanden auch den England-Bezwinger Kroatien, der in der Vorrunde auf Deutschland trifft.

Gemessen an der Zahl der Teams liegen die drei großen Sportartikelhersteller gleichauf: Auch Adidas und Puma gehen in Österreich und der Schweiz mit jeweils fünf Mannschaften an den Start. Die einzigen in Trikots und Hosen von Umbro sind die Schweden. Im Portfolio von Puma ist neben beiden Gastgebern Weltmeister Italien. Adidas trumpft vor allem mit Titelverteidiger Griechenland, Deutschland und Frankreich auf.

Franzosen im nationalen Zwiespalt

Mancher Franzose, der für den Luxusgüterkonzern PPR arbeitet, könnte im kommenden Jahr hin und her gerissen sein. Hier sein Nationalteam, das mit den drei Streifen spielt, dort die Mannschaften von Puma. Seit Sommer ist das französische Unternehmen PPR, das einst Pinault Printemps Redoute hieß, mit 63 Prozent der Aktien größter Anteilseigner von Puma.

Die jahrelang immer wieder aufgeflammten Spekulationen, Nike wolle sich Puma einverleiben, fanden damit ein Ende. Vor allem nachdem Adidas Anfang 2006 Reebok für 3,1 Milliarden Euro erworben hatte, rechnete mancher mit einem Angebot von Nike für Puma.

Nike will Umbro statt Puma

Nun begnügt sich der amerikanische Branchenprimus mit einem deutlich kleineren Übernahmeziel. Umbro kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von umgerechnet 215 Millionen Euro - nicht einmal ein Zehntel des Konzernerlöses von Puma. Doch Nike könnte auch mit Umbro mehr Präsenz auf den europäischen Fußballplätzen zeigen. Das britische Unternehmen rüstet neben Engländern und Schweden auch die irische und norwegische Nationalmannschaft aus.

„Umbro ist eine Firma mit einem starken Erbe und einer großen Erfahrung in dem weltweit populärsten Sport und auf dem größten Fußballmarkt“, sagt Nike-Chef Mark Parker. In dem 1924 gegründeten Unternehmen erkennt er gar eine Schlüsselkomponente der langfristigen Wachstumsstrategie. Mit dem Kauf von Umbro verfolgen die Amerikaner nach Einschätzung von Puma-Vorstandschef Jochen Zeitz das Ziel, unbedingt die Marktführerschaft im Fußballsegment zu erringen.

Adidas liegt vor Nike

Der deutsche Konkurrent Adidas erzielte im vergangenen Jahr mit Fußballschuhen, -trikots und -bällen einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro, Nike einen Erlös von 1,5 Milliarden Dollar. Auch wegen des schwachen Dollar-Kurses bedeutet das nur den zweiten Platz.

Nach Branchenschätzungen rangiert Adidas mit einem Marktanteil von 35 Prozent vor Nike mit 30 Prozent. Puma folgt mit 12 Prozent, Umbro mit 5 bis 8 Prozent. Weniger bekannt sind die italienischen Hersteller Lotto und Diadora. Lotto rüstet zum Beispiel die Kicker der Ukraine aus, Diadora die Schotten und in der Bundesliga Hannover 96.

Erst 1994 kam Nike zum Fußball

Nike war erst 1994 in das Fußballgeschäft eingestiegen, ist aber in den vergangenen zehn Jahren am stärksten gewachsen. Nike hatte sogar mit einem nahezu unmoralisch erscheinenden Angebot die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ins Grübeln gebracht.

Eine halbe Milliarde Euro wollten sie es sich von 2011 an in acht Jahren kosten lassen, die deutschen Elitekicker mit dem Swoosh - dem schwungvollen Emblem von Nike - aufs Spielfeld zu schicken. Verglichen mit der bisherigen Jahresüberweisung von Adidas, wäre das mehr als das Fünffache.

Cleveland war zu teuer

Doch Adidas kämpfte für die traditionsreiche Verbindung zum DFB, die Unternehmensgründer Adi Dassler schon mit dem ersten Weltmeisterschaftstrainer Sepp Herberger gepflegt hatte. Unterstützt von Franz Beckenbauer und sogar dem Weltfußballverband Fifa, wie in der Branche gemunkelt wird, einigten sich beide Seiten nach einer Schiedsgerichtsverhandlung Ende August auf einen Vergleich.

Der Vertrag mit Adidas wird gleich um acht Jahre bis 2018 verlängert. Die Franken zahlen künftig im Jahresdurchschnitt nach Auskunft des DFB alles in allem rund 26 statt bisher 11 Millionen Euro. Das ist der bislang teuerste Ausrüstervertrag, den ein Fußballverband mit einem Sportartikelhersteller abgeschlossen hat. „Die Preise für solche Spitzenteams werden sicher eher weiter steigen“, vermutet Herbert Hainer, der Vorstandsvorsitzende von Adidas. „Denn das sind heute viel stärker international strahlende Symbole als früher.“

Wettbewerb um die Kicker wird schärfer

Der Wettbewerb um die Ausrüstung der populärsten Kicker dürfte sich deshalb verschärfen. Nike habe auch den Franzosen ein hohes Angebot gemacht, heißt es in der Branche. Deren Vertrag mit Adidas läuft 2010 aus. Die Unternehmen denken längst über die EM im kommenden Juni hinaus. 2010 findet die Weltmeisterschaft in Südafrika statt.

Der schwarze Kontinent ist bisher eine Domäne von Puma. Dank fünf afrikanischer Mannschaften war der kleinere Konkurrent in Herzogenaurach mit insgesamt zwölf Teams bei der Fußball-WM vor einem Jahr in Deutschland sogar der größte Ausrüster. Doch auch nach Afrika hat Nike die Fühler ausgestreckt und unter anderem Kamerun Avancen gemacht, ehe Puma den Vertrag mit den Westafrikanern verlängerte.

Kampf der Ausrüster auch im Wintersport

Die Sportartikelbranche bleibt in Bewegung - nicht nur, wenn es um Fußball geht. Der kalifornische Hersteller K2 ist in diesem Jahr für 1,2 Milliarden Dollar an den amerikanischen Konsumgüterproduzenten Jarden verkauft worden. Zu K2 gehört der deutsche Skiproduzent Völkl. Die Wintersportanbieter litten heftig unter der vergangenen, schneearmen Saison.

Das bekam zum Beispiel die französische Rossignol-Gruppe zu spüren, die seit zweieinhalb Jahren Teil des amerikanischen Konzerns Quiksilver ist. Dessen Aktionäre sind mit der Akquisition und ihrer Entwicklung keineswegs zufrieden. Spekulationen, der neue Besitzer wolle sich schon wieder von dem Skihersteller trennen, machten in Frankreich die Runde, ehe Quiksilver dies vor kurzem zurückwies. Für einzelne Marken der Rossignol-Gruppe wie Dynastar werden aber Käufer gesucht.

Die Golfmarke Cleveland ging für 132,5 Millionen Dollar schon an das japanische Unternehmen SRI Sports. In der Branche ist es kein Geheimnis, dass auch Adidas und Puma ihre Golfsegmente gern mit Cleveland verstärkt hätten. Doch der Preis war den deutschen Unternehmen viel zu hoch.

Text: F.A.Z., 10.12.2007, Nr. 287 / Seite 21
Bildmaterial: AFP, AP, Associated Press, ddp, dpa, F.A.Z., Reuters

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