Von Lisa Nienhaus
31. Juli 2007 Dass Georg Schweisfurth gelernter Metzger ist, hat das Ferkel sofort gespürt. Kaum hat er es auf den Arm genommen, fängt es an zu quieken, als spürte es das Ende seiner Tage nahen. Na, schon gut, versucht Schweisfurth es zu beschwichtigen, während er im Schweinestall seiner Familie fürs Foto posiert. Im Stall habe ich schon ewig nicht mehr gestanden, sagt er entschuldigend. Ich bin doch schon seit zehn Jahren auf der anderen Seite.
Nein, ein Schweineflüsterer ist Georg Schweisfurth nicht, aber er fühlt sich den Tieren und ihrer artgerechten Haltung verbunden. Sein Vater Karl Ludwig Schweisfurth hat es vorgemacht: Er verkaufte 1984 seine Wurstfirma Herta an Nestlé und wurde Biolandwirt. Schweisfurth junior machte erst beim Vater mit, wollte dann aber seine eigenen Ideen verwirklichen.
Vor zehn Jahren gründete er Basic
1997 gründete er zusammen mit drei Freunden aus der Branche die Biosupermarkt-Kette Basic. Damals war Basic verschrien als ruinöse Konkurrenz für die kleinen Bioläden und als Bio-Billigheimer. Heute ist das Image von Supermärkten für Biokost poliert. Biolädchen und Biosupermärkte existieren Tür an Tür. Es ist genug Wachstum für beide da, sagt Schweisfurth.
Bio ist aus der Müeslinische gekommen und groß geworden - nicht zuletzt dank Basic. Wir wollen die Eintrittsbarrieren für neue Kunden möglichst niedrig halten, sagt Schweisfurth. Bio war immer Vegetarismus und fernöstliche Meditation, aber diese spirituellen Sachen haben wir rausgelassen.
Raus aus dem Bio-Mief
Die Gründer seien zwar aus der miefigen Bioecke gekommen. Aber wenn wir neue Kunden haben wollten, dann mussten wir sauber, klar und nüchtern sein, nicht muffig, kein Kruscht, keine grüne Farbe im Logo.
Mittlerweile hat Basic 26 Biosupermärkte in 18 Städten von Aachen bis Wien. Alle paar Monate wird ein neuer Markt eröffnet. Der Umsatz wuchs im vergangenen Jahr um 37 Prozent. Das Ziel, das die Gründer bei den Erlösen einst angepeilt hatten (50 Millionen Mark), haben sie längst in Euro übertroffen (72,6 Millionen Euro 2006). In diesem Jahr will Basic erstmals einen dreistelligen Millionenumsatz machen.
Kunden-Basis gegen Lidl-Einstieg
Doch Schweisfurth hat andere Sorgen. Auf dem Biobauernhof Herrmannsdorfer Landwerkstätten, den er in den achtziger Jahren gemeinsam mit seinem Vater aufgebaut hat und den heute sein Zwillingsbruder Karl führt, muss er sich dieser Tage ständig entschuldigen.
Freitag vor einer Woche gab die nicht an der Börse notierte Basic AG bekannt, dass die Schwarz-Gruppe Anteile an der Firma erworben hat. Zur Schwarz-Gruppe gehört vor allem der Discounter Lidl, den die Gewerkschaft Verdi ständig wegen schlechter Arbeitsbedingungen kritisiert.
Sickert jetzt der Geist von Lidl ein?
Solch ein Investor ist schwierig für ein Unternehmen, das sich immer als Alternative zu den herkömmlichen Supermärkten begriffen hat. Schweisfurth befürchtet, dass unweigerlich der Geist von Lidl einsickert, nicht sofort, aber mit den Jahren.
Das bedeutet für ihn, dass die Sozialstandards sinken, die Produktqualität schlechter wird. Wir werden Flair verlieren, glatter werden, sagt er. Schweisfurth war gegen den Einstieg der Schwarz-Gruppe. Schließlich gehört er zu den Puristen unter den Bio-Sympathisanten - zu den Puristen im Business-Anzug.
Designerbrille statt Latzhose
Georg Schweisfurth trägt beige Hose zu einem strahlend weißen Hemd. Das Jackett hat er sich locker über die Schulter geworfen und die Designer-Sonnenbrille in die Föhnfrisur geschoben. Im Schweinestall wirkt er verloren. Einen Biobauern stellt man sich anders vor.
Doch er lässt keinen Zweifel an seinen Überzeugungen aufkommen, wenn er zu den Herrmannsdorfern nach Glonn kommt, dreißig Kilometer südöstlich von München, zu den Biobauern, -metzgern, -bäckern, -köchen der reinen Lehre.
Schweisfurth liegäugelt mit einem Verkauf
Ich war's nicht, sagt er, sobald einer der Mitarbeiter ihn begrüßt, oder: Ihr wisst doch: Ich bin dagegen. Einer schüttelt den Kopf und sagt: Mann, Mann, Mann, was macht ihr denn? Ein Kollege in der Metzgerei raunzt kollegial: Die können dich doch mal. Steig einfach aus und mach was Neues.
Ob Schweisfurth bleibt oder seine Anteil von rund einem Viertel verkauft, wird sich in der kommenden Woche entscheiden. Wenn ich sehe, dass der Einfluss der Schwarz-Gruppe Richtung fünfzig Prozent marschiert, weil andere aussteigen und verkaufen, dann verkaufe ich auch.
Schweisfurth geht auf Distanz
Sein Mitgründer Richard Müller hat schon angekündigt, dass er aussteigen will. Dass Schweisfurths Freunde und Kollegen in Herrmannsdorf es nicht begrüßen würden, wenn er an den bösen Buben Lidl verkaufte, ist klar. Doch: Ich möchte das Unternehmen nicht mehr beraten, wenn dort ganz andere Grundsätze herrschen.
Aus dem Basic-Vorstand ist Schweisfurth schon Anfang 2004 abgetreten. Das harte Business ist nicht so meins, sagt er. Er sieht sich eher als Vordenker und Ideengeber und blieb der Firma als Berater und Miteigentümer erhalten. Jetzt denkt er manchmal, dass es dumm war, den Posten zu verlassen. Aber ich bin halt kein Machtmensch, der unbedingt 51 Prozent haben muss.
Kein Stillstand und kein zu hohes Tempo
Auch beim Wachstum hat er andere Vorstellungen als der Mitgründer und heutige Finanzvorstand Johann Priemeier. Dessen Pläne, bald alle paar Wochen einen Basic-Laden zu eröffnen, sind ihm einfach zu viel. Wachstum ist gut, aber kein Mordswachstum. Georg Schweisfurth sucht einen gesunden Mittelweg zwischen Stillstand und allzu viel Schnelligkeit. Es muss noch natur- und vor allem menschverträglich sein.
Trotz des Ausstiegs aus dem väterlichen Betrieb ist Schweisfurth auch mit Basic zwei Familientraditionen treu geblieben: Lebensmittel und Bio. Ersteres hat auch schon der Großvater, ein Metzger, praktiziert. Zweiteres musste der Vater mit seinen Fleischfabriken erst lernen. Nach Jahren der immer höher technisierten industriellen Fleischproduktion bei seiner Firma Herta entdeckte er, dass ihm seine Fleischfabriken eigentlich zuwider sind. 1984 verkaufte er Herta, zog von Herten nach Bayern und wurde Biobaron.
Metzgerlehre und VWL
Georg Schweisfurth war von Anfang an dabei. Nach der Metzgerlehre, die er auf Wunsch des Vaters absolvierte, und dem VWL-Studium machte er auf dem Hof alles mit, vom Schweinetreiben bis zum Verkauf im Hofladen. Wir waren ja nur fünf Leute.
Heute arbeiten in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten, die Georg Schweisfurth noch zu etwa einem Drittel gehören, rund 120 Mitarbeiter. Es gibt eine eigene Schlachterei, Bäckerei, Brauerei, ein Restaurant, einen Hofladen und ausgegliederte Lädchen zum Beispiel in München am Viktualienmarkt. Der Umsatz liegt etwa bei 15 Millionen Euro im Jahr.
Bio-Idylle kann auch langweilig sein
Small is beautiful, sagen die immer hier, sagt Schweisfurth. Das ist sicher auch richtig. Aber mir ist das manchmal einfach zu beautiful in Herrmannsdorf. Also löste sich Schweisfurth junior von seinem Vater, stieg 1994 aus und suchte seinen eigenen Weg. Er ging ins Ausland, nach Japan, nach Amerika. Dann begann er zu gründen. Erst eine Firma zur Bio-Zertifizierung und einen Biogroßhandel für die Gastronomie.
Dann kam Basic. Schweisfurth und seine Mitgründer Johann Priemeier, Richard Müller und Hermann Oswald wollten den Biomarkt vergrößern, glaubten an das Potential.
Jeder Gründer hatte seine Stärken
Obwohl die Gründer derzeit uneins sind, war das Quartett die geborene Startmannschaft für Basic, findet Schweisfurth. Hermann Oswald war ein Organisationstyp. Hansi Priemeier hat sich um Verwaltung, Buchhaltung und Geldangelegenheiten gekümmert. Richard Müller hatte Kontakte zu Bauern und Markenherstellern. Ich habe die Läden konzipiert, die konsequent nichtökologisch aussehen sollten.
Ein Jahr lang reisten Schweisfurth & Co., erfanden Logos, erstellten Konzepte und Businesspläne. 1998 eröffnete Basic in München-Schwabing den ersten Biosupermarkt, ganz nüchtern und ohne Schnickschnack, fast wie ein Discounter. Ich glaube, es gab keinen Supermarkt mit 400 Quadratmetern in Deutschland, der so viel Echo hatte in der Öffentlichkeit, erzählt Schweisfurth stolz.
Der BSE-Skandal brachte den Durchbruch
Schon neun Monate später vergrößerte man auf 750 Quadratmeter. Danach ging Basic in die Münchener Innenstadt. Der mit 2000 Quadratmetern größte Biosupermarkt Deutschlands hatte Startschwierigkeiten, aber Ende 2000 kam der BSE-Skandal. Das hat uns einen gigantischen Schub gegeben, sagt Schweisfurth. Das war wie in der DDR. Es standen lange Schlangen vor unseren Fleischtheken, und es war fast nichts drin.
Die Erinnerung an die Gründungseuphorie beflügelt Schweisfurth. Man spürt: Er ist schon auf der Suche nach einer neuen Idee, einem neuen Projekt. Nachdem er aus dem operativen Geschäft bei Basic ausgestiegen ist, hat er sich erst mal mehr um die Familie gekümmert.
Schweisfurth sucht was Neues
Seine Kinder haben - bis auf die Jüngste - die obligatorische Lehre schon absolviert. Jetzt können sie einsteigen ins Geschäft, was sein Sohn auch schon praktiziert. Er ist mein größter Kritiker, sagt Schweisfurth.
Derzeit ist das gemeinsame Lieblingsprojekt das Tagungshotel Sonnenhausen, ein ehemaliges Gestüt, etwa drei Kilometer von Herrmannsdorf entfernt. Dort will Schweisfurth eine Berufsfachschule aufbauen und den Gartenbau vergrößern. Mich reizt das Neue, sagt er. Vielleicht bin ich einfach nicht jemand, der zehn Jahre bei einer Sache bleibt.

Designermode statt Latzhose: Basic-Mitgründer Georg Schweisfurth
Das Unternehmen
Die Basic AG wurde 1997 von Richard Müller, Johann Priemeier, Georg Schweisfurth und Hermann Oswald gegründet. Die Idee war, mehr Menschen für Bioprodukte zu gewinnen, indem man in Biosupermärkten ein komplettes Sortiment in ideologiefreier Umgebung anbietet.
1998 eröffnete Basic den ersten Biosupermarkt in München-Schwabing. Es folgten 24 Geschäfte in Deutschland und eins in Österreich. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 72,6 Millionen Euro und soll 2007 erstmals im dreistelligen Millionenbereich liegen. Die Kette arbeitet mit Gewinn, über dessen Höhe macht sie jedoch keine Angaben.
Die Mehrheit der Aktien teilen sich nach wie vor die Gründer. Schweisfurth und Müller haben sich Anfang 2004 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Kürzlich gab Basic bekannt, dass die Schwarz-Gruppe, zu der vor allem der Discounter Lidl gehört, rund 20 Prozent der Basic AG erwerben wird.
Der Mensch
Georg Schweisfurth wurde 1959 geboren und wuchs in Herten in Nordrhein-Westfalen auf. Sein Vater Karl Ludwig Schweisfurth war Inhaber des Fleischwarenkonzerns Herta, den er 1984 verkaufte. Georg Schweisfurth machte nach der Schulzeit zunächst eine Metzgerlehre und studierte dann Volkswirtschaftslehre.
Mit 27 Jahren baute er mit seinem Vater dreißig Kilometer südöstlich von München einen Biobauernhof mit Verarbeitung auf. Die Hermannsdorfer Landwerkstätten gehören ihm heute noch zu etwa einem Drittel. 1994 stieg er aus dem väterlichen Betrieb aus und begann seine Lehr- und Wanderjahre.
Er ging ins Ausland, gründete mehrere Firmen in der Biobranche, bevor er 1997 zusammen mit drei Freunden die Biosupermarkt-Kette Basic ins Leben rief. Anfang 2004 schied er aus dem Vorstand aus, blieb aber Teilhaber und Berater. Im Familienbetrieb engagiert er sich heute noch besonders im Tagungshotel Sonnenhausen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 34
Bildmaterial: AP, ddp
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