Amerika statt Sindelfingen

Daimler will Teile der Produktion verlagern

Von Susanne Preuß, Stuttgart

Sindelfingen: 2014 soll hier Schluss sein

Sindelfingen: 2014 soll hier Schluss sein

01. Dezember 2009 Die C-Klasse von Mercedes soll nur noch bis zum Jahr 2014 in Sindelfingen gebaut werden. Für die nächste Generation des Mittelklasse-Wagens hat Daimler andere Standorte im Auge, die nah am Kunden sind und niedrigere Kosten haben, allen voran Tuscaloosa in Amerika. In seiner Vorstandssitzung an diesem Dienstag wird der Vorstand darüber entscheiden.

Die Entscheidung gegen den Standort Sindelfingen würde in der Region Stuttgart zu erheblichem Personalabbau führen. Mehr als 4000 Mercedes-Mitarbeiter sind derzeit in Sindelfingen mit der Produktion der C-Klasse befasst, außerdem führen die laufenden Effizienzsteigerungsprogramme in der übrigen Produktion ohnehin zu einem Personalüberhang. Während der Stuttgarter Autokonzern in der Vergangenheit auch größeren Arbeitsplatzabbau meist durch freiwillige Abfindungsprogramme und sozialverträglich bewältigt hat, macht Konzernbetriebsratschef Erich Klemm jetzt seinen Kollegen wenig Illusionen: Ohne Entlassungen dürfte die Verlagerung der C-Klasse kaum ausgehen. „Nach Einschätzung des Betriebsrats wäre ein solcher Personalüberhang sozialverträglich unter Ausschluss von Kündigungen nicht mehr beherrschbar“, heißt es in einer Pressemitteilung, die der Betriebsrat nach einer mehrstündigen Betriebsversammlung von rund 10.000 Mitarbeiter in Sindelfingen verbreitete.

Es gibt nichts zu verhandeln

Mit mehreren Protestkundgebungen im Laufe des Tages, zu denen offenbar auch mehr als zwei Dutzend Busse mit Gewerkschaftsmitgliedern aus anderen Betrieben der Region angekündigt sind, versuchen die Mercedes-Mitarbeiter die Entscheidung des Vorstands noch zu beeinflussen. Indes: es gibt nichts zu verhandeln. Anders als in den Jahren 1996 und 2004, als der Vorstand jeweils forderte, die Kosten je Auto um einige hundert Euro zu senken und die Belegschaft entsprechende Zugeständnisse machte, gibt es dieses Mal gar keine Forderungen des Vorstands. Eines der Hauptargumente für eine Verlagerung ist diesmal die Marktnähe. „Klar ist, dass zum Beispiel in Wachstumsmärkten wie China auf mittlere Frist mehr Autos vom Band rollen als in der Vergangenheit“, hatte Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche schon auf der Messe IAA im September gesagt.

Während bisher drei Viertel aller C-Klasse-Autos in Deutschland gebaut werden, sollen es künftig nur noch rund 60 Prozent sein. Von der Kapazität von 660 C-Klasse-Autos, die in Sindelfingen je Tag gebaut werden können, soll mehr als die Hälfte nach Tuscaloosa (im amerikanischen Bundesstaat Alabama) verlagert werden. Das restliche Volumen würde auf Peking, Bremen und zu einem sehr kleinen Teil East London (in Südafrika) verteilt. Bremen ist jetzt schon mit einer Kapazität von 1000 C-Klasse-Modellen der wichtigste Produktionsstandort für das Modell.

Der niedrige Dollarkurs ist eines der Argumente

Zu den Argumenten für die Verlagerung nach Amerika zählt der nun schon lange niedrige Dollarkurs. Die Lohnkosten je Stunde seien mit umgerechnet 30 Euro in Tuscaloosa etwa 24 Euro niedriger, lautet die Rechnung auf Basis aktueller Wechselkurse – was je Auto einen Kostenvorteil von 1200 bis 1500 Euro ergäbe. Den Betriebsrat lässt dieses Argument ohnmächtig zurück: „Uns wird es nie gelingen, Wechselkursschwankungen durch Zugeständnisse auszugleichen“, sagt eine Sprecherin des Betriebsrats.

Der Lohnkostenvergleich stößt in der Belegschaft ohnehin auf Unbehagen, weil allgemein bekannt ist, dass die Mercedes-Mitarbeiter in Tuscaloosa im amerikanischen Vergleich besonders gut verdienen: um die Gewerkschaft UAW fernzuhalten hat Daimler, als das Werk für die Geländewagen-Modelle in den 90er Jahren gebaut wurde, den Mitarbeitern besonders guten Bedingungen gewährt. Sobald der Dollar also wieder an Stärke gewönne, wären die vermeintlichen Kostenvorteile für Daimler wieder dahin, gibt die Betriebsratssprecherin zu bedenken.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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