14. Juli 2008 Der fränkische Automobilzulieferer Schaeffler nimmt den größeren Konkurrenten Continental ins Visier. Nach Gerüchten über eine mögliche Übernahme des Dax-Konzerns durch das fränkische Familienunternehmen bestätigte Conti am Montag in Hannover ein erstes Gespräch. In einer Pflichtmitteilung für die Börse hieß es, sobald die Schaeffler-Gruppe ihre Überlegungen substantiiert habe, werde der Conti-Vorstand diese prüfen und über die Ergebnisse informieren.
Continental erklärte, über ein erstes, kurzes Gespräch hinaus habe es bislang keine weiteren Verhandlungen mit Schaeffler gegeben. Die F.A.Z. hatte berichtet, das Familienunternehmen aus Bayern wolle den wesentlich größeren Continental-Konzern für mehr als zehn Milliarden Euro übernehmen. Hinzu komme die Übernahme von Schulden in Höhe von rund elf Milliarden Euro. Eine Übernahme von Continental wäre der größte Unternehmenskauf in diesem Jahr in Europa.
Starke Kurszuwächse für die zuvor gebeutelte Conti-Aktie
In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Börsenwert von Continental halbiert, was Schaeffler den Einstieg erheblich erleichtern könnte. Am Montag jedoch ging der Kurs, befeuert durch die Übernahmespekulationen, um rund ein Viertel nach oben. Conti war an der Börse am Freitag rund 8,7 Milliarden Euro wert, am Montag stieg der Börsenwert auf fast elf Milliarden. Conti kämpft mit der teuren Integration der von Siemens übernommenen Autoelektroniksparte VDO und mit steigenden Rohstoffkosten. Die Analysten der Investmentbank Merrill Lynch hatten die Aktie heruntergestuft, da der Konzern in den kommenden zwölf Monaten zu vielen Herausforderungen ausgesetzt sei.
Der an der Börse als weißer Ritter gehandelte Stuttgarter Elektronikkonzern Bosch wollte sich nicht dazu äußern, ob er ein Gegengebot abgeben würde. Allerdings dürfte Bosch damit bei den Kartellbehörden auf Widerstand stoßen. Schon eine Übernahme der - letztlich von Conti geschluckten - VDO wäre vom Kartellamt wegen überlappender Geschäftsbereiche nicht genehmigt worden.
Gewerkschaft kündigt massiven Widerstand an
Die IG Metall hat massiven Widerstand gegen eine mögliche Übernahme angekündigt. Wir werden mit allen Mittel verhindern, dass ein völlig intransparentes Unternehmen möglicherweise die Continental AG übernimmt und zerschlägt, sagte Hartmut Meine, IG-Metall-Bezirksleiter und Conti-Aufsichtsratmitglied am Montag. Die Schaeffler-Gruppe habe in der Vergangenheit Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsinteressen mit Füßen getreten. Ein Aufsichtsratsgremium werde durch die Unternehmensstruktur seit Jahren verhindert.
Schaeffler erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit 66.000 Mitarbeitern 8,9 Milliarden Euro Umsatz. Der unter anderem auf Wälzlager spezialisierte Konzern mit den Marken INA, LuK und FAG macht nach eigenen Angaben rund 60 Prozent seines Geschäfts mit der Autoindustrie, der Rest verteilt sich auf Branchen wie Luft- und Raumfahrt. Conti und die im Dezember übernommene VDO kamen 2007 auf Umsätze von zusammen 26,4 Milliarden Euro.
Schaeffler machte schon 2001 durch feindliche Übernahme Furore
Die generell öffentlichkeitsscheue Schaeffler-Gruppe, die zu den großen deutschen Autozulieferern zählt, hatte 2001 mit der Übernahme des damals im MDax gelisteten Wälzlagerherstellers FAG Kugelfischer Furore gemacht. Gegen den anfänglichen Willen des FAG-Managements setzte Schaeffler die Übernahme in einem fünfwöchigen Machtkampf durch. Damit war erstmals einem privat geführten Unternehmen aus Deutschland eine feindliche Übernahme gelungen.
Im Falle einer Übernahme durch Schaeffler könnte Conti eine Zerschlagung drohen. Branchenkreisen zufolge dürfte Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger Verkäufe von Conti-Teilen wie dem Reifengeschäft planen. Eine Continental-Sprecherin sagte auf Anfrage: Wir haben keine Berührungsängste, wenn es darum geht, Investoren zu gewinnen, die zu unserer Strategie passen. Eine Zerschlagung sei nicht im Conti-Interesse. Wer eine feindliche Übernahme vorhaben sollte, dem wünschen wir einfach viel Glück, sagte die Sprecherin.
Drittgrößter Autozulieferer im globalen Maßstab
Mit einem Zusammenschluss von Continental und der Schaeffler-Gruppe könnte der weltweit drittgrößte Autozulieferer entstehen. Das ergaben Berechnungen der Branchenzeitung Automobilwoche auf Basis des Umsatzes beider Unternehmen als Erstausrüster der Autoindustrie 2007. Continental habe Zulieferteile im Wert von rund 25 Milliarden Dollar an die Autohersteller verkauft. Die Schaeffler-Gruppe habe Wälzlager, Getriebe und Motorenelemente für mehr als 7 Milliarden Dollar abgesetzt. Continental mit Firmensitz in Hannover arbeitete sich im Ranking bereits durch die Übernahme von Siemens VDO vom 12. auf den 4. Platz vor. Auf dem ersten Rang liegt die Bosch-Gruppe mit einem Umsatz von 38,16 Milliarden Dollar, darauf folgen der Zeitung zufolge der japanische Ausrüster Denso (35,7 Milliarden Dollar) und Magna International (25,65 Milliarden Dollar).
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa
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