Europa-Drehkreuz eröffnet

Leipzig/Halle strebt in die erste Luftfahrt-Liga

Von Christian Geinitz

26. Mai 2008 Die Deutsche Posttochter DHL hat am Montag ihr europäisches Drehkreuz für Luftfracht am Flughafen Leipzig/Halle offiziell in Betrieb genommen. „Damit bauen wir langfristig unsere führende Position im globalen Expressgeschäft aus und geben diesem Tor zur Welt, den Menschen und der Wirtschaft in einer aufstrebenden Region Ostdeutschlands wichtige Impulse“, sagte der neue Vorstandsvorsitzende des Mutterkonzerns, Frank Appel, zur Eröffnung vor Journalisten.

Leipzig spielt gern in der ersten Liga. Was im Fußball nicht einmal in Ansätzen gelingt, was mit der Olympia-Bewerbung immerhin tapfer versucht wurde, das erfüllt sich jetzt in der Luftfahrt. Leipzig mischt ganz vorne mit: Am Flughafen Leipzig/Halle ist eines der größten und modernsten Logistikzentren der Welt entstanden. Das Unternehmen DHL, der größte internationale Expressversender und Luftfrachtbeförderer, hat in den vergangenen zwei Jahren seinen Hauptumschlagplatz für Europa Stück für Stück von Brüssel-Zaventem nach Leipzig verlegt. Damit ist in Sachsen der zweitwichtigste DHL-Knotenpunkt entstanden, hinter Wilmington in Ohio für das Amerika-Geschäft und vor Hongkong für den Asien-Pazifik-Raum.

Schon seit Ende März läuft der Frachtumschlag auf vollen Touren. Jeden Tag starten und landen fast 60 Maschinen auf der neuen Südbahn. Deren Bau war neben der Nachtfluggenehmigung eine der Voraussetzungen für den Umzug von Brüssel nach Sachsen. Seit 2007 können zwei Flugzeuge gleichzeitig starten oder landen, theoretisch sogar die Riesenmaschinen vom Typ Airbus 380. An jedem Werktag fertigen die DHL-Mitarbeiter mehr als 1500 Tonnen Fracht ab, die von Leipzig/Halle aus zu fast 50 Zielen in aller Welt gehen. Darunter sind auch weniger bekannte Ziele wie das Emirat Schardscha (Sharjah) oder der ehemalige Militärflughafen Balaton (Plattensee) bei Hévíz in Ungarn.

Am Schkeuditzer Kreuz entsteht ein führender Frachtflughafen Frachtgeschäft ist Nachtgeschäft Ein Flughafen mit Autobahnanschluss Jeden Tag starten und landen fast 60 Maschinen auf der neuen Südbahn Zum Winterflugplan 2007 verlegte auch Lufthansa Cargo Frachtflüge nach Sachsen

Politik ist stolz auf den Beschäftigungseffekt

DHL beschäftigt in der ganzen Welt rund 300.000 Mitarbeiter und befördert mit 420 Flugzeugen etwa 1,7 Millionen Tonnen Luftfracht im Jahr. In Leipzig sind bisher 2000 Beschäftigte im Einsatz, bis 2012 soll ihre Zahl auf 3500 direkte und 7000 indirekte Mitarbeiter steigen. Das Frachtaufkommen dürfte nach DHL-Angaben von 1500 auf 2000 Tonnen am Tag anwachsen. Der Konzern, die Arbeitsagenturen und die örtliche Politik sind stolz auf die Beschäftigungseffekte, vor allem für Geringqualifizierte. 90 Prozent der Mitarbeiter stammten aus der Region, zwei Drittel seien zuvor arbeitslos gewesen, teilt die Deutsche Post mit.

Freilich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein: In Leipzig und Halle, den größten Städten Sachsens und Sachsen-Anhalts, hatten sich im April mehr als 90.000 Personen arbeitslos gemeldet. Die Quote in der ostdeutschen Vorzeigestadt Leipzig ist mit 15,2 Prozent nicht nur höher als im deutlich schlechter beleumundeten Halle mit 14,8 Prozent. Sie ist auch die schlechteste in ganz Sachsen hinter Bautzen; drei Viertel der Gemeldeten im Bezirk sind Langzeitarbeitslose. Angesichts dieser Dimensionen überrascht es nicht, dass DHL rund 50.000 Bewerbungen erhalten hat, die meisten aus der Region.

Die größte Sortieranlage in Deutschland

Imposant sind auch die Ausmaße des 240 Hektar großen Leipziger DHL-Areals, das praktisch einem eigenen Flughafen im Flughafen entspricht. An einer der größten Baustellen Europas waren vorübergehend bis zu 500 Bauarbeiter gleichzeitig beschäftigt. Dabei ist der neue Flugzeughangar noch nicht einmal das eindrucksvollste Gebäude der Anlage, das Verteilzentrum ist mit 48.000 Quadratmetern mehr als doppelt so groß. Darin hätten fast sieben Fußballfelder Platz. Das Herzstück der 400 Meter langen Umschlaghalle bildet eine vierstöckige Sortieranlage, die größte in Deutschland. Jede Stunde kann sie vollautomatisch 100.000 Pakete abfertigen.

Allein diese Riesenanlage hat 70 Millionen Euro gekostet. Insgesamt gibt DHL seine Investitionen mit 300 Millionen Euro an. Davon stammen rund 70 Millionen als Förderung vom Steuerzahler. Außerdem hat die öffentliche Hand den fast 300 Millionen Euro teuren Bau der neuen Südbahn an dem staatseigenen Flughafen finanziert, der mit Passagierflügen nicht ausgelastet ist. Neben den Subventionen haben auch die geringeren Arbeitskosten in Ostdeutschland DHL den Umzug versüßt. Sie liegen rund 20 Prozent unter dem Brüsseler Niveau.

Auch Lufthansa Cargo kam nach Sachsen

Die Errichtung des neuen Luftfrachtzentrums auf der Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt am Autobahndreieck Schkeuditz wurde mehrfach in Zweifel gezogen. So untersuchte die Europäische Kommission zwischenzeitlich, inwieweit der öffentliche Bau der neuen Piste als verdeckte Subvention zu werten sei. Zudem hatten Anwohner wegen der nächtlichen Lärmbelästigung gegen den Planfeststellungsbeschluss des Regierungspräsidiums geklagt. Ende 2006 unterlagen sie vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Allerdings hoben die Richter jenen Teil des Beschlusses auf, der des Nachts auch Starts und Landungen von Passagierflugzeugen ermöglicht hätte.

Noch ist diese Einschränkung kaum von Bedeutung, denn das Fluggastaufkommen am selbsternannten „Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland“ hält sich sehr in Grenzen. 2007 nutzten nur 2,7 Millionen Passagiere die Anlage, nicht einmal halb so viel wie in Hannover-Langenhagen. Damit rangiert Leipzig/Halle in Deutschland auf Platz zwölf. Viel besser ist die Position im Frachtverkehr. Hier hat sich Leipzig/Halle nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen mit einem Gesamtverkehr von mehr als 101.000 Tonnen auf Platz 5 vorgearbeitet. Nur Frankfurt, Köln/Bonn, München und Hahn sind größer. Für das laufende Jahr erwartet die Flughafengesellschaft eine Verdreifachung auf 310.000 Tonnen und damit Platz 3 in der Liste.

Der Frachtzuwachs um mehr als 245 Prozent im vergangenen Jahr war fast ausschließlich der Verlegung des DHL-Hubs zu verdanken. Doch wird Leipzig/Halle auch für andere Logistikunternehmen immer interessanter. Zum Winterflugplan 2007 verlegte Lufthansa Cargo die Frachtflüge von Köln nach Sachsen. Seitdem starten von hier aus jede Woche 21 Maschinen nach Asien und Nordamerika. Im September gründeten Lufthansa Cargo und DHL zudem die Leipziger Frachtfluggesellschaft Aero-Logic. Diese neue, dann viertgrößte Luftfrachtgesellschaft Europas will von April 2009 an den Start gehen. Aero-Logic strebt einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro und die direkte und indirekte Beschäftigung von 1000 Mitarbeitern an.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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