Von Holger Appel
02. September 2007 Den Innenraum haben wir in den letzten Wochen nochmal nachgearbeitet, ein paar Details verschönert, die Qualitätsanmutung verbessert. Da sind wir nun auf dem höchsten Niveau dieser Klasse, schwärmt Christian Streiff. Eine Sekunde später erstarrt seine eben noch zufrieden dreinschauenden Entourage. Auf die Rückfrage, ob er das vor allem am Heck doch etwas mutlose Außendesign auch so gemacht hätte, antwortet der seit einem halben Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende von PSA Peugeot Citroën: Nein, wahrscheinlich nicht.
Das sitzt. Immerhin spricht er über den neuen Peugeot 308 - neben dem kleineren 207 das wichtigste Produkt im Hause, ein Auto, dass sich im kommenden Jahr 350 000 Mal verkaufen und in seinem Leben mindestens 3 Millionen Kunden finden soll. Aber Streiff sagt stets, was er denkt, angepasst war er noch nie. Und die Mannschaft soll wissen: Mit dem neuen Chef wird sich einiges ändern.
Lieblingsthema Deutschland
Was genau, das wird er am kommenden Dienstag verkünden. Dann stellt Streiff seinen Plan vor, wohin er mit dem unter Absatz- und Ertragsschwierigkeiten leidenden Automobilkonzern bis zum Jahr 2015 fahren möchte. Einiges ist jetzt schon klar: Die Finanzchefin hat er kurzerhand ausgewechselt. Außerdem ist ihm das bisherige Tempo im Konzern zu langsam, die Qualitätsanforderungen zu lax und die wirtschaftliche Lage unbefriedigend. Dem Peugeot 308 hat er als erste Amtshandlung die dreifache Teststrecke verordnet. 2 Millionen Kilometer werden die Vorserienfahrzeuge bis zum Marktstart zurückgelegt haben. Hohe Qualität ist am Ende billiger. Mit dem verschärften Testprogramm finden wir vor Serienbeginn 75 Prozent der Fehler, die sonst in den ersten Wochen beim Kunden auftreten.
Deutschland ist eines der Lieblingsthemen des neuen Vorstandsvorsitzenden, der vor dem Job bei PSA und seinem Intermezzo als Airbus-Chef einige Jahre in deutschen Unternehmen gearbeitet hat. Die Deutschen sind die schlimmsten Autofahrer der Welt, hat er festgestellt und meint das durchaus mit einer gewissen Bewunderung. Ein wichtiger Teil seines Zukunftsplans heißt deshalb Projekt D, womit er dem französischen Hersteller alemannische Qualitäten einimpfen will. Deutschland setze Standards im Automobilbau, was Mechanik, Haltbarkeit und im Design den Ausdruck von Solidität betreffe.
Fernöstliche Methoden sollen die Abläufe verbessern
Deshalb gilt für die Ingenieure: Achtet mehr auf den deutschen Markt. Ein Beispiel: Die Bremsen sollen künftig so zubeißen wie die deutscher Konkurrenzmodelle, die bei Autobahntempi jenseits der 200-km/h-Marke malträtiert werden. Streiff meint es ernst: Am eigentlich fertigen 308 wurden die Bremsen in letzter Minute nachgearbeitet.
In den Fabriken ist indes Japanisches gefragt. Fernöstliche Methoden, die kompromisslos auf ein Ausmerzen der Fehler ausgelegt sind und für bessere organisatorische Abläufe sorgen, sollen die Fertigung prägen. Geplant war, die neuen Qualitätsstandards nach und nach in jedes Werk einzuziehen und die Produktion bis 2009 neu zu ordnen. Das hat sich Streiff anders überlegt. Jetzt gilt als Datum Ende 2007. Wie das geht? Männer, ihr habt keine Wahl, hat Streiff seinen Leuten ins Lastenheft geschrieben. Sie sollen ihre Tätigkeiten und die Organisation von Arbeitsabläufen überdenken. Wenn deshalb Investitionen erforderlich sind, bitte schön, dann gibt es dafür Geld. Der Druck gilt auch nach außen. Wer Lieferant bleiben möchte, muss Gas geben.
Peugeot und Citroën stärker differenzieren
30 Prozent mehr Geschwindigkeit bei gleichzeitig sinkenden Kosten und höherer Qualität, lautet der Grundsatz. So entsteht Platz für neue Modelle, die zusätzliche Kunden bringen sollen. Damit derlei sogleich am lebenden Objekt ausprobiert werden kann, hat sich der Konzern das wohl ehrgeizigste Fahrzeugprojekt seit Jahren vorgenommen. Die Franzosen entwickeln derzeit ein komplett neues Auto, bei dem zwischen Idee und Markteinführung rekordverdächtige 144 Wochen liegen sollen. Die beiden Marken im Konzern, Peugeot und Citroën will Streiff stärker als bisher differenzieren, ihnen einen typischeren Auftritt geben. "Avantgarde" ist sein Lieblingsbegriff im Zusammenhang mit Citroën. Hinter den Kulissen soll indes viel enger als bislang zusammengearbeitet werden. Alles, was der Kunde nicht sieht, soll künftig gemeinsam organisiert werden.
In drei Jahren, hat der neue Chef vorgegeben, muss PSA wieder in der ersten Liga in Sachen Qualität und Rentabilität spielen. Um mindestens 5 Prozent soll die Produktivität jedes Jahr zulegen. Das wird allein durch den angestrebten Verkauf zusätzlicher Fahrzeuge nicht zu schaffen sein. Streiff redet denn auch nicht lange um den heißen Brei herum. In der Branche mag die Anzahl der Arbeitsplätze gleich bleiben oder steigen, weil die Zulieferer Beschäftigung aufbauen. Doch bei den Autoherstellern wird es künftig weniger Arbeitsplätze in Westeuropa geben. Auch bei Peugeot und Citroën.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007, Nr. 35 / Seite 41
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z.
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