Von Daniel Schäfer
22. Juli 2005 Tristesse im wirtschaftlichen Alltag, Eintönigkeit im Büro? Das mag für viele Deutsche zutreffen. Aber trotz oder gerade wegen dieser wirtschaftlich schwierigen Zeiten scheinen sie in ihrer Freizeit zunehmend zu Abenteurern zu avancieren. Ob Rafting, Gebirgsklettern oder Nordic Walking: immer mehr Menschen wenden sich den Sportarten zu, die sie in die freie Natur und weg von allen Alltagssorgen führen.
Wenn dabei auch nicht immer der sportliche Elan der größte ist, zumindest in der Jagd nach der passenden und der modischsten Ausrüstung sind die Deutschen europaweit Spitzenreiter. Davon profitiert die Outdoor-Branche, die sich sowohl vom schwachen Sportartikelmarkt als auch von der darbenden Bekleidungsindustrie abermals absetzen kann, wie sich auf der jährlichen Branchenschau "Outdoor" in Friedrichshafen zeigt.
Ein Füntel des Sportartikelmarkts
Im vergangenen Jahr sei der Umsatz der Branche in Deutschland um 3 Prozent auf rund 1,54 Milliarden Euro geklettert, berichtet Albrecht von Dewitz, Chef des auf Bergausrüstung und Fahrradzubehör spezialisierten Familienunternehmens Vaude. Damit hat die Branche ein Fünftel zu dem insgesamt schwächer wachsenden Sportartikelmarkt beigetragen. Zudem ist Deutschland damit in Europa der weitaus größte Markt vor Großbritannien und Frankreich, die jeweils auf rund eine Milliarde Euro kommen.
Das Wachstum hängt mit einem Wandel im Freizeitverhalten zusammen. Schon seit längerer Zeit sind es nicht mehr nur die abenteuerlichen Extremsportler, die die Outdoor-Hersteller zu ihren Kunden zählen. Das Urlaubs- und Freizeitverhalten der Deutschen hat sich verändert, statt Fernreisen mit der luxuriösen Rund-um-die-Uhr-Betreuung sind Kurztrips in die freie Natur mit dem Zelt, dem Rucksack und wenig Komfort gefragt. Das BAT-Freizeitforschungsinstitut hat errechnet, daß im vergangenen Jahr jeder dritte zwischen 50 und 65 Jahre seinen Urlaub in der Natur verbracht hat. Und auch die Jugendlichen entdecken demnach zunehmend die Liebe zur Wildnis.
Die Technik spielt eine wichtige Rolle
Dabei muß natürlich die Ausrüstung stimmen. "Die Technik spielt eine wichtige Rolle", sagt von Dewitz. Dazu gehören zum Beispiel mit Silikon versehene Zeltstoffe wie die von Vaude, die wie von Geisterhand wieder zusammenwachsen, wenn man ein Loch in sie hineinsticht. Und damit der Wanderer sich nicht verläuft, hält auch die Kommunikationstechnologie Einzug in die Branche. Marken wie die zum Thales-Konzern gehörende Magellan oder Garmin bieten mobile GPS-Empfänger an, die durchs Gebirge lotsen. Noch ist dies mit Preisen zwischen 129 und 400 Euro und einer halben Million in Europa verkauften Produkten kein richtiger Massenmarkt.
Doch in den nächsten zwei Jahren könnten die Preise unter 100 Euro sinken und damit die breite Masse angesprochen werden, erwartet Gildas le Masson, Marketingchef der Thales-Navigationssparte. Vorausgesetzt, die noch etwas komplexe Bedienung wird vereinfacht, könnte man dann auch Sonntagsspaziergänger antreffen, die damit wieder zu ihrem Auto zurückfinden.
In der breiten Masse ist der Markt für Outdoor-Bekleidung dagegen schon längst angekommen. Mit wasserdichten Gore-Tex-Jacken und atmungsaktiven Schuhen wird nicht mehr nur im Gebirge herumspaziert, sondern auch der Weg zum Brötchenholen modebewußt und sportlich hinter sich gebracht. Mit 574 Millionen Euro war der Markt für Regenjacken, wasserfeste Hosen und dazu passende Fliespullis im vergangenen Jahr in Deutschland auch der größte Batzen des Outdoor-Umsatzes.
Wie auch in den vergangenen beiden Jahren profitiert die Branche immer noch von einem schier unaufhaltsamen Modesport: Nordic Walking. Im vergangenen Jahr seien achtmal mehr der dazu notwendigen Stöcke verkauft worden, sagt Klaus Jost, Vorstand der Verbundgruppe Intersport. Und in diesem Jahr hätten die rund 1200 Mitglieder des Sportgeschäft-Verbunds den Umsatz mit diesen Stöcken nochmals um 50 Prozent gesteigert. Ein lukratives Geschäft, zumal die Kunden zumeist nicht nur Stöcke kaufen, sondern auch die angeblich notwendige Bekleidung und Zusatzprodukte wie Schutzbrillen. Denn angesichts der rasanten Geschwindigkeiten eines nordischen Wanderers ist die Gefahr eines Fliegeneinschlags nicht zu unterschätzen.
Text: F.A.Z., 22.07.2005, Nr. 168 / Seite 18
Bildmaterial: dpa/dpaweb, Fenix Outdoor
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