Problem Dresdner Bank

Die Allianz im Endspiel

Von Marcus Theurer

16. Juli 2008 Der Allianz-Chef hatte seinen Aktionären eine respektable Erfolgsbilanz auf die Hauptversammlung mitgebracht. Es ist der 11. Juli 2001, und Henning Schulte-Noelle kann den Anteilseignern vorrechnen, dass sich der Allianz-Aktienkurs in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht habe. Dann kommt der großgewachsene Manager mit dem Schmiss auf der Wange zügig auf das Thema zu sprechen, das alle in der Münchner Olympiahalle elektrisiert: die größte Übernahme in der mehr als hundertjährigen Allianz-Geschichte - den Kauf der Dresdner Bank, den der Versicherer drei Monate vorher angekündigt hat. Ein „erstklassiges Institut“, versichert Schulte-Noelle.

Der Münchner Finanzkonzern sei damit „wie kein zweiter im deutschen Markt“ für den Wettbewerb um die Kunden aufgestellt, schwärmt der Mann an der Allianz-Spitze. „Ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte“ werde aufgeschlagen. Die Aktionäre danken es ihm mit überschwänglichem Lob. „Die beste aller denkbaren Alternativen“, sei das Milliardengeschäft, freut sich ein Aktionärsvertreter. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) stellt Schulte-Noelle für seine Großtat gar „olympisches Gold“ in Aussicht.

„Trennen Sie sich von der Bank“

Selber Ort, selber Anlass, sieben Jahre später. Ende Mai 2008 verlangen die Allianz-Aktionäre auf der Hauptversammlung von Schulte-Noelles Nachfolger Michael Diekmann nur noch eines: „Trennen Sie sich von der Bank, sonst werden Sie von der Allianz getrennt“, kalauert einer der Redner. Die Geduld der Aktionäre ist wieder einmal am Ende. Seit der größte deutsche Versicherer die damals zweitgrößte deutsche Bank 2001 übernommen hat, ist die Allianz an der Börse untendurch. Der größte deutsche Finanzkonzern kann tun, was er will, es hilft nichts. Kein anderes deutsches Unternehmen verdiente in den vergangenen Jahren mehr Geld als die Allianz. Doch der Aktienkurs hinkte denen anderer europäischer Versicherer hinterher. Im Zeitraffer geht diese Geschichte einer Enttäuschung so: Erst musste die Bank faule Kredite von mehr als 30 Milliarden Euro abarbeiten, dann keimte Hoffnung auf bessere Zeiten, dann kam die Finanzkrise.

Lange hat Diekmann, der Schulte-Noelle 2003 ablöste, stillgehalten. Und dies, obwohl Allianz-Kenner stark bezweifeln, dass er die Idee seines Vorgängers jemals so richtig gut fand. „Diekmann war kein Freund der Dresdner-Übernahme. Innerlich war er nie davon überzeugt“, sagt ein Beteiligter. Jetzt will der Allianz-Chef, ein kühler Westfale, das Problem Dresdner Bank lösen. Rund 2,5 Milliarden Euro an Wertberichtigungen durch die tobende Finanzkrise sind bei dem Kreditinstitut allein bis Ende März aufgelaufen.

Schulte-Noelle, der heute Aufsichtsratschef der Allianz ist, hat sein Büro gleich ums Eck der Schwabinger Allianz-Zentrale. Der Vorgänger ist noch immer mächtig. Aber er lasse seinem Nachfolger freie Hand, heißt es im Konzern. „Schulte-Noelle lässt Diekmann gewähren, weil er nicht als Bremser dastehen will, der starrköpfig sein Werk verteidigt, und wohl auch aus der Einsicht heraus, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt ein Beteiligter.

Verdrängt: Die Dresdner hat auch positive Seiten

Die Börse sagt dem Allianz-Chef sehr klar, was sie von ihm erwartet: Seit Diekmann im Frühjahr beigedreht hat und zu verstehen gab, das die Dresdner Bank zur Disposition steht, schneidet die Allianz-Aktie besser ab als die einschlägigen Branchenindizes. „Eine Bankrotterklärung“ sei die Kehrtwende des Allianz-Chefs, sagt ein Analyst - aber eine, die alle als gute Nachricht nehmen. Längst hat die Börse verdrängt, dass das mehr als 24 Milliarden Euro schwere Geschäft rund um die Dresdner Bank für die Allianz auch positive Seiten hatte. Die vor allem von Kapitalmarktvorstand Paul Achleitner, einem früheren Investmentbanker von Goldman Sachs, ausgetüftelte hochkomplizierte Transaktion brachte dem Finanzkonzern die alleinige Kontrolle über die zuvor mit der Münchener Rück gehaltenen Allianz Leben und weitere wichtige Versicherer ein. Die Fondsgesellschaft der Bank, der Dit, landete ebenfalls in München.

Im Allianz-Vorstand sind heute drei Männer mit dem Fall Dresdner Bank befasst: Diekmann, Achleitner und Finanzvorstand Helmut Perlet. Zahlreiche Varianten und Namen sind oder waren in der Diskussion - die Commerzbank, BNP Paribas, die Deutsche Bank, Lloyds TSB, Santander und, und, und. Dass Banken in Deutschland auch mitten in der Finanzkrise ganz schnell verkauft werden können, zeigt das Beispiel der Citigroup. Die angeschlagene amerikanische Großbank brauchte nur ein paar Wochen, um mit der französischen Genossenschaftsbank Crédit Mutuel einen Abnehmer für ihr deutsches Privatkundengeschäft zu finden.

Misstrauen im Bankenmonopoly

Dass die Allianz ihr größtes Problem ähnlich schnell lösen wird, gilt mittlerweile aber als unwahrscheinlich. „Wenn es gut läuft, gibt es bis Jahresende eine Lösung“, heißt es in informierten Kreisen. Die Börse ist nicht mehr wählerisch. „Man kann sich kaum eine Lösung vorstellen, die für die Allianz nicht vorteilhaft wäre“, sagt der Manager einer großen deutschen Fondsgesellschaft. Außer, dass Diekmann und Kollegen gar keine Lösung finden. Und das erscheint so manchem Beteiligten in diesen Tagen so unwahrscheinlich nicht. In der vergangenen Woche ist die Krise mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Hypothekenbank Indy-Mac wieder aufgelodert. Das lässt das gegenseitige Misstrauen unter den Teilnehmern des Bankenmonopoly weiter wachsen - Gift für die schwierigen Verhandlungen.

Drei Ziele habe die Allianz in diesem für sie so wichtigen Endspiel am deutschen Bankenmarkt, heißt es in informierten Kreisen. Sie will erstens weiter ihre Versicherungspolicen über Bankfilialen verkaufen. „Der Vertriebskanal Bank soll weltweit und auch in Deutschland möglichst ausgebaut werden“, heißt es. Zweitens soll der Anteil des Kapitals, der im Bankgeschäft gebunden ist, sinken. Ein Dreierbund aus Dresdner Bank, Commerzbank und Postbank, der sondiert wurde, erscheint damit schwierig. Drittens will die Allianz das Wachstum ankurbeln.

Finanzkrise als Chance

Die Palette der Varianten, die der Versicherer auslotet, ist groß. Die Allianz sei beispielsweise offen, die Dresdner Bank gegen Versicherungsgeschäfte im Ausland einzutauschen, heißt es in informierten Kreisen. Diese Option wurde offensichtlich mit der britischen Lloyds TSB ausgelotet, doch daraus wurde nichts. Ein Komplettverkauf der Dresdner Bank sei zudem ebenso vorstellbar wie ein Teilverkauf.

Der Status quo ist dagegen keine Option mehr. Gegenüber der Börse hat sich Diekmann festgelegt, dass die Bank in ihrer heutigen Form keine Zukunft mehr im Konzern hat. Optimisten halten die größte Finanzkrise der vergangenen Jahrzehnte für die beste Chance seit langem, um den Bankenmarkt neu zu ordnen. „Die Köpfe sind jetzt endlich offen. Auf einmal kann man über Lösungen verhandeln, die vorher nicht zur Debatte standen“, sagt einer. Eines der besten Beispiele für dieses Umdenken heißt: Allianz.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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