Société Générale

Bank soll früh von Spekulationen gewusst haben

In diesem Van der Pariser Polizei sitzt mutmaßlich Milliardenspekulant Jérôme Kerviel.

In diesem Van der Pariser Polizei sitzt mutmaßlich Milliardenspekulant Jérôme Kerviel.

28. Januar 2008 Im milliardenschweren Betrugsfall bei der Société Générale gerät die Führung der französischen Großbank zunehmend unter Druck. Das Institut sei schon im November über fragwürdige Transaktionen ihres Händlers Jérôme Kerviel informiert worden, sagte Staatsanwalt Jean-Claude Marin am Montag. Kerviel selbst habe zudem erklärt, bei der Bank sei es wiederholt zu Verstößen gegen die internen Handelsregeln gekommen. Kerviel hat jüngsten Erkenntnissen zufolge mit fast 50 Milliarden Euro jongliert, was lange Zeit unerkannt blieb.

Inzwischen hat ein Gericht ein Verfahren gegen Kerviel eröffnet. Das teilten Kerviels Anwälte am Montagabend in Paris mit. Nach zweitägigem Polizeigewahrsam wurde der 31 Jahre alte Händler unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft hatte Untersuchungshaft beantragt. Das Verfahren wurde unter anderem wegen Verdachts auf Fälschung und Vertrauensmissbrauch eröffnet. Die Richter wiesen damit auch den Antrag der Staatsanwaltschaft zurück, wegen versuchten Betruges zu ermitteln.

Staatsanwalt: Kerviel handelte allein

Kerviels Verteidiger: Christian Charriere-Bournazel  und Elisabeth Meyer.

Kerviels Verteidiger: Christian Charriere-Bournazel und Elisabeth Meyer.

In dem vorliegenden Fall, bei dem der Société Générale ein Schaden von 4,9 Milliarden Euro entstanden sei, habe Kerviel allein gehandelt, hatte zuvor der Staatsanwalt dargelegt. Kerviel habe zugegeben, seit Ende 2005 seine Risikogrenzen überschritten und dies mit falschen Mails und Computerbefehlen vertuscht zu haben. Er gebe an, alleine gehandelt zu haben. Der Händler habe anscheinend die Bank nicht schädigen wollen, aber auf hohe Prämien für Riesengewinne gehofft. Kerviels Anwalt zufolge lagen die Positionen beim Jahreswechsel noch mit 1,5 Milliarden Euro im Plus.

Société Générale-Chef Daniel Bouton bekräftigte unterdessen, sein Rücktrittsangebot liege weiter auf dem Tisch. Er hatte dies schon in der Vorwoche angeboten, der Société Générale-Verwaltungsrat lehnte das aber ab.

„Nicht unter Fusionszwang“

Jérôme Kerviel

Jérôme Kerviel

Wirtschaftsministerin Christine Lagarde erklärte, die zweitgrößte Bank des Landes stehe nicht unter Fusionszwang. Nach Bekanntwerden des Betrugsfalls hatte es Spekulationen gegeben, Société Générale könne von BNP Paribas übernommen werden. An den Finanzmärkten wurde am Montag zudem spekuliert, die britische HSBC könne an Société Générale interessiert sein.

Die Citigoup stufte Société Générale zu Wochenbeginn auf „verkaufen“ von „Kaufen“ zurück und halbierte das Kursziel auf 65 Euro. Der Aktienkurs gab weitere fünf Prozent auf 70 Euro nach. Ein Anwalt von Kleinaktionären erklärte, er habe die Société Générale wegen des Umgangs mit dem Fall verklagt.

Die Terminbörse Eurex warnte nach Angaben von Staatsanwalt Marin die Société Générale schon im November 2007 vor Positionen von Kerviel. Zwar habe die Bank den Händler darauf angesprochen. Kerviel habe aber ein gefälschtes Dokument vorgelegt, das eine Abdeckung der Risiken vorgetäuscht habe. Die Société Générale hatte nach eigenen Angaben bis vor zehn Tagen keine Kenntnis von den nicht genehmigten Geschäften. Erst bei einer Befragung seiner Vorgesetzten sei die Sache aufgeflogen.

Regierung verzögert informiert - Insiderverdacht

Kerviel sagte dem Staatsanwalt zufolge zudem, auch seine Kollegen hätten illegale Geschäfte gemacht. Seit Ende 2005 seien wiederholt interne Beschränkungen zum Handelslimit überschritten worden. In dem vorliegenden Fall habe Kerviel nach eigenen Worten aber allein gehandelt und eingeräumt, seine Geschäfte verschleiert zu haben. Dabei habe der 31-Jährige die Bank nicht schädigen, sondern seine Reputation als Händler aufpolieren wollen. Der Anwalt Kerviels sagte, sein Mandant habe „nicht einen Cent“ für sich genommen. Es gehöre nun einmal zur Arbeit von Händlern, dass sie Risiken eingingen.

Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer erklärte, er habe die Regierung erst mit Verzögerung über den Fall informiert. Damit habe er verhindern wollen, dass durch undichte Stellen vorab Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, während die Société Générale die Geschäfte Kerviels nach dessen Suspendierung abgewickelt habe. Er sei am 20. Januar über die Vorfälle informiert worden und habe die Regierung am 23. Januar in Kenntnis gesetzt. Die Société Générale hatte über den Fall erstmals am 24. Januar berichtet und erklärt, die Positionen seien am 19. und 20. Januar entdeckt und in den Tagen darauf verkauft worden.

Rund hundert Aktionäre reichten Klage bei der Staatsanwaltschaft ein, um dem Verdacht des Insiderhandels und der Kursmanipulation nachzugehen. Die Klage richtet sich laut ihrem Anwalt gegen Unbekannt, zielt aber insbesondere auf das aus Amerika stammende Verwaltungsratsmitglied Robert A. Day. Er hatte am 9. Januar Aktien der Bank im Wert von 85,7 Millionen Euro verkauft, neun Tage, bevor es laut Société Générale einen ernsthaften Verdacht auf die Spekulationen Kerviels gab.

Hunderttausende verborgene Geschäfte

Am Sonntagabend hatte die Bank erstmals Details offen gelegt. Demnach soll Kerviel Positionen im Wert von etwa 50 Milliarden Euro aufgebaut und durch fiktive Transaktionen verborgen haben. Er habe Hunderttausende verborgene Geschäfte abgewickelt und Absicherungen vorgetäuscht, so dass Verluste dem Anschein nach ausgeglichen worden seien, hieß es. Unter anderem soll er zu Jahresbeginn rund 140.000 Dax-Futures gekauft haben. Wegen der jüngsten Talfahrt an den Börsen habe die Bank mit den Terminkontrakten aber massive Verluste eingefahren.

Jetzt muss sich auch Angela Merkel mit dem Milliardenschaden bei der Société Générale befassen. Wenn die Bundeskanzlerin am Dienstag in London mit dem britischen Premier Gordon Brown und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy über die Finanzmarktkrise spricht, geht es auch darum, wie der größte Spekulationsverlust der Geschichte geschehen konnte und wie man künftige Fälle vermeiden kann.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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