Wein-Discounter

„Den Deutschen fehlt es an Trinkkultur“

Kämpft für den guten Geschmack: Alexander Margaritoff

Kämpft für den guten Geschmack: Alexander Margaritoff

06. Oktober 2006 Kämpfer für hochwertigen Wein - so sieht Alexander Margaritoff sich und sein Unternehmen, das Hanseatische Wein- und Sekt-Kontor Hawesko. Zehn Wein-Discount-Geschäfte möchte der Unternehmer bis 2007 eröffnen - und so seinen Beitrag zur Trinkkultur der Deutschen leisten. Im Interview sprach er über Wein aus China, das Comeback des Riesling und seine neuen Discounter.

Herr Margaritoff, Sie preisen jetzt Wein für acht Euro aus China an. Ist das Ihr Ernst?

Ja. In China kennt man Wein seit 9000 Jahren.

Aber man hat in diesen 9000 Jahren wenig davon gehört.

Viele Deutsche schauen beim Weinkauf zuerst auf den Preis - da sind Kopfschmerzen vorprogrammiert

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Das mag sein. Aber es gibt einen schlichten Grund für Chinas Aufstieg als Weinbaunation: Die Anbaugebiete liegen auf denselben Breitengraden wie Bordeaux, die Toskana und das Napa Valley. Das Klima und der Boden sind gut geeignet für Weinbau.

Warum sollen deutsche Kunden Wein aus China kaufen, wenn es guten vor der Haustür gibt?

Zur Abwechslung. Unsere Aufgabe als Versender und Weinhändler ist es, für unsere Kunden neue Weine in der Welt zu finden. Vor 15 Jahren haben wir Chile entdeckt, das vorher keiner als Weinbauland kannte.

Was kommt als nächstes: Kasachstan, Indien, Thailand?

Bulgarien hat beispielsweise eine große Weinbauzukunft. Das Klima und der Boden sind ideal.

Wir kennen bulgarische Weine aus Zwei-Liter-Flaschen mit Schraubverschluß.

Das stimmt. Aber das ändert sich. Wenn westeuropäische Winzer mit Geld und Wissen dort hingehen, wächst eine große Weinbaunation heran. Genau das passiert.

Wein ist ein globales Geschäft?

Ja, eindeutig. Früher haben die Leute Wein aus der Nachbarschaft getrunken. Heute trinken die Deutschen mehr ausländischen als heimischen Wein. Die ganze Wertschöpfungskette globalisiert sich. Französische Winzer kaufen sich in Chile ein, italienische Winzer gehen nach Südafrika. Es gibt Kooperationen mit Australien. Es gibt Flying Winemakers, die in der einen Jahreshälfte in der nördlichen Hemisphäre Wein erzeugen, und im zweiten Halbjahr in der südlichen.

Das sind die Leute, die den Weingeschmack global verflachen.

Ich würde sagen, das Wissen und die Anbaupraktiken verbreiten sich durch die Weinmacher schneller. Und durch den Wissenstransfer erhöht sich die Qualität des Weins weltweit. Es wird bei Blindverkostungen immer schwerer, einen Bordeaux von einem Napa-Valley-Rotwein zu unterscheiden. Der Geschmack verflacht nicht unbedingt. Aber Trends werden schneller aufgegriffen.

Und überall wird plötzlich Chardonnay angebaut?

Ja, genau. Die Homogenisierung des Geschmacks liegt auch an Weinkonzernen wie Constellation, Forsters oder Gallo, die Wein unter einer internationalen Marke zu verkaufen trachten und dafür große Mengen mit einheitlichem Geschmack brauchen. Andererseits werden inzwischen überall auf der Welt hochwertige Weine getrunken. Und überall auf der Welt machen sich junge ehrgeizige Winzer auf, die einfach den perfekten Wein produzieren wollen. Diese Entwicklung wird auch Deutschland erfassen, so hoffe ich.

Warum macht sich Wein aus Deutschland so rar in Ihrem Sortiment?

Er macht sich viel weniger rar als noch vor einigen Jahren. Früher gab es einfach nicht genug gute deutsche Weine. Das hat sich geändert. Außerdem ist deutscher Wein gefragt.

Warum?

Weil er gut geworden ist.

Aber in der Welt wimmelt es doch von guten Weinen.

Ja, aber ein guter deutscher Riesling ist eben etwas Besonderes. Es hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan auf der Seite der Winzer und beim Trink- und Kaufverhalten. Aber es muß noch viel mehr geschehen. Den Deutschen fehlt es noch etwas an Trinkkultur.

Was geben die Deutschen denn im Schnitt für eine Flasche Wein aus?

Zwei Euro.

Gibt es überhaupt guten Wein für zwei Euro?

Ja, aber es gibt viel besseren für zehn Euro. Teurer als fünf Euro sind in Deutschland nur fünf Prozent des verkauften Weins.

Und Sie arbeiten daran, daß das jetzt zehn Prozent werden?

Wir sind schon dafür verantwortlich, daß es wenigstens fünf Prozent sind. Keiner hat in den letzten 20 Jahren mehr für hochwertigen Wein gekämpft als wir. Die Deutschen stecken ihr Geld lieber in Autos und Urlaub.

Und deshalb resignieren Sie und eröffnen jetzt eine Kette für Billigwein.

Falsch. Der Wein in unseren neuen Multiwein-Fachmärkten wird von 2,50 bis 4 Euro kosten. Und er liegt damit über dem Schnitt. Wir müssen es den Kunden leichtmachen, die Erlebniswelt Wein zu verstehen. Wein ist ein Kulturgut. In Frankreich verabschieden sich die Leute zu einer dreistündigen Mittagspause, in der sie Wein trinken.

Machen Ihre Mitarbeiter auch drei Stunden Mittag und bekommen Wein in der Kantine?

Sie haben keine drei Stunden Mittagspause. Aber sie bekommen freitags jedesmal einen anderen Wein im Ausschank und fachsimpeln dann in der Teeküche. Das ist gut so. Die Deutschen sollten ihren Sinn fürs Kulinarische schärfen.

Wie paßt das zum Billigladen?

Gut. Es bleibt uns nichts anderes übrig in diesem Aldi-Land, als die Kunden mit günstigen Preisen zu locken. Discounter verkaufen sechs von zehn Flaschen Wein. In keinem anderen Land ist Wein billiger.

Also ist Multiwein ein Wein-Aldi?

Klares Nein. Wir machen ein Ladengeschäft für Wein, wo Sie 220 Weine mit einem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis finden. Bei Discountern finden Sie nicht einmal ein Zehntel des Angebots.

Findet man guten Wein beim Discounter?

Das kann passieren. Aber man kann auch schlimm danebenliegen. Fragen Sie dort mal, ob Sie den Wein vor dem Kauf testen dürfen. Und versuchen Sie mal, angebrochenen Wein umzutauschen, wenn er Ihnen nicht gefällt.

Nehmen Sie Wein anstandslos zurück?

Ja, zudem wissen unsere Mitarbeiter in den Multiwein-Geschäften Bescheid. Sie helfen Ihnen, den richtigen Wein zu finden. Dazu haben wir eine Weinriechbar und ein Kundenführungssystem, das es einfach macht, den besten Tropfen zu finden.

Wo wird es Multiwein geben?

Nach dem Auftakt in Münster wollen wir Läden in Köln, Zwickau, Berlin und Hamburg eröffnen. Ende 2007 sollen es zehn sein.

Schaden Sie mit Multiwein nicht Ihrer Kette Jacques' Wein-Depot oder ihrem Versender Hawesko?

Im Gegenteil. Multiwein wird auch Menschen zum Wein bringen, die noch gar nicht wissen, daß sie Weinliebhaber sind. Wenn sie später mehr Geld ausgeben möchten, können sie sich in Jacques' Wein-Depot neue Geschmackswelten erschließen oder sich Wein von uns schicken lassen. Und der Wein im Restaurant oder im Feinkosthandel kommt auch oft von uns.

Sie haben Vertriebsformen für jeden Geschmack und jedes Portemonnaie?

Ja. Es gibt das Phänomen: Man trinkt seinen Lieblingswein, bis man mal einen besseren Tropfen testet. Danach fällt es schwer, wieder zurückzugehen. Genießer trinken sich qualitativ und preislich nach oben. Selbst in wirtschaftlich schlechteren Jahren trinken die Leute dann nicht schlechtere Weine, sondern weniger. Darauf haben wir uns eingestellt.

Sind die Zeiten für Weinhändler gut?

Ja. Jacques' Wein-Depot wächst kräftig und wird deshalb in diesem Jahr noch 15 Geschäfte zu den bisher 250 Geschäften eröffnen. Im Großhandel sind wir sogar zweistellig gewachsen. Unsere Kunden, die Gastwirte, müssen ihre Keller wieder auffüllen. Ihnen geht es besser, seit die Bürger wieder essen gehen.

Inzwischen findet man ein paar tausend Weine auf Ebay. Bedroht das Internet ihr Versandgeschäft?

Nein. Würden Sie Wein von einer unbekannten Adresse kaufen? Von der Sie nicht wissen, wer dahintersteckt? Zudem schützen uns Exklusivitäten.

Das müssen Sie erklären.

Die besten Weinerzeuger wie die Rothschilds in Frankreich, Antinori in Italien oder Penfolds in Australien haben uns als ihren Exklusivimporteur ausgewählt. Wir sind im Einzelhandel, im Versand und als Lieferant von Restaurants Marktführer. Wir haben 30 Einkäufer, die durch die Welt reisen, um für unsere Kunden den besten Tropfen zu finden. In aller Bescheidenheit: In keiner anderen Firma der Welt ist so viel Weinwissen gebündelt wie in unserer Firma.

Der Wein-Konzern

Jacques' Wein-Depot ist mit 250 Filialen die bekannteste Marke des Weinkonzerns. Auch der Versender Hawesko, der dem Konzern den Namen gibt, gehört dazu. Alexander Margaritoff ist seit 1981 Vorstandschef und hält rund 30 Prozent der Anteile an der börsennotierten Gesellschaft. Für Hawesko arbeiten 570 Mitarbeiter, die dieses Jahr mehr als 300 Millionen Euro erwirtschaften werden. Zum Konzern gehören die Großhändler CWD und Wein Wolf, der Premium-Anbieter Carl Tesdorf sowie der Weinclub "VinoSelect". Jüngster Sproß ist der jetzt eröffnete Discounter Multiwein.

Das Gespräch führten Peter Badenhop und Winand von Petersdorff.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006, Nr. 39 / Seite 39
Bildmaterial: ddp, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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