Von Tobias Piller
04. April 2008 Nachdem der Air- France-Chef Jean-Cyril Spinetta die Verhandlungen über die Übernahme von Alitalia abgebrochen hat und wieder nach Paris abgeflogen ist, bleibt Italiens staatlich kontrollierte Fluglinie Alitalia ohne Zukunftsperspektiven. Die flüssigen Mittel sind wohl spätestens im Juni zu Ende, und weitere Kaufinteressenten gibt es im Moment nicht. Nur Silvio Berlusconi hat im Wahlkampf gesagt, nach einem Wahlsieg werde er sich einsetzen, italienische Unternehmer von Investitionen in Alitalia zu überzeugen. Doch die Gewerkschaftsvertreter geben sich weiterhin überzeugt von ihrer Handlungsweise und ihren Prinzipien. Das Angebot von Air France, grob gesagt mit guten Überlebenschancen für drei Viertel der historischen Staatsfluglinie, lehnten die Gewerkschaften als entwürdigend ab und verlangten von den Franzosen die Übernahme aller Aktivitäten.
Die Verantwortung für die Zukunft der Fluglinie sieht der Sprecher einer Pilotengewerkschaft ohnehin bei der italienischen Regierung: "Wir sind schließlich wichtig für Italien", sagt er. "Nur wir sorgen für Verbindungen zwischen Italiens Regionen und für die Anbindung von Italien an den Rest der Welt." Daraus wird aber nicht etwa eine Verpflichtung abgeleitet, mit möglichst guten und preiswerten Flügen der nationalen Volkswirtschaft zu dienen. Vielmehr ist dies für die radikalen Vertreter der Arbeitnehmer eine willkommene Gelegenheit, nicht nur die eigenen Arbeitgeber, sondern das ganze Land zu erpressen. Früher hatten schließlich Streiks bei Alitalia das Wirtschaftsleben behindert, etwa die Verbindungen zwischen den beiden Zentren Mailand und Rom, auf der am meisten beflogenen Route Europas. Oder die Touristenorte mussten sich sorgen um ihre Gäste und die italienischen Regierungen bitten, so bald wie möglich nachzugeben.
Gewerkschaften sehen den Staat in der Pflicht
Dass in den vergangenen Jahren auch in Italiens Flughäfen die privaten Konkurrenten angekommen sind oder dass die Europäische Kommission inzwischen längst ein Verbot staatlicher Subventionen für die Fluglinien verhängt hat, kümmert die Gewerkschaften nicht. Aus ihrer Sicht ist das Weiterbestehen von Alitalia ein Problem für die ganze Nation. Für Guglielmo Epifani, Chef der größten italienischen Gewerkschaft CGIL, ist das Scheitern der Verhandlungen mit Air France "eine Niederlage für das ganze Land". "Für zu lange Zeit wurde der Fall Alitalia schuldhaft verschleppt, womit das Unternehmen in die gegenwärtige Zwangslage gebracht wurde, bis es nun von Berlusconi auch noch zum Wahlkampfobjekt gemacht worden ist."
Die Stellungnahmen der Gewerkschaften, abgefasst im Duktus des traditionellen "Sindacalese", dem Gewerkschaftsjargon, gehen nicht auf die Verantwortung der Arbeitnehmerorganisationen ein, die immer wieder Mitglieder zu gewinnen suchten, indem sie noch radikalere Forderungen stellten als die Konkurrenten. Deshalb war es den wechselnden Alitalia-Chefs unmöglich, den Personalbestand spürbar zu verringern oder etwa die Arbeitszeiten von Flugbegleitern und Piloten zu verlängern. Der Betrieb des Flugdrehkreuzes am Mailänder Flughafen Malpensa und die dicken Regelwerke für die Arbeitszeit bedeuteten, dass Piloten und Flugbegleiter vor dem Arbeitseinsatz auf interkontinentalen Verbindungen erst einmal nach Mailand gebracht und mit einem Hotelzimmer ausgestattet werden mussten, natürlich unter Anrechnung der Anreisezeit auf die Arbeitsstunden. Obwohl Streiks und hinhaltende Proteste während der vergangenen Jahre jeden der vielen Sanierungspläne zur Makulatur gemacht haben, meint etwa der Chef der drittgrößten Gewerkschaft UIL, Luigi Angeletti, die Krise habe ihren Grund in der "mangelnden Fähigkeit der Manager". Konsequenterweise wird sofort ein Treffen von Gewerkschaften mit Vertretern der Regierung gefordert und übergangsweise großzügig eine Art runder Tisch für die gemeinsame Verwaltung des Unternehmens angeboten.
Die Politiker stehen aus Sicht der Alitalia-Gewerkschaften schließlich gleich aus mehreren Gründen in der Pflicht. Zum einen herrscht Wahlkampf für die Parlamentswahlen und für das Bürgermeisteramt in Rom. Die meisten der gut 20 000 Alitalia-Mitarbeiter leben mit ihren Familien in der Hauptstadt und gelten als Wahlpotential von 50 000 Stimmen und mehr. Zum anderen haben die Politiker die Staatsfluglinie jahrelang als Pfründe benutzt, um Gefolgsleute mit einem Job beim Bodenpersonal zu versorgen oder Freunde bei der Einstellung als Flugbegleiter zu begünstigen. Auch die Vergabe von Dienstleistungsaufträgen konnte interessant gestaltet werden, weshalb es nach italienischen Zeitungsberichten viele teure Kleinaufträge für viele Freunde gibt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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