Übernahmekampf beendet

Conti und Schaeffler einig, Wennemer geht

Schaeffler kommt, Conti-Chef Wennemer geht

Schaeffler kommt, Conti-Chef Wennemer geht

21. August 2008 Die Übernahmeschlacht zwischen der Schaeffler-Gruppe und dem Autozulieferer Continental ist beendet. Wie Conti am frühen Donnerstagmorgen erklärte, schloss das Unternehmen eine weitreichende Investorenvereinbarung mit der Schaeffler KG ab. Schaeffler erhöht den Angaben zufolge seinen Angebotspreis von 70,12 Euro auf 75,00 Euro je Continental-Aktie. Schaeffler erklärt, sich innerhalb der nächsten vier Jahre auf eine Minderheitsbeteiligung von bis zu 49,99 Prozent zu beschränken. Sollte Schaeffler bis dahin Aktienpakete verkaufen wollen, kann der als Garant für Aktionärs- und Arbeitnehmerinteressen ausgewählte Altbundeskanzler Gerhard Schröder über den Käufer entscheiden. Zum Ausgleich für Steuer- und Finanzierungsnachteile zahlt Schaeffler Conti der Vereinbarung zufolge bis zu 522 Millionen Euro.

Die Hannoveraner müssen künftig ohne ihren Vorstandschef Manfred Wennemer auskommen. Der Manager hat den Aufsichtsrat gebeten, ihn zum 31. August von seinem Amt zu entbinden. Das Kontrollgremium stimmte der Bitte zu. Wie es hieß, soll Schaeffler zum Schutz der Interessen der Arbeitnehmer ohne Zustimmung des Conti-Vorstands keine Maßnahmen treffen, die auf eine Änderung von Betriebsvereinbarungen oder tarifvertraglichen Vereinbarungen abzielten. Bestehende Rechte von Mitarbeitern, Betriebsräten und Gewerkschaften würden respektiert.

Die Offerte laufe noch bis zum 16. September, teilte Schaeffler mit. Nennenswerte kartellrechtliche Schwierigkeiten erwarte man nicht. Unmittelbar nach Vollzug des Übernahmeangebots werde damit begonnen, „nach dem Grundsatz eines gleichberechtigten Miteinanders“ Möglichkeiten strategischer Kooperationsprojekte zwischen Schaeffler und Conti - insbesondere im Bereich Powertrain (Antriebsstrang) - zu prüfen. Schaeffler werde die bisherige Strategie und Geschäftspolitik des Conti-Vorstands unterstützen und keine Verkäufe oder sonstige wesentliche Strukturmaßnahmen verlangen.

IG Metall weint Wennemer keine Träne nach

Die IG Metall hat die nächtliche Einigung begrüßt und sieht darin auch neue Chancen für die Arbeitnehmer und das Unternehmen. In der Vereinbarung hätten für die Arbeitnehmer wichtige Eckpunkte verbindlich geregelt werden können, erklärte IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine. „Damit ist der Grundstein für eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem neuen Großaktionär gelegt.“ Der Konzern bleibe in seiner Struktur erhalten und zudem garantiere die Schaeffler-Gruppe den Erhalt der Standorte und Arbeitsplätze bis mindestens 2014, hob die IG Metall hervor. Die paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat sei gesichert.

Zum Rücktritt Wennemers verwies Meine auf die wiederholten heftigen Konflikte um den Erhalt von Jobs und Standorten. „Die Interessen der Beschäftigten wurden häufig mit Füßen getreten, insofern weinen die Arbeitnehmer Herrn Wennemer keine Träne nach.“ Der stellvertretende Vorsitzende des Conti-Aufsichtsratsvize Werner Bischoff (IG BCE) lobte Wennemer: „Für die Arbeitnehmervertretungen war Herr Wennemer ein harter, aber berechenbarer Verhandlungspartner.“ Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger lässt sich zitieren: „Wir respektieren die Entscheidung, hätten aber gerne weiter mit ihm zusammen gearbeitet.“

Vier Aufsichtsratsmandate für Schaeffler?

Informierten Kreisen zufolge strebt die Schaeffler-Gruppe vier Aufsichtsratsmandate an. Das sagten mehrere mit der Situation vertraute Personen am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Unklar sei aber noch, ob Schaeffler auch den Vorsitz des Kontrollgremiums beansprucht. Der Conti-Aufsichtsrat will Aufsichtsratskreisen zufolge bereits an diesem Wochenende zusammentreten. Möglicherweise soll schon bei dieser Sitzung ein Nachfolger für Wennemer berufen werden. Als Favoriten gelten die Conti-Vorstände Alan Hippe (41) und Karl-Thomas Neumann (47).

Wennemer sieht im neuen Kapitel der Unternehmensgeschichte für sich selbst keinen Platz mehr. „Erhobenen Hauptes“ so viel wie möglich für Conti herausholen bei den Verhandlungen mit Schaeffler - das war sein Ziel gewesen, wie es in Hannover hieß. Mit seiner harschen Kritik am Vorgehen der Schaeffler-Gruppe hatte sich Wennemer keine Freunde gemacht bei der Schaeffler-Führung um Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler und Geschäftsführer Jürgen Geißinger. In einer „Brandrede“ hatte Wennemer Mitte Juli eine harte Gegenwehr gegen die drohende Übernahme angekündigt und gewettert, das Vorgehen der Franken sei „egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“. Schaeffler habe sich über Finanzgeschäfte, Swap-Geschäfte, rechtswidrig an Conti „herangeschlichen“. Der angebotene Preis sei viel zu niedrig. Und: „Continental würde Schaeffler nützen, Schaeffler aber nicht Continental.“

Bafin: Kein Verstoß gegen Meldepflichten

Die Finanzaufsicht Bafin teilt jedoch am Donnerstag nach einmonatiger Prüfung mit, sie sehe keinen Grund für einen Verbot der umstrittenen Derivate-Geschäfte, mit denen sich die Schaeffler-Gruppe Zugriff auf bis zu 36 Prozent der Conti-Aktien sichern könnte. Schaeffler habe nicht gegen Meldepflichten verstoßen. Schaeffler habe auch kein Pflichtangebot abgeben müssen. Daher habe die Aufsicht im Ergebnis keine Möglichkeit einzugreifen. Conti hatte die Bafin aufgefordert, die Derivate-Geschäfte von Schaeffler zu untersagen.

Autoindustrie drängte auf friedliche Einigung

Schaeffler hatte sich eine gute Ausgangsposition bei der Conti verschafft, so dass die Übernahme am Ende nicht mehr zu verhindern war. Schaeffler hält aktuell bereits acht Prozent an Conti und hat nach eigenen Angaben über die Finanzgeschäfte Zugriff auf weitere 28 Prozent. Mögliche Abwehrwaffen von Conti gegen eine Übernahme blieben zudem im Arsenal. Dies anscheinend auch, weil die Suche nach einem „weißen Ritter“, einem freundlich gesonnenen Großinvestor, nicht von Erfolg gekrönt war. Zudem machte die Autoindustrie Druck für eine friedliche Einigung. VW-Chef Martin Winterkorn etwa sprach sich früh grundsätzlich für ein Zusammengehen der Zulieferer aus.

Außerdem gab es in der Conti-Führung erheblichen Streit über die Verhandlungstaktik. Dabei kam es angeblich zum Zerwürfnis zwischen Wennemer und dem einflussreichen Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg. Von Grünberg favorisierte anscheinend von Anfang an eine friedliche Einigung.

Aktie dürfte im Dax notiert bleiben

Der Conti-Aktie droht nach Einschätzung von Experten auch für den Fall einer rund 50-prozentigen Beteiligung von Schaeffler kein Abstieg aus dem Dax. „Es wäre nach derzeitigem Stand ein Festbesitz von 83 Prozent nötig, damit Conti den Dax verlassen müsste“, sagte LBBW-Analystin Anke Platzek. Nach Angaben ihres Kollegen Jörg Rahn von MM Warburg bleiben 50 Prozent des Aktienkapitals breit gestreut, falls Schaeffler die angestrebte Marke erreicht. Ein rund 50-prozentiger Streubesitz entspreche einer Marktkapitalisierung von rund sechs Milliarden Euro. „Für einen Abstiegsplatz wären im Moment rund drei Milliarden Euro nötig“, rechnete Platzek vor.

Text: tor./FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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