Telekommunikation

Der Anfang vom Ende der Marke Arcor

Von Johannes Winkelhage

19. Mai 2008 Jetzt tickt die Uhr. Nach der Übernahme der ausstehenden Anteile am Festnetzanbieter Arcor durch Vodafone ist es nur noch einen Frage der Zeit, bis die Marke Arcor verschwindet. Damit geht der letzte, bisher einigermaßen selbständig betriebene Rest der ehemaligen Telefonsparte des Mannesmann-Konzerns endgültig in Vodafone auf - acht Jahre nach dem zähen Kampf um die Mannesmann AG. „Wir werden die Marke Arcor dann vom Markt nehmen, wenn das DSL-Wachstum nachlässt. Bis dahin aber wollen wir die Zuwächse von Arcor nicht gefährden“, sagt Fritz Joussen, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Vodafone Deutschland. „Das könnte in einigen Jahren so weit sein.“

Die Uhr tickt aber nicht nur für die Marke Arcor. Auch für einen guten Teil der Mitarbeiter bedeutet das Zusammengehen zumindest die Gefahr, dass ihre Stelle gestrichen wird - glauben viele. Vor allem in der Verwaltung von Arcor in Eschborn, wo rund 1300 der etwa 3700 Mitarbeiter beschäftigt sind, haben die Angestellten ein mulmiges Gefühl. Auf der mittleren Führungsebene herrscht Unsicherheit und viele schauen sich nach neuen Arbeitgebern um. Jüngste Meldung vom Montag: Martin Glock, bisher bei Arcor als Bereichsleiter für Recht und Regulierung zuständig, wechselt zum Wettbewerber BT nach München.

Wachstumsunternehmen, keine Sanierungsfälle

Joussen versucht die Bedenken der Belegschaft zu zerstreuen: „Sicher. Wir werden die Netze der Unternehmen integrieren und auch den gesamten Kundendienst zusammenlegen. Also wird sich eine Mehrheit der Beschäftigten auf eine Veränderung ihrer Aufgaben einstellen müssen - Veränderungen wird es aber in beide Richtungen geben, von Arcor zu Vodafone wie von Vodafone zu Arcor. Aber: Hier kommen zwei Wachstumsunternehmen zusammen und keine Sanierungsfälle“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir wollen gemeinsam wachsen. Deshalb gibt es keine Pläne für betriebsbedingte Kündigungen.“ Allerdings müssen die Mitarbeiter flexibel und motiviert sein, um sich auf die neue Struktur und teilweise auch neue Aufgaben einzustellen“, fügt er hinzu und betont: „Ich bin zuversichtlich, Vodafone wird in fünf Jahren mehr Mitarbeiter in Deutschland haben als heute.“ Bisher beschäftigen Arcor und Vodafone gemeinsam rund 15.000 Mitarbeiter, der Umsatz der Gruppe erreicht in Deutschland rund 10 Milliarden Euro im Jahr.

Von dem Umbau werden nach Angaben von Joussen wahrscheinlich alle Mitarbeiter von Arcor, aber auch viele von Vodafone betroffen sein. „Natürlich müssen wir auch sparen und den Kaufpreis für die zugekauften Anteile wieder verdienen. Das fällt uns jetzt aber leichter. In der Telekommunikation sind Größe und Skaleneffekte sehr wichtig. Dabei wollen wir unsere gute Position im Mobilfunk nutzen, um mehr Festnetzkunden zu gewinnen.“

Große Ambitionen für Vodafone

Joussen freut sich zudem über den Kaufpreis, der deutlich niedriger ausgefallen ist, als Branchenbeobachter noch vor Jahresfrist geglaubt hatten. „Wir haben die Anteile jetzt um deutlich mehr als 100 Millionen Euro preiswerter bekommen als noch vor einem Jahr gedacht. Insofern gibt es keinen Druck, Schnellschüsse zu starten oder schnelle Effekte bei Personalkosten erreichen zu müssen.“

Dennoch hat die Möglichkeit, Arcor komplett zu integrieren, Vodafone fast eine halbe Milliarde Euro gekostet. Der Konzern zahlt 474 Millionen Euro in bar für die ausstehenden 26,4 Prozent der Anteile. Davon erhält die Deutsche Bahn (18,2 Prozent) 327 Millionen Euro. Die Deutsche Bank kann sich immerhin über 147 Millionen Euro für ihre 8,2 Prozent an Arcor freuen.

Für Joussen steht jetzt das Wachstum im Vordergrund: „Im Telekommunikationsmarkt der Zukunft geht es um Größe. Es werden in Deutschland neben der Telekom wahrscheinlich noch zwei Unternehmen übrig bleiben“, erwartet Joussen und lässt keine Zweifel daran, dass er mit Vodafone dazugehören will. „Wir haben große Ambitionen und wollen am DSL-Markt einen Anteil von 20 Prozent.“ Derzeit liegt dieser bei rund 13 Prozent.

Alte Mannesmann-Strategie kommt zu neuen Ehren

Das Konzept, die Marke Arcor auf Vodafone zu übertragen hat durchaus gute Gründe. So zeigte eine Studie der Marktforschung Millward Brown jüngst, das die Marke Vodafone auf international Platz elf und Platz zwei in Europa rangiert - Werte, mit denen Arcor nicht konkurrieren kann.

Damit werden gewissermaßen uralte Pläne reaktiviert. Ganz nebenbei kommt nämlich die ursprüngliche Mannesmann-Strategie zu neuen Ehren. Vodafone und vor allem Fritz Joussen verfolgen seit rund zwei Jahren das Konzept eines integrierten Telefonanbieters - wie es schon zu Zeiten von Klaus Esser in die Mannnesmann-Pläne geschrieben wurde. Damals waren die Anstrengungen, einen Vollsortimenter im Telefongeschäft zu etablieren, aber eher zaghaft - und das Mobilfunkgeschäft hieß noch Mannesmann-Mobilfunk - oder schlicht D2. Zeiten an die sich Joussen noch gut erinnert: „Es kommt einem schon etwas vor wie ein Déjà-vu. Aber jede Idee hat ihre Zeit.“

Arcor wird zur Perle

In den ersten Jahren nach dem Kauf von Mannesmann favorisierte Vodafone jedoch einen Börsengang von Arcor. Das Unterfangen kippte aber, obwohl der Börsenprospekt schon erstellt war, angesichts der eingetrübten Börsenstimmung im Jahr 2001. Lange noch hingen seither die fertig gedruckten Werbeplakate für die Arcor-Aktie im Büro von Harald Stöber, dem Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens. Er soll Arcor, wenn es nach Joussen geht, auch weiter führen. Im Jahr 2004 versuchte Vodafone dann, Arcor zu verkaufen. Das scheiterte jedoch, da kein Investor bereit war, den Kaufpreis von mehr als einer Milliarde Euro zu zahlen.

Heute aber wird Arcor zur Perle. Der britische Konzern will das Konzept europaweit umsetzen: „Deutschland könnte zu einer Art Blaupause werden für die künftige Entwicklung von Vodafone in Europa“, hofft Joussen, der seit Mitte des Jahres 2007 im Global Innovation Board des Konzerns sitzt. Einem Gremium, das das Ziel von Konzernchef Arun Sarin umsetzen soll, Vodafone zum Komplettanbieter umzubauen. Nicht nur in Deutschland.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

 
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