Branchen (7): Papierindustrie

Zeitungen, Milchkartons und Geldscheine sind immer gefragt

Von Robert von Lucius, Stockholm

24. August 2005 Malhefte und Toilettenrollen, Geschenkpapier zu Weihnachten und Kartons für den Umzug, Geldscheine und der Ikea-Katalog - mit 160 Millionen Jahresauflage das auflagenstärkste kostenfreie Druckwerk der Welt - und natürlich täglich die Zeitung: Mit kaum einem anderen Produkt kommt ein Mensch so intensiv in Kontakt wie mit Papier.

Kaum ein anderes wird als so selbstverständlich betrachtet. Mit dem Vordringen der elektronischen Kommunikation sagten viele dem Papier einen Rückgang in der Bedeutung voraus. Das Gegenteil ist der Fall: Der jährliche Papierverbrauch steigt.

Die Papierbranche bleibt im Wachstum

In Europa blieb Deutschland 2004 mit Abstand größter Erzeuger, in der Welt auf Rang fünf nach den Vereinigten Staaten, China, Japan und Kanada. Dabei schnitten die deutschen Hersteller von Papier, Karton und Pappe im Umsatz auch 2004 besser ab als die Gesamtwirtschaft. Getragen wird die Branche vom Export.

Zugleich ist die Bundesrepublik nach den Vereinigten Staaten zweitgrößtes Importland der Welt. Die Einfuhren, vorwiegend Zellstoff als Vorprodukt zum Papier, kommen zu je einem Fünftel aus Finnland und Schweden. Auch langfristig bleibt die Papierindustrie eine Wachstumsbranche. Dabei ist Papier stärker als manch andere Industrie abhängig von der Wirtschaftskonjunktur. Dessen Wohlergehen gilt als „absolute Frühzyklus-Branche“, als früher Indikator für einen Aufschwung.

Die Maschinen sind viel teurer als die Mitarbeiter

Bei schwacher Konjunktur sinken Werbeetats der Firmen. Es werden weniger Broschüren, weniger Anzeigen in Zeitschriften und Zeitungen gedruckt, deren Umfänge folglich schrumpfen. Bei weniger Einkäufen muß weniger verpackt werden. Nach dem Hoch im Jahr 2000, als die Maschinen bei voller Kapazität liefen und die Industrie Preissteigerungen bis zu 20 Prozent durchsetzte, schwächte sich die Produktion ab. Nun steigt sie wieder, was aber noch nicht auf einen breit angelegten Aufschwung hindeutet.

Die Papierindustrie ist ein Paradebeispiel für Globalisierung. Große Konzerne investieren derzeit vorwiegend in Lateinamerika und Asien. Bei dieser Verlagerung geht es weniger als anderen Herstellern um Löhne. Die Industrie ist eine Hochtechnologiebranche, in der neben Rohstoffen die Maschinen die weitaus größten Kostenfaktoren sind und wenige, aber hochausgebildete Mitarbeiter benötigt werden.

Umweltschützer kritisieren den Energieverbrauch

Wenn Weltkonzerne wie die finnisch-schwedische Stora Enso große Zellstoffwerke in Brasilien bauen, geht es um Transportkosten sowie um die Nähe zum wichtigen Rohstoff Holz. Von Lateinamerika geht der Zellstoff weiter an Papierfabriken etwa in China und Rußland, wo der Papierverbrauch steigt. Umweltschützer beklagen indes die Verlagerung und den steigenden Verbrauch, wobei Deutsche täglich nur zwei Drittel des Papierbedarfs der Finnen verbrauchen.

Die Industrie trage so dazu bei, behaupten Umweltgruppen zum Schutz des Regenwaldes, daß in ärmeren Ländern Wälder und Ackerland im Umfeld großer Zellstoffabriken verlorengehen - zu Lasten rasch nachwachsender Plantagen aus Nadelholz oder Eukalyptus, deren Pestizide Böden und Gewässer belasteten. Auch im Westen kritisieren Umweltschützer und Forscher die Industrie: Abwässer schwedischer Zellstoffabriken etwa belasteten die Ostsee mit Dioxin; und sie benötige übermäßig viel Energie.

Deutsche vorbildlich in der Altpapiernutzung

Der Verband Deutscher Papierfabriken (VDP) weist darauf hin, daß die deutsche Papierindustrie - obwohl ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt unter einem Prozent liegt - zu den fünf energieintensivsten Branchen zählt. Ansonsten aber sieht sich die Industrie als Umweltschützer. Zum einen nutzt etwa das im Vorjahr eröffnete Zellstoffwerk Stendal, mit dem sich die deutsche Zellstoffproduktion 2005 innerhalb von zwei Jahren auf 1,4 Millionen Tonnen nahezu verdoppelte, Durchforstungsholz aus der Waldpflege sowie Sägenebenprodukte. Daher trage, so der VDP, die deutsche Zellstoff- und Papierindustrie zur Pflege des Waldes bei.

In einem weiteren Punkt ist die deutsche Papierindustrie vorbildlich: in der Nutzung von Altpapier. Zeitungsdruckpapier sowie Pappe und Karton zur Verpackung werden fast ausschließlich aus eingesammeltem Altpapier hergestellt, Hygienepapier immerhin noch zu gut vier Fünfteln. Zwei Drittel der Papier- und Kartonproduktion aus deutschen Fabriken beruhen auf Altpapier, mehr als der westeuropäische Durchschnitt mit 47 Prozent.

Spezialpapiere aus deutschen Familienbetrieben

Der VDP vertritt gut hundert Mitglieder mit 134 Produktionsstätten in Deutschland, in ganz Europa gibt es weit mehr als tausend Papiermühlen. Die Stärke und Vielfalt der deutschen Papierindustrie liegt in Nischenmärkten: Spezialpapiere, Feinstpapiere, Zeitschriftenpapiere. Diese sind oft in Familienhand in mittelständischen Betrieben; zu den umsatzstärkeren zählen Felix Schoeller in Osnabrück und die Papierfabrik Palm in Aalen; zu den Spezialherstellern die Papierfabrik Louisenthal in Gmund für Geldscheinpapier. Dagegen sind die großen deutschen Werke für gängige graphische Papiere (vor allem für Zeitungen) fest in finnischer und schwedischer Hand.

Bei Verpackungspapieren ist die Vielfalt ausländischer Eigner etwa auch aus den Niederlanden und Österreich etwas größer. Die großen Eigentümerkonzerne sind die finnisch-schwedische Stora Enso (Feldmühle, Maxau), die finnische UPM-Kymmene (Haindl), die schwedische SCA (SCA Hygiene Products), der finnische Familienbetrieb Myllykoski (MD-Papier) und die schwedische M-Real (Zanders, Stockstadt). Auch Norweger (Norske Skog mit Walsum) und Südafrikaner (Sappi mit Alfeld und Ehingen) sind engagiert.

Weniger Zeitungspapier in den Vereinigten Staaten

Der Konzentrationsprozeß ist stark: Die fünf größten Papierhersteller deckten 1996 ein Fünftel des Weltmarktes ab, heute mehr als die Hälfte. Auch wenn sie derzeit stärker auf Lateinamerika und Asien setzen, investieren europäische und südafrikanische Eigner in deutsche Tochtergesellschaften hohe Summen, um energie- und umweltschonendere Maschinen einzusetzen. Dabei reizten bei Großinvestitionen in den neuen Bundesländern wie in Stendal Fördergelder der EU.

Dagegen ist die amerikanische Papierindustrie, die mit International Paper den Weltmarktführer stellt, auch auf ihrem Heimatmarkt wenig investitionsfreudig und zehrt von der Substanz. Der Verbrauch von Zeitungspapier in den Vereinigten Staaten sinkt seit zwei Jahren, wohl nicht nur konjunkturell bedingt. In Kanada kommt der starke kanadische Dollar hinzu, und der Welt größter Zeitungspapierhersteller - die kanadische Abitibi Consolidated - leidet unter starken Strompreissteigerungen.

Starke Nachfrage aus Mittel- und Osteuropa

In Europa klagt vor allem die finnische Papierindustrie über hohe Kosten. Sie glaubt, mit einem für sie günstigen Ausgang eines sieben Wochen dauernden Tarifkonflikts, der das Papierangebot in Europa verknappt hat, Spielraum gewonnen zu haben. Ein führender finnischer Unternehmer lobte unlängst seine deutschen Tochtergesellschaften: Die Personalkosten seien mit 53 Euro je Tonne Papier halb so hoch wie in Finnland, die Beschäftigten seien sich - anders als die Finnen - nicht zu fein, nach der Arbeit aufzuräumen und sauberzumachen.

Nach drei Krisenjahren spüren deutsche Fabriken so etwas wie Besserung: Der Umsatz steigt, der Papierpreis fällt zumindest nicht mehr. Das bewegt auch UPM, den Bau einer neuen Papiermaschine mit einer Kapazität von 400.000 Tonnen anzukündigen - entweder bei einer ihrer Papiermühlen in Augsburg oder in Schongau oder in Frankreich. Dabei setzen sie auf die starke Nachfrage aus Mittel- und Osteuropa: Während der Inlandsabsatz 2004 um ein Prozent stieg, wuchs die Nachfrage aus dem Osten um fast 38 Prozent.

Text: F.A.Z., 20.08.2005
Bildmaterial: F.A.Z.

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