Mattel

Schon wieder Bleifarbe in Spielzeug

Von Claus Tigges und Christoph Hein

Mattel ruft Spielzeugautos des Typs “Sarge“ zurück

Mattel ruft Spielzeugautos des Typs "Sarge" zurück

15. August 2007 Die führenden Spielzeughersteller der Welt werden nervös. Während das Weihnachtsgeschäft naht, spitzt sich die Krise um giftige Spielwaren aus China zu. Der Weltmarktführer, der amerikanische Hersteller Mattel Inc., hat am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen in China gefertigtes Spielzeug zurückgerufen. Mehr als 80 Prozent des Spielzeugs der Welt werden inzwischen in Chinas Fabriken hergestellt.

Der neue Rückruf betreffe das Spielzeugauto „Cars Sarge“, das zwischen Mai und August dieses Jahres verkauft worden sei, teilte Mattel mit. Wie schon bei dem Rückruf Anfang August, sei in den Farben der Spielsachen ein gefährlich hoher Bleigehalt festgestellt worden. Fachleute warnen, dies könne zu Gesundheitsschäden bei Kindern führen, bis hin zur Schädigungen des Gehirns. Betroffen seien insgesamt 436.000 Autos, davon 4000 Stück in Deutschland.

Spielzeughersteller in China erhängt sich

Rückruf: Bei Barbie können sich Magnete lösen und verschluckt werden

Rückruf: Bei Barbie können sich Magnete lösen und verschluckt werden

Anlass des Rückrufs seien aber keine Schadensmeldungen, sondern interne Qualitätsüberprüfungen. Darüber hinaus kündigte das Unternehmen den freiwilligen Rückruf von bestimmten Magnetspielzeugen an, unter anderem Puppen, Figuren und Spielsets. Daraus könnten sich kleine Magneten lösen und von Kleinkindern verschluckt werden. Mattel ruft insgesamt 18,2 Millionen Magnetspielzeuge zurück, davon rund 1 Million in Deutschland. Die Aktie des Spielwarenherstellers verlor auf die Berichte hin im amerikanischen Börsenhandel fast 5 Prozent ihres Wertes.

Tags zuvor hatte sich der Hongkonger Chef des südchinesischen Spielzeugherstellers Li Da Toy in seiner Fabrik erhängt. Li Da ist einer der großen Zulieferer von Mattel. Er fertigte unter anderem 967 000 Spielzeugfiguren wie Big Bird (Bibo) und Elmo aus der Kindersendung Sesamstraße, die Mattel unter seiner Marke Fisher-Price verkaufte. Die Amerikaner hatten Li Da vergangene Woche angekündigt, die Geschäftsbeziehungen zu ihm abzubrechen. Die chinesischen Behörden hatten Li Da die Ausfuhrlizenz für seine Produkte entzogen.

Ein „schwerer Fehler“

Robert Eckert, Chief Executive Officer (CEO) von Mattel, entschuldigte sich bei den Kunden, die von dem Rückruf betroffen sind. Er sei sich bewusst, dass Eltern großes Vertrauen in sein Unternehmen setzten. Dieses Vertrauen wolle Mattel erhalten, indem es den Ursachen für die Probleme nachgehe. Nach Angaben des Spielzeugkonzerns sind seine Hersteller verpflichtet, zum Bemalen der Spielwaren nur Farben von zugelassenen Zulieferern zu verwenden. Der Verstoß gegen diese Vereinbarung sei ein „schwerer Fehler“, sagte Eckert und kündigte an, sämtliche Produkte der chinesischen Partnerfirmen auf mögliche Gesundheitsgefahren zu untersuchen.

Nach der Bekanntgabe des ersten Rückrufs war eine Delegation von Mattel nach China gereist, um die dortigen Partnerunternehmen an ihre Verpflichtungen zur Sicherheit der Produkte zu erinnern. Die Fabrikbesitzer mussten einen neuen Vertrag unterzeichnen, in dem sie abermals bestätigen, wozu sie sich schon in den vergangenen Jahren verpflichtet hatten. Wie ein Sprecher von Mattel sagte, haben sich Manager auch mit Vertretern der chinesischen Regierung getroffen. Diese hätten sich sehr betroffen gezeigt von dem Rückruf des Spielzeugs, weil China dadurch in ein schlechtes Licht gerückt werde.

Aufforderungen von Mattel nicht nach gekommen

Wie die in New York ansässige Verbraucherschutzorganisation „International Center for Corporate Accountability“ berichtet, hat Mattel offenbar schon früher mitunter Schwierigkeiten mit seinen chinesischen Geschäftspartnern gehabt. Bei Besuchen in Fabriken im Jahr 2005 habe sich gezeigt, dass die Chinesen den Aufforderungen von Mattel, die Zahl der Überstunden zu verringern, nicht nachgekommen seien. Außerdem weigerten sich chinesische Unternehmer vielfach, ihren Arbeitern die Kosten für medizinische Behandlungen zu erstatten, die im Zusammenhang mit deren Tätigkeit notwendig werden.

Mattel-Chef Robert Eckert

Mattel-Chef Robert Eckert

China sieht sich wachsender Kritik gegenüber, da eine ganze Reihe seiner Produkte mit Chemikalien belastet oder vergiftet sind. Die Spannbreite reicht von Reifen über Zahnpasta und Tiernahrung bis hin zu einer Vielzahl von Lebensmitteln und eben Spielwaren. Der Tod des Li-Da-Chefs ist der zweite im Zusammenhang mit dieser Krise: Mitte Juli hatte Peking den früheren Leiter der Nahrungsmittel- und Arzneimittelaufsicht hinrichten lassen. Ihm war vorgeworfen worden, Bestechungsgelder für das Erteilen von Produktionsgenehmigungen angenommen zu haben.

Sorgen mit Barbie und Polly Pocket

Die weltweiten Rückrufaktionen von Mattel (im Foto eine Polizeiaktion in Lima) haben jetzt auch den deutschen Spielwarenhandel aufgeschreckt. Während er beim ersten Mal durch einen kleinen Artikel kaum betroffen war, könnte der jetzige Rückruf, bei dem es vor allem um bleihaltige Farbe an einem Spielzeugauto geht, mehr Folgen für das Unternehmen haben. Denn nun taucht ein zweites Problem auf. Es geht um die Spielzeugserie Polly Pocket (Mädchenspielzeug) und die beliebte Puppe Barbie. Das Problem sind Magneten, die sich lösen und verschluckt werden könnten. Mattel ist in Deutschland mit einem Marktanteil von 11 Prozent hinter Lego der zweitgrößte Anbieter von Spielwaren. Das Unternehmen ist vor allem durch seine Marken Barbie (Anziehpuppen), Hot Wheels und Transformer (Motorräder und Roboter), Fisher-Price (Kleinkindspielzeug) und Matchbox (Modellautos) sowie Spiele und Puzzle bekannt. Der erste Rückruf hat nach Angaben von Händlern bisher keine negativen Auswirkungen auf den Verkauf gehabt. Mattel liege derzeit sogar gut im Trend. Das sei darauf zurückzuführen, dass die erste Aktion Deutschland kaum betroffen habe und dass kaum ein Konsument die einzelnen Marken mit Mattel verbinde. (geg.)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, obs, reuters

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