08. Oktober 2009 Die 68 Jahre alte Elisabeth (Liz) Mohn herrscht fortan mit neuer Machtfülle über Europas größten Medienkonzern Bertelsmann. So hat es ihr Mann, der Patriarch Reinhard Mohn, bestimmt. Der Ururenkel des Unternehmensgründers Carl Bertelsmann war am vergangenen Samstag im Alter von 88 Jahren gestorben; am Mittwoch wurde er im engsten Familienkreis in Gütersloh beigesetzt. Reinhard Mohns Testament liegt beim Nachlassrichter, ist also nicht öffentlich. Im Namen von Liz Mohn gab jedoch der Aufsichtsratsvorsitzende von Bertelsmann, Gunter Thielen, gegenüber dieser Zeitung erstmals Einblick in die wichtigsten Nachfolgeregelungen Reinhard Mohns.
Danach soll Liz Mohn bis zum Alter von 75 Jahren Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG) und Sprecherin der Familie bleiben. Die BVG ist die eigentliche Machtzentrale des Konzerns. Liz Mohn hat ein Vetorecht bei der BVG und kann damit alle Entscheidungen blockieren. Sie darf selbst bestimmen, wer ihr in sieben Jahren nachfolgt. Entgegen anderslautender Vermutungen ist noch nicht ausgemacht, dass ihre Tochter Brigitte eines Tages das Zepter in der Hand halten wird. Vielmehr scheint auch ihr Bruder Christoph Mohn eine Chance zu haben: Er übernimmt die Sitze seines Vaters in der BVG und im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung.
Zur Bertelsmann-Gruppe, die 2008 rund 16 Milliarden Euro umgesetzt hat, gehören die Senderkette RTL, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der Buchverlag Random House, der Mediendienstleister Arvato und die Buchklubs.
Reinhard Mohn änderte sein Testament viele Male
Reinhard Mohn hat gewollt, dass seine Frau Liz seine Rolle übernimmt, sagt Gunter Thielen, der auch Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung und ein Vertrauter von Liz Mohn ist. Reinhard Mohn habe sich stets mit der Frage beschäftigt, wie er die Kontinuität und die Eigenständigkeit der Bertelsmann AG langfristig sichern könne, sagt Thielen. Vor diesem Hintergrund sei auch Mohns Entscheidung aus den siebziger Jahren zu sehen, die Aktienmehrheit seines Unternehmens auf eine Stiftung zu übertragen. Heute besitzt die Bertelsmann-Stiftung 76,9 Prozent der Bertelsmann AG, der Rest liegt bei der Familie Mohn.
Ursprünglich wollte der Patriarch mit dieser Konstruktion auch den Einfluss seiner Familie auf die Geschicke des Unternehmens begrenzen. Das Prinzip des über Generationen stabilen Familienunternehmens ist gescheitert. So viele gute Leute gibt es in keiner Familie, erklärte Mohn im Jahr 2001. Doch nur wenig später folgte die Kehrtwende. Weil Mohn und seiner Frau die Börsen- und Globalisierungspläne des damaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff zu weit gingen, besann er sich auf die Familie. Von nun an gewann Liz Mohn deutlich an Einfluss. Und Reinhard Mohn änderte sein Testament, viele Male, und offenbar klar zugunsten einer Person: seiner zweiten Frau.
Infolge der Rolle rückwärts wurde damals auch die Satzung der Bertelsmann-Stiftung geändert. Ursprünglich sollten die Stiftersonderrechte, die Reinhard Mohn hatte, nach seinem Ableben erlöschen. Wie bei Stiftungen allgemein üblich, hätte dann vor allem das Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung, also ein Kollektiv, über die weitere Entwicklung gewacht. Doch nun übernimmt Liz Mohn die Stifterrechte. Sie hat jetzt ein Vorschlagsrecht für die Berufung von Kuratoriumsmitgliedern. Das Kuratorium fungiert als eine Art Aufsichtsrat der Stiftung.
Vetorecht bei der BVG übertragen
Überdies hat Reinhard Mohn seiner Frau auch sein Vetorecht bei der BVG übertragen. Liz Mohn kann also alle Entscheidungen der BVG blockieren. Das ist überaus bedeutsam für die Firma Bertelsmann, denn bei der BVG liegen 100 Prozent der Stimmrechte des Unternehmens. Zusätzlich wahrt die Familie ihren Einfluss in dieser Machtzentrale, indem Christoph Mohn die Position seines Vaters in der BVG übernimmt. Dort sitzen Liz, Brigitte und Christoph Mohn drei Familienfremden gegenüber: Dieter Vogel, Jürgen Strube und Werner Bauer.
Liz Mohn ist Vorsitzende der BVG und Familiensprecherin - und soll diese Positionen nach dem Willen ihres verstorbenen Mannes noch bis zur Vollendung des 75. Lebensjahres ausüben. Danach hat sie bis zum Alter von 80 Jahren das Recht, ohne Stimmrecht an den BVG-Sitzungen teilzunehmen. Wer ihr im Jahr 2016 als BVG-Vorsitzende und Familiensprecherin nachfolgt, bestimmt sie allein. Reinhard Mohn hatte sich in seinem letzten Buch Von der Welt lernen nur in einem Halbsatz zu seinem Sohn Christoph, aber anerkennend über seine Tochter geäußert: Während sich unser Sohn Christoph durch große Eigenständigkeit auszeichnet, teilt Brigitte in ihrer zielgerichteten und verantwortungsvollen Art meine Auffassung, dass jedermann mit seiner Arbeit auch einen Beitrag für die Gemeinschaft zu erbringen hat. Dies wurde vielfach als Ankündigung gedeutet, dass schon bald Brigitte für die Familie die Führung übernehmen sollte. Thielen indes sagt: Es gibt keinen Automatismus, nach dem Brigitte Mohn später die Rolle ihrer Mutter übernimmt. Christoph Mohn hat die gleichen Chancen wie seine Schwester. Bisher wurden die Chancen des 44 Jahre alten Christoph Mohn, im Bertelsmann-Machtgefüge nach oben zu rutschen, auch deshalb als schlecht eingestuft, weil er unternehmerisch gescheitert ist: Unter seiner Führung ist die Internetfirma Lycos an die Wand gefahren. Brigitte Mohn ist ein Jahr älter als Christoph und war bislang nicht unternehmerisch aktiv. Die promovierte Politikwissenschaftlerin sitzt - ebenso wie ihre Mutter - im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung und im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG. Sie hat von ihrer Mutter den Vorsitz in der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe übernommen. Der jüngste Sohn der Mohns, Andreas, kämpft mit gesundheitlichen Problemen.
Ist Liz Mohn den großen Aufgaben gewachsen?
Liz Mohn, geborene Beckmann, hatte Reinhard Mohn beim Spiel Reise nach Jerusalem auf einer Betriebsfeier im Bertelsmann-Buchclub Rheda-Wiedenbrück kennengelernt. Dort arbeitete die damals 17 Jahr alte Frau als Telefonistin. Erst lange nach der Geburt der drei gemeinsamen Kinder bekannte sich Reinhard Mohn offen zu dieser Beziehung und ließ sich von seiner ersten Gattin Magdalene scheiden. Die drei Kinder aus erster Ehe (Johannes, Susanne und Christiane) spielen in seinen Nachfolgeregelungen keine Rolle. Sie sind aber weiterhin indirekt mit jeweils rund 2 Prozent an Bertelsmann beteiligt, ebenso wie Brigitte, Christoph und Andreas.
Viele Beobachter bezweifeln, dass Liz Mohn den großen Aufgaben, die sich aus ihrer enormen Machtfülle ergeben, gewachsen ist. Diesen Zweiflern entgegnet Thielen: Liz Mohn hat einen engen Kreis von Ratgebern. Es sind hochkompetente Fachleute aus unterschiedlichen Themenbereichen. Sie trifft ihre Entscheidungen immer nach sehr intensiver Beratung und überlegt. Dieser Weg war auch für Reinhard Mohn wichtig. Im Übrigen dürfe man Liz Mohns unternehmerische Fähigkeiten nicht unterschätzen. Sie habe zum Beispiel die Schlaganfallstiftung aufgebaut, und zwar ohne finanzielle Hilfe aus dem Konzern. Das ist eine große unternehmerische Leistung, mit der sie vielen Menschen das Leben gerettet hat.
Liz Mohn mische sich auch nicht in das operative Geschäft ein. Auf die Frage, ob der Bertelsmann-Vorstand mit Blick auf die besonderen Befindlichkeiten der Familie Mohn nicht mit einer Schere im Kopf agiere, sagt Thielen: Das glaube ich nicht. Zugleich räumt er aber ein: Jeder Vorstand ist gut beraten, wichtige Entscheidungen vorher mit den Eigentümern abzusprechen. Schließlich geht es um deren Geld. Liz Mohn spielt nicht nur im Medienkonzern selbst eine überaus wichtige Rolle, sondern auch in der Bertelsmann-Stiftung. Dort sitzt sie sowohl im Kuratorium als auch im Vorstand. Sie kontrolliert sich also gleichsam selbst. Zu dieser umstrittenen Doppelrolle sagt Thielen: Das Kuratorium bestellt die Vorstände der Bertelsmann Stiftung. Liz Mohn will dafür Sorge tragen, dass sie diese Auswahl im Sinne der Kontinuität des Hauses mit beeinflussen kann. Liz Mohn steht laut Thielen fest zu der Maxime einer partnerschaftlichen Unternehmenskultur im Hause Bertelsmann. Gerade in schlechten Zeiten muss und wird sich die Unternehmenskultur bewähren. Das gelte auch in einer Zeit, in der Tausende Bertelsmann-Mitarbeiter krisenbedingt ihren Arbeitsplatz verlören. Partnerschaftlichkeit heißt nicht, dass man nicht auch harte Entscheidungen treffen muss. Auch Reinhard Mohn hat das getan.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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