28. Februar 2008 Das Spiel ist riskant. Und es ist schon etliche Male schiefgegangen: Wer sein Schicksal an das Erreichen konkreter Zahlen knüpft, macht sich angreifbar. René Obermann wagt es trotzdem. Seine Mission sei dann gescheitert, so sagte der Telekom-Chef, wenn binnen ein, zwei Jahren der Kurs der T-Aktie nicht "mindestens Anschluss findet an die Entwicklung vergleichbarer Konkurrenten".
Gemessen an diesem Anspruch kann er mit seiner Performance nicht zufrieden sein: Die T-Aktie notiert unter dem Wert vom November 2006, als Obermann als Vorstandsvorsitzender angetreten ist. Der Dax hat sich seither besser geschlagen, die Telekom-Branche auch.
Der Markt wird umso nervöser, je länger der große Wurf in Bonn auf sich warten lässt. Keine Phantasie für die T-Aktie, nirgends. Die hohe Dividende ist da ein schwacher Trost. Mangelnde Visionen werden Obermann vorgehalten - so hat seinerzeit auch die Demontage Kai-Uwe Rickes begonnen. Das nervt den smarten Vorstandsvorsitzenden natürlich. Er mag sie nicht mehr hören, die Kritiker, die eine gigantische Übernahme in einem lukrativen Wachstumsmarkt einfordern. Er verspüre keinen Druck, den großen Coup zu präsentieren, sagt Obermann angesäuert. "Wenn sich Zukaufgelegenheiten ergeben, die betriebswirtschaftlich Sinn machen, dann nehmen wir sie wahr. Falls da draußen jemand meint, das sei nicht visionär, dann geht das an mir vorbei."
An diesem Donnerstag legt der Telekom-Chef die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Dann muss er liefern. Der angepeilte operative Gewinn von 19 Milliarden Euro werde erreicht, hat er stets betont. Alles andere wäre ein herber Rückschlag (Telekom: Überschuss sinkt, Dividende steigt).
Was hat seine Strategie bisher gefruchtet?
Vor exakt einem Jahr hat Obermann mit großer Geste eine Art Regierungsprogramm verkündet, an Wochenenden erarbeitet vom neuen Vorstand mit Hilfe namhafter externer Fachleute. Nur: Was hat diese Strategie bisher gefruchtet? Die Bilanz ist wenig imponierend. Das Durcheinander unter den diversen T-Marken hat sich etwas gelichtet, das schon. Auch gewinnt der Konzern jetzt 44 Prozent der Neukunden für die schnellen DSL-Anschlüsse. Doch auf der anderen Seite setzt sich der Schwund im traditionellen Festnetz fort: Mehr als zwei Millionen Kunden haben sich voriges Jahr vom ehemaligen Monopolisten abgewendet.
Um diesen Trend zu stoppen, hatte Obermann eine Service-Offensive ausgerufen. "Signifikante Verbesserungen" versprach er in den Call-Centern, im Abarbeiten der Aufträge und in der Termintreue - so mancher Kunde weiß noch immer vom Gegenteil zu erzählen. Aufsehen erregte jüngst ein Magazinbericht, wonach die Telekom Reklamationen ihrer Klientel massenhaft in den Papierkorb wirft. Das bestreitet der Konzern, sein Image ist aber immer noch weit entfernt von den Wünschen Obermanns.
Stellenabbau geht wohl weiter
Die Senkung der Kosten hat der junge Vorstandsvorsitzende ebenfalls angekündigt. Diesen Punkt darf er abhaken: Nach einem Kräfte zehrenden Arbeitskampf hat er 50.000 Mitarbeiter in Servicegesellschaften ausgegliedert. Der Stellenabbau gehe weiter, lässt er jetzt durchblicken. "Unsere Personalkosten sind noch nicht auf dem Niveau unserer Wettbewerber." Die Gewerkschaft wertet dies als erneute Kampfansage und droht vorsorglich schon mal mit einem "Großkonflikt" - Streik inklusive. Das Management wolle 2008 und in den kommenden Jahren noch mindestens 35 000 Arbeitsplätze bei der Telekom streichen, sagt Lothar Schröder, Verdi-Bundesvorstand und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Telekom. Dabei rechnet er freilich jene Konzernteile ein, die Obermann verkaufen oder in Partnerschaften einbringen will, auch wenn diese Jobs nicht zwangsläufig verloren sind.
Auf eine Lösung wartet schließlich die leidgeplagte T-Systems, für sie wird seit ewigen Zeiten ein strategischer Partner gesucht. Am Mittwoch wird sich der Aufsichtsrat nun dieser Frage annehmen, so ist zu hören, und wohl endlich Nägel mit Köpfen machen. Ein Haken mehr für Obermann.
Doch schon bahnt sich neues Unheil an - und zwar ausgerechnet in dem Bereich, in dem Obermann seine Meriten verdient hat: im Mobilfunk, dem Wachstumstreiber des Konzerns. In Deutschland leiden Marktanteil wie Profitabilität von T-Mobile. Die am Freitag verkündete Trennung vom bisherigen Marketing-Geschäftsführer kann als Reaktion darauf verstanden werden. Schwierig gestaltet sich das Geschäft in Amerika: Sollte die Telekom sich dort weiter auf die Mobiltelefonie beschränken, werde das Unternehmen auf Grund des "rasanten Tempos bei der Konvergenz auf dem Telekommunikationsmarkt in einer Nische verharren", warnen Analysten. Auch dies drückt den Kurs der T-Aktie.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.02.2008, Nr. 8 / Seite 42
Bildmaterial: dpa
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