René Obermann

Im Kampf um seine Glaubwürdigkeit

Von Helmut Bünder

Geraune und Spekulationen, eine gefährliche Mischung für Obermann

Geraune und Spekulationen, eine gefährliche Mischung für Obermann

29. Mai 2008 Vom Bonner Restaurant Oliveto im Hotel Königshof sind es nur wenige Minuten bis zur Zentrale der Deutschen Telekom. Für Ron Sommer, den früheren Vorstandsvorsitzenden, wäre es am Mittwoch eine gute Gelegenheit gewesen, nach dem Mittagessen mit Blackstone-Manager Lawrence Guffey an seinem alten Arbeitsplatz vorbeizuschauen. Dort tagte der Aufsichtsrat, um sich über die Spitzelaffäre informieren zu lassen. Sommer hätte dazu einiges beitragen können. Unter seiner Amtsführung sollen Journalisten mit Stasi-Methoden ausgespäht worden sein, um Geheimnisverrätern im Konzern auf die Schliche zu kommen. Aber der Aufsichtsrat hat keine Zeugen einvernommen, sondern sich von René Obermann erklären lassen, was vorgefallen ist und wie der Konzern darauf reagiert hat und noch zu reagieren gedenkt. Der heutige Vorstandschef wird von der Historie des Bonner Konzerns, vielleicht aber auch von seiner eigenen Vergangenheit im engsten Führungszirkel eingeholt.

Am Mittwoch hatte ihm der Aufsichtsrat noch das Vertrauen ausgesprochen, einen Tag später war die Staatsanwaltschaft für eine Durchsuchung im Haus. Es wird ungemütlich für Obermann, der seit November 2006 als Nachfolger von Sommers Nachfolger Kai-Uwe Ricke an der Konzernspitze steht. Bisher gibt es Obermann nichts Handfestes vorzuwerfen, es sei denn, sein ungeschicktes Taktieren gegenüber der Öffentlichkeit. Schon im Sommer 2007 waren erste Hinweise auf die Affäre herausgekommen, nicht durch systematische Ermittlungen, sondern einen Kronzeugen im Konzern, der die Bespitzelung eines Magazinjournalisten ausplauderte. Obermann reagierte in seiner üblichen Manier hart und konsequent nach innen, aber er schwieg nach außen. Das kann man ihm als Versuch ankreiden, die ganze Sache unter den Teppich zu kehren. Verständlich wäre es. Immerhin steckte die Telekom mitten in einem harten Arbeitskampf, und Obermann wurde bereits als „Bulldozer“ und „Dobermann“ angefeindet. Öffentliche Empörung über das Observieren unliebsamer Journalisten und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hätte die Stimmung wohl vollends kippen lassen. Obermanns Sprecher rechtfertigt das Stillschweigen auch damit, dass sich die Angelegenheit anders nicht hätte gründlich aufklären lassen.

Erinnerungen an die Doping-Affäre

Das kann man so sehen. Aber die Chance, reinen Tisch zu machen, ist nicht genutzt worden. Jedenfalls will man damals keinerlei Hinweise auf die illegale Weitergabe von Telefondaten gefunden haben. Die wurde erst eingeräumt, als der Skandal bereits öffentlich war. Obermann verteidigt sich damit, dass man die Ermittlungen der unverzüglich eingeschalteten Staatsanwaltschaft nicht habe behindern wollen. Dieses Argument zieht durchaus. Dennoch kratzt es an der Glaubwürdigkeit, wenn Fehler und Gesetzesbruch erst dann eingestanden werden, wenn bereits die Zeitungen darüber berichten. Ein wenig fühlt man sich an die unselige Doping-Affäre erinnert, in der lange Zeit ebenfalls nur bereits Bekanntes im Nachhinein zugegeben wurde. Aber hier geht es um mehr als um Sport. Die Affäre rüttelt an den Grundfesten des Konzerns, weil das Vertrauen der Kunden auf dem Spiel steht.

Bei der Sanierung der Telekom hat Obermann große Fortschritte vorzuweisen. In beeindruckender Geschwindigkeit hat der erst 45 Jahre alte Konzernchef den Umbau vorangetrieben, Kosten gesenkt, den viel gescholtenen Service verbessert und das Geschäft durch Zukäufe und neue Angebote gestärkt. Das verschafft ihm Kredit im Aufsichtsrat. In seiner neuen Rolle als Aufklärer läuft er Gefahr, ihn zu verspielen. Dabei gibt es bisher nicht den geringsten handfesten Hinweis darauf, dass Obermann aktiv in die Affäre verstrickt ist, also selbst illegale Überwachungsmaßnahmen angeordnet hat. Was im Raum steht, ist die Vermutung, dass er darüber Bescheid gewusst haben könnte. Tatsache ist, dass in der Ära Ricke im Vorstand über die Lecks und die Notwendigkeit, dagegen vorzugehen, gesprochen worden ist. Und da hat auch Obermann als Chef der Mobilfunksparte mit am Tisch gesessen. Zudem wird ihm ein enges Vertrauensverhältnis zu seinem Vorgänger Ricke nachgesagt. Alles andere ist bisher Geraune und Spekulation. Gleichwohl könnte sich daraus eine für Obermann gefährliche Mischung entwickeln.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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