Berliner Spedition

Das Erbe der Schulzes

Von Konrad Mrusek

Abgestellt: Das Geschäft werden jetzt wohl erstmal andere machen

Abgestellt: Das Geschäft werden jetzt wohl erstmal andere machen

28. August 2008 Dieser Konkursantrag hat in Berlin erstaunlicherweise bisher keine Schlagzeilen gemacht. Dabei müsste die Hauptstadt eigentlich um jede Firma bangen, denn sie hat nicht mehr so viele davon, die 1200 Mitarbeiter zählen und fast 100 Millionen Euro Umsatz machen. Doch Friedrich Schulze - so heißt die seit Wochenbeginn insolvente Firma - ist ein Allerweltsname, und in Berlin muss man offenbar mehr bieten als das Gewöhnliche, um zum medialen Aufreger zu werden.

Hinter dem Allerweltsnamen Friedrich Schulze Spedition und Logistik GmbH aus Berlin-Mariendorf, den es seit fast hundert Jahren gibt und den man auf vielen Autobahnen fahren sieht, steckt ein Drama des deutschen Mittelstands. Es handelt von der Geschichte zweier Familienstämme, die jeweils die Hälfte des Kapitals halten, aber nicht miteinander konnten und daher nun den unternehmerischen Offenbarungseid leisten mussten. Schulze ist nicht überschuldet, es fehlen angeblich eine Million Euro an Liquidtät, um Löhne und Gehälter zu zahlen.

Ein Anwaltsbüro voller Erinnerungen

Friedrich Schulze: “Ich hätte gerne etwas getan,  ich konnte nicht“

Friedrich Schulze: "Ich hätte gerne etwas getan, ich konnte nicht"

Wer etwas über die Chronik dieses Dramas erfahren will, der muss nicht die Firmenzentrale besuchen, sondern kann in eine Kanzlei in Tempelhof fahren. Friedrich Schulze III., der 39 Jahre alte Urenkel des Firmengründers, ist zwar Anwalt, doch sein Büro steckt voller Erinnerungen an die Spedition. Er holt ein Modell des Lastwagens hervor, auf dem der klassische Schriftzug des Firmennamens zu sehen ist, und er präsentiert stolz ein Foto seines verstorbenen Vaters Friedrich II., der ihm fast aufs Haar gleicht.

Wurde die mittelständische Spedition mit ihren knapp 300 cremefarbenen Fahrzeugen ein Opfer der Branchenkrise, die zurzeit viele in die Insolvenz treibt? Hat die geballte Ladung aus Dieselpreis-Erhöhung, neuen EU-Vorschriften und der geplanten Mauterhöhung die Firma überfordert? „Dieses Unternehmen hätte nicht in Liquiditätsnöte geraten müssen, wenn die Führung rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt hätte“, sagt der Anwalt und Gesellschafter und attackiert damit seinen 67 Jahre alten Onkel Karl Schulze. „Wenn ich nicht in der Lage bin, vernünftige Logistikverträge zu machen, in denen man steigende Kosten auf die Kunden überwälzen kann, dann bin ich nur ein dummer Fuhrunternehmer.“

Das Verhältnis in der Familie ist zerrüttet

Die deftige Wortwahl zeigt, wie zerrüttet das Verhältnis in der Familie ist. Das Debakel begann 2001, also fast neunzig Jahre nach Gründung des Unternehmens durch Friedrich Schulze I. Er etablierte 1914 ein Kohlen- und Fuhrgeschäft und musste dann in den Krieg. Er kam zwar ohne Ross und Wagen aus dem Felde zurück, doch er krempelte die Ärmel hoch und machte einen neuen Anfang. Sein Sohn Fritz machte aus der Firma ein bekanntes Umzugsunternehmen und wurde daher von der Berliner Schnauze gelegentlich „Millionen-Schulze“ genannt. 1986 wurden seine zwei Söhne, Friedrich II. und Karl Schulze, Geschäftsführer.

Nach dem Fall der Mauer blühte und expandierte die Firma. „Es war zwar ein ungesundes Wachstum, aber das Unternehmen hätte daran nicht sterben müssen,“ versichert Friedrich III. Die Schulze-Gruppe hat 17 Niederlassungen, viele Lager und ist Spezialist für die Lebensmittel-Logistik.

„Mein Vater war der Vollblutspediteur“

Das Geschäft florierte bis 2001. Dann starb überraschend Friedrich II. im Alter von 60 Jahren, und sein jüngerer Bruder Karl wurde Geschäftsführer. Für Friedrich III. ist dies der Beginn des Niedergangs. Das Unternehmen sei auf diesen frühen Verlust nicht vorbereitet gewesen, behauptet er. „Mein Vater war der Vollblutspediteur, der Onkel ist weder entscheidungsfähig noch entscheidungstreu.“

Friedrich III. und sein Bruder Alexander, die beide 50 Prozent der Gesellschafteranteile halten, wollten ihr Erbe auch in der Führung mehren, doch über mittlere Positionen kamen der Jurist und der Speditionskaufmann Alexander nicht hinaus. Der Onkel ließ die Söhne des größeren Bruders nicht ran.

„Ich musste hilflos dem Niedergang zusehen“

2003 kam es zu einer ersten Liquiditätskrise, ein Bankenpool wurde gebildet, und die Kreditgeber erwogen, Friedrich III. zu installieren. Doch der Onkel verkaufte eine Immobilie und befriedigte die Banken. Anfang 2006 versuchten die beiden Erben mit juristischen Mitteln eine Änderung herbeizuführen, doch dieser Versuch scheiterte ebenso wie ein späteres Mediationsverfahren, weil Karl Schulze seine Mitwirkung verweigerte.

„Ich musste hilflos dem Niedergang zusehen“, sagt Friedrich Schulze, „mit exakt 50 Prozent kann man nichts machen. Das ist die Crux des GmbH-Rechts.“ Man habe nur blockieren, aber nichts entscheiden können, weil Karl Schulze die Vollmacht zur alleinigen Geschäftsführung zuerkannt worden war. „Ich hätte gerne etwas getan, ich konnte nicht“, beteuert der Mann, der nicht nur um sein Unternehmenserbe fürchtet, sondern auch um seine Reputation als Anwalt. Daher ist ihm daran gelegen, vor allem den anderen Schulzes Versagen vorzuwerfen.

Bietet das Insolvenzverfahren dem Urenkel nun größere Chancen zur Mitsprache? Er habe mit dem Insolvenzverwalter bereits telefoniert, versichert der Jurist und blickt auf das Foto mit seinem Vater an der gegenüberliegenden Wand. „Ich hoffe, mit Hilfe des Insolvenzverwalters und zusammen mit meinem Bruder das Unternehmen auffangen zu können.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Thiel - F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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