Von Daniel Schäfer
01. Oktober 2007 Der böse deutsche Volksmund bescheinigt den Schweizern gerne eine gewisse Behäbigkeit. Suchte man nach einem Gegenbeweis für dieses Vorurteil, Marcel Rohner wäre das Paradebeispiel. Das Wort Entschleunigung kommt im Wortschatz des Vorstandsvorsitzenden der größten kontinentaleuropäischen Bank UBS vermutlich nicht vor. Kaum drei Monate im Amt, kehrt der erst 43 Jahre alte promovierte Wirtschaftswissenschaftler nun mit dem eisernen Besen. Er schockt die Märkte mit dem ersten Quartalsverlust der Bank seit neun Jahren, entlässt 1500 Mitarbeiter im Investmentbanking und baut die Führungsspitze um.
Rohner antwortet auf die hohen Verluste im Investmentbanking, in dem die UBS lange Zeit zu große Risiken eingegangen zu sein scheint, mit radikalen Schritten. Das passt zu dem Schnellstarter, der im Juli in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zum Konzernleiter berufen wurde. Aggressiv und entscheidungsfreudig war Rohner schon immer. Der Ziehsohn des geschassten Vorgängers Peter Wuffli hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich: in 15 Jahren vom Assistenten zum Konzernchef der nach Börsenwert zweitgrößten europäischen Bank.
Kenner beider Seiten
Auf seinen eigenen Ehrgeiz angesprochen, gibt sich Rohner gerne unprätentiös. Ich habe nie Karriereplanung betrieben, behauptet er. Geplant oder nicht, der bodenständig mit der S-Bahn aus dem Aargau zur Arbeit nach Zürich reisende Manager war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach den Assistenzjahren bei der Schweizer Bankgesellschaft heuerte er beim Bankverein an. Als beide Institute zur UBS fusionierten, war Rohner durch seine Kenntnis beider Seiten in einer hervorragenden Startposition. Kurze Zeit später leitete er das Risikomanagement der Bank, bis er schließlich zum Leiter des größten UBS-Bereichs berufen wurde: der Vermögensverwaltung.
Dort konnte sich der Tatendrang des zweifachen Familienvaters richtig entfalten. Mit einer aggressiven Wachstumsstrategie mischte er die stereotype Behäbigkeit der distinguierten Privatkundenberater durcheinander. Statt des klassischen, auf die Schweiz ausgerichteten Beziehungsbankings standen die professionelle Ausbildung der Berater und eine rasante Auslandsexpansion im Vordergrund. Dadurch baute die UBS ihre Position als führender Vermögensverwalter der Welt aus. Die Kritik der staunenden Wettbewerber, mit dem Wachstumstempo werde sich die Bank sicherlich eines Tages übernehmen, dürfte den promovierten Wirtschaftsmathematiker wenig angefochten haben.
Er muss überzeugen
Bislang hat er recht behalten. Denn gerade die Vermögenverwaltung erweist sich in diesen stürmischen Zeiten auf den Finanzmärkten - zumindest noch - als sicherer Hafen. Die nun wieder lauter werdenden Rufe mancher Aktionäre nach einer Abspaltung der Investmentbank wird der Liebhaber historischer Literatur wohl enttäuschen. Denn der Schweizer steht wie kaum ein anderer für das integrierte Geschäftsmodell mit den drei Säulen Investmentbanking, Beratung reicher Privatkunden und Asset Management. Schließlich hat er bis zu seinem Wechsel in die Vermögensverwaltung in der Investmentbank gearbeitet. Erst vor einigen Monaten hatten sich die obersten Herren der Bank auf einer Klausurtagung in den Schweizer Bergen gegen eine Aufspaltung entschieden. Rohner hat diese Entscheidung mitgetragen und bekräftigte am Montag abermals, die Geschäftsbereiche ergänzten sich bestens.
Mit den nun getroffenen harten Entscheidungen demontiert der als Analytiker und Zahlenmensch geltende Rohner gleichwohl die Strategie seines Vorgängers Wuffli. Wie sich nun zeigt, hatte dieser zu viel Kapitalmarktgeschäft auf die Bankbilanz geladen und im Geschäft mit amerikanischen Hypotheken zu sehr auf die guten Noten der Ratingagenturen vertraut. Auch das nun beendete Hedge-Fonds-Abenteuer in Amerika geht auf sein Konto. Dass sich Rohner von seinem einstigen Mentor in gewohntem Tempo lösen kann, hat er bewiesen. Nun muss der Jungmanager mit harter Sanierungsarbeit den Aktienmarkt überzeugen.
Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite 18
Bildmaterial: AFP
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